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Zur Situation Arbeitsloser


„Der Strick zieht sich langsam zu
Die Existenzangst unter Arbeitslosen wächst/ Lebensmittel von der Tafel für Einkommensschwache
VON KLAUS TSCHARNKE, DPA

GIESSEN/WETZAR 25.JULI
Für Barbara Schäfer war die jüngste Arbeitsmarkt-Reform wie ein Keulenschlag: „Mit Hartz IV kann ich nicht mehr existieren`; stellt die 49 Jahre alte Gießenerin bitter fest. Seit zwei Jahren ist sie arbeitslos. Seitdem hatte die einst gut verdienende Grafik-Designerin schon erhebliche finanzielle Einbußen hinnehmen müssen. Mit der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe werden ihre Einkünfte nun sogar unter das bisherige Sozialhilfeniveau rutschen. Für ihre Zukunft sieht sie schwarz: „Egal wohin man sich wendet: Der Strick zieht sich immer mehr zu." Die Gießenerin, die keineswegs unbedingt in Mittelhessen bleiben will und die ihre Stellensuche auf den gesamten deutschsprachigen Raum ausgedehnt hat, versucht das mit nüchternen Zahlen zu belegen: Nach zweijähriger vergeblicher Jobsuche erhält die Grafik-Designerin 850 Euro Arbeitslosenhilfe. Mit der zum 1. Januar 2005 geplanten Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe wird dieser Anspruch auf 345 Euro sinken. „Mit diesem Geld kann ich meine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen, betont sie. Vor allem ihr Auto sichere ihr aber jene Flexibilität, die auf dem Arbeitsmarkt verlangt werde, betont die Endvierzigerin. Dass sie nun auch noch ihre angesparte Lebensversicherung auflösen soll, hält sie für ein Unding.

Von einer Lebensversicherung kann hingegen Antonia Schäfer in Wetzlar nur träumen. Und auch von ihrem Auto hat sich die 38-Jährige schon im vergangenen Jahr getrennt. Steigende Benzinpreise, Ausgaben für Wartung und Reparatur - dafür war in dem knappen Budget der gelernten Industriekauffrau kein Platz mehr. Nach einer Lehre bei einem Wetzlarer Industrieunternehmen hatte sie zunächst bei Zeitarbeitsunternehmen vorübergehend ein Auskommen gehabt. Nach einer immer wieder aufflackernden psychischen Erkrankung fand sie schließlich auch dort keinen Job mehr. Derzeit lebt sie von 670 Euro Arbeitslosenhilfe. 396 Euro davon gingen für die Miete drauf, noch einmal 50 Euro für Strom, berichtet sie. Vom Sozialamt erhält sie 70 Euro Wohngeld. Künftig wird auch sie mit 345 Euro im Monat auskommen müssen. Um Wohnkosten zu sparen, denkt sie an die Gründung einer Wohngemeinschaft. Ihre Lebensmittel bezieht sie von einer Tafel für Einkommensschwache. „Für zwei Euro erhalte ich zwei Kisten Lebensmittel, die kurz vor dem Verfallsdatum stehen. So komme ich auch mit wenig Geld über die Runden". Weit mehr als ihre finanziellen Probleme macht Antonia Schäfer der psychische Druck zu schaffen. „Ich habe Angst davor, wie es weiter geht. Ich wache jeden Morgen mit Asthmakrämpfen auf. Das ist, als ob ein Gorilla auf meiner Brust sitzt", beschreibt sie ihre Beschwerden. Angesichts der drohenden Kürzung im Rahmen der Arbeitsmarktreform denkt die Hessin auch immer öfter ans Auswandern. „Spanien oder Südfrankreich - das könnte ich mir gut vorstellen", schwärmt sie. Irgendein Job werde sich dort schon finden lassen. Die Hoffnung auf eine Stelle in Deutschland habe sie dagegen aufgegeben.

Noch härter wird das vierte Paket der Hartzreform aller Voraussicht nach den 54 Jahre alten Kasseler Informations- Elektroniker treffen, der aus Rücksicht auf laufende Bewerbungen lieber ungenannt bleiben möchte. Der seit einem Jahr arbeitslose Familienvater wird mit dem Auslaufen des Arbeitslosengeldes im August 2005 wohl vollkommen leer ausgehen. Denn beim künftigen Arbeitslosengeld II wird das Einkommen des Ehepartners auf das Familieneinkommen angerechnet. Und zu dem steuert seine Ehefrau mitsamt des von ihr bezogenen Kindergeldes rund 1700 Euro bei. Auf Heller und Pfennig lässt sich der Einkommensverlust der Kasseler Familie aber wohl erst im September 2005 ermitteln. Dann muss der Haushalt zwar auf monatlich rund 850 Euro verzichten, spart aber auf Grund der dann günstigeren Steuerklasse der Ehefrau 200 bis 300 Euro. Auch hat dann wahrscheinlich der 24 alte studierende Sohn einen Bafög-Anspruch, der ihm bisher wegen des hohen elterlicben Einkommens verweigert wird. „Alles in allem gehe ich davon aus, dass wir rund 400 Euro weniger Familieneinkommen haben als heute", schätzt der arbeitslose Computerfachmann. Selbst ein billiger Campingurlaub sei damit kaum noch drin.

Aus: FR vom 26.Juli 2004, Seite 34


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