Im Herbst startet das Projekt, das allen Wiesbadenern
unter 21 Jahren eine einfache Beschäftigung garantieren soll
Von Margit Fehtinger
Mit zwei kommunalpolitischen Versprechen ist die
rot-grüne Koalition in Wiesbaden vor einem Jahr angetreten:
Die Reaktivierung der Stadtbahn und die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit
in der Landeshauptstadt. Eines davon ,will das Bündnis jetzt
einlösen: Die Beschäftigungsgarantie für alle Wiesbadenern
im Alter bis 21 Jahre.
WIESBADEN. Annähernd 1500 junge Wiesbadener im Alter bis 21 Jahre haben weder einen Arbeits- noch einen Ausbildungsplatz, jedes Jahr kommen etwa 250 Schulabgänger ohne Lehrstelle hinzu. Die meisten von ihnen gelten als ,,Problemfälle", sozial gehandicapt, ohne Hauptschulabschluß und ohne Vermittlungschancen auf dem Lehrstellen- oder auf dem Arbeitsmarkt. Ihnen allen will die rot-grüne Koalition noch in diesem Jahr zu einer Beschäftigung verhelfen. Im ,,Konzern Stadt" mit seinen vielen Tochterunternehmen, in Handwerksbetrieben, in kirchlichen und in karitativen Einrichtungen sollen Stellen geschaffen werden, die den Einstieg der jungen Leute in ein geordnetes Berufsleben ermöglichen. ,,Keine Top-Jobs mit Spitzenverdiensten", warnt SPD-Fraktionschef Rolf Praml vor allzu hohen Erwartungen. Einfache Beschäftigungen und eine Bezahlung unterhalb des marktüblichen Niveaus sollen den Anreiz erhöhen, sich um einen ,,normalen Arbeitsplatz" zu bemühen.
Derzeit feilen die SPD-Dezernenten Holger Goßmann, im Magistrat zuständig für Wirtschaftsförderung, Stadtkämmerin Inge Vittoria und Sozialdezernent Wolfgang Hessenauer noch an den organistonschen und finanziellen Details für das rot-grüne Prestigeobjekt ,,Jugendarbeitslosigkeit Null", bevor das Konzept dann von den Parteigremien und dem grünen Partner abgesegnet und anschließend im Stadtparlament zur Diskussion gestellt werden soll. ,,Ab Herbst soll das ,Programm umgesetzt werden", kündigte Rolf Praml in einem FR-Gespräch an.
Qualifizierung zu einfacher Beschäftigung ist das Ziel der Aktion. In Gärtnerkolonnen, im Betriebshof der Stadtwerke, bei Renovierungsarbeiten in Schulen und Kindertagesstätten, bei sozialen Diensten in Kirchen oder Hilfsorganisationen und in Handwerksbetrieben sollen die jungen Leute für eine geregelte Arbeit fit gemacht werden. Vermittelt werden alle Jobs von der Stadt: Angebot und Nachfrage sollen entweder bei der Stadtentwicklungsgesellschaft, dem Sozialamt oder dem Amt für Wirtschaftsförderung gebündelt werden. Dort bemüht man sich um Stellenakquisition, dort werden die jugendlichen Interessenten nach einem Arbeitsplatz nachfragen. Alle Jugendlichen schließen mit der Stadt einen Beschäftigungsvertrag ab und werden dann als Arbeitskräfte ,,ausgeliehen".
Den städtischen Betrieben soll diese Aufstockung ihres Personals nicht in Rechnung gestellt werden, privatwirtschaftliche Unternehmen müssen sich wahrscheinlich mit einer Pauschale an den Lohnkosten beteiligen. Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer haben ihre Mitwirkung versprochen, sie wollen dafür sorgen, daß genügend Firmen und Handwerksbetriebe Stellen, für dieses jugendliche Klientel schafft.
Einfluß auf die Auswahl ihres neuen Mitarbeiters sollen sie freilich nach den bisherigen Vorstellungen der SPD nicht nehmen dürfen. Grund: ,,Vermeidung des Mitnahme-Effekts." Man wolle verhindern, daß die heimische Wirtschaft ihre Ausbildungsplätze abbaut und durch ,,billige Jobs" ersetzt.
Eine ,,gewaltige finanzielle und organisat6rische Kraftanstrengung" kommentiert Rolf Praml das anspruchsvolle Programm, dessen Verwirklichung jährlich vier bis fünf Millionen Mark verschlingen werde - noch nicht berücksichtigt die Summe, die benötigt wird, um die vielen jugendlichen Arbeitslosen aus den vergangenen Jahren in eine Beschäftigung zu vermitteln. Bezahlt werden soll die Aktion aus Sondererlösen der Stadt: Einmal aus Einnahmen der Stadtentwicklungsgesellschaft, die beim Verkauf ehemaliger militärischer Liegenschaften erzielt wurden. Zum anderen von den Millionen, die die Kraftwerke Mainz-Wiesbaden von ihrem neuen Kooperationspartner kassieren: Die Darmstädter HEAG kauft sich in das kommunale Energieversorgungsunternehmen ein.
Bereits seit Jahren engagiert sich die Landeshauptstadt für sozial benachteiligte und gering qualifizierte Jugendliche: In der städtischen Jugendwerkstatt WJW werden jährlich 270 Jungen und Mädchen in 28 verschiedenen Berufsfeldern ausgebildet, 48 Lehrstellen bietet das Johannesstift in seinem Beschäftigungs- und Qualifizierungsprojekt, weitere 15 Plätze stellt START zur Verfügung, ebenfalls ein berufliches Orientierungsprojekt, das aus der Stadtkasse gefördert wird. ,,Mehr Ausbildungsplätze sind auf dem zweiten Arbeitsmarkt nicht zu etablieren", sagt Stadtrat Wolfgang Hessenauer.
Die städtische Garantie auf einen Arbeitsplatz erlischt mit dem 22. Geburtstag. Für weitergehende Beschäftigungs-Initiativen fehlt der Stadt das Geld. Obwohl sie bitter nötig wären. Das ,,Wiesbadener Modell" sollte den Bonner Politikern als Vorbild dienen, fordert Rolf Praml, der prophezeit, daß die Beschäftigung gering qualifizierter Arbeitnehmer auch in künftig eine ,,Daueraufgabe in beachtlichem Umfang" bleiben werde.
FR 26.2.98