Vermittlungsstelle für schwerbehinderte
Akademiker
Wer als Behinderung Arbeit sucht, wendet sich ans Arbeitsamt - logisch. Halt: ganz logisch ist das nicht, denn neben den Reha-Abteilungen der örtlichen Arbeitsämtern gibt es eine spezielle Stelle, die für alle schwerbehinderten Akademiker (das sind alle mit einem Fachhochschul- oder Uni-Abschluß) zuständig ist. Diese Stelle ist bei der ZAV in Frankfurt angesiedelt und damit direkt der Bundesanstalt für Arbeit unterstellt.
Heutzutage sicher ein nicht zu weit hergeholter Vergleich: Die Suche nach einem Arbeitsplatz kommt oftmals einer kriminalistischen Spurensuche sehr nahe. Bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt versteht sich ein Vermittlungsteam auf die Tatortsuche, pardon, die Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz. Gesucht wird für Absolventinnen und Absolventen der Fachhochschulen und Universitäten, sofern diese mit schwerwiegenden Behinderungen ins Rennen um einen Arbeitsplatz gehen. Die Vermittlungs-mannschaft berät, informiert und vermittelt bundesweit und schaltet sich ein, sobald ein Grad der Behinderung von mindestens 80 vorliegt. Ausnahmen werden dann von dieser schematischen Regelung gemacht, wenn es sich um progrediente Behinderungen handelt.
Über 800 schwerbehinderte meist junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind momentan bei der ZAV gemeldet, wobei ein Teil nicht arbeitslos, sondern auf der Suche nach einer passenden Stelle ist.
Pro Jahr gelingen der ZAV gut und gern 150 Vermittlungen. Ein großer Teil der Arbeitsverhältnisse sind zunächst befristet, was jedoch der Normalität auf dem Arbeitsmarkt für wissenschaftlichen Nachwuchs entspricht. Unbefristete Arbeitsverhältnisse kommen häufig dadurch zustande, daß die ZAV für bis zu drei Jahren Arbeitgebern Zuschüsse zu den Gehaltskosten gewährt.
Petra Rummel-Schäfer, innerhalb des VermiBlungsteams für Geistes- und Sozialwissenschaftler sowie Elektroingenieure aktiv, hat positive Erfahrungen mit Arbeitgebern in Bezug auf die Einstellung von Rollstuhlfahrern gemacht. Ihre Vergleichsmaßstäbe resultieren aus der VermiBlung von Personen mit anderen, schwerwiegenden Behinderungen. Sie macht jedoch die Einschränkung, daß es extrem schwierig ist, Arbeitgeber zu überzeugen, wenn es sich um Behinderungsformen handelt, die sich -aus Sicht der Arbeitgeber - verschlimmern könnten.
Architektonische Barrieren sieht sie aus ihrer Erfahrung nicht als bedeutendes VermiBlungshindernis an - auch wenn diese oft von den Bewerbern ganz oben auf der Liste der zu lösenden Probleme gesetzt werden; im Gegensatz zu mentalen Barrieren lassen sich technische Probleme meist lösen. Die ZAV kann im Rahmen der beruflichen Rehabilitation dafür entweder die Kosten übernehmen oder mit dem sonst zuständigen Rehaträger eine Lösung des Problems erreichen.
Dr. Mechthild Törner (vermittelt Naturwissenschaftler, Sozialarbeiter, Psychologen) ergänzt diese Sicht dahingehend, daß Schwierigkeiten bei der Finanzierung technischer Arbeitshilfen dann auftreten können, wenn es sich um befristete Arbeitsverhältnisse handelt. Leistungen an Arbeitgeber (z.B. Übernahme der Kosten für einen Aufzug) dürfen nur dann gewährt werden, wenn es sich um ein unbefristetes Arbeitsverhältnis handelt.
Bei Sozialarbeitern und Sozialpädagogen gelingt ihr die VermiBlung meist nur dann, wenn es sich um Arbeitsplätze mit einer Komm-Struktur, also nicht um aufsuchende Sozialarbeit oder Streetworking handelt.
Bei den Psychologen, die oftmals Tätigkeiten im Rahmen einer therapeutischen Weiterbildung in Krankenhäusern und Kliniken anstreben, ist das Thema architektonische Barrieren vielfach ohne Bedeutung.
Nada Herman (Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, Apotheker, Maschinenbau-Ingenieure) stößt bei ihren VermiBlungsbemühungen oft an technische Grenzen und ist deshalb genötigt, Neuland zu betreten. Sie konnte in letzter Zeit einige VermiBlungen realisieren, weil es gelang, durch entsprechende Vorrichtungen eine Tätigkeit am Operationstisch zu ermöglichen. Dadurch, daß sie über Zuschüsse verfügt, mit der sie befristete Arbeitsverhältnisse für AiP und Assistenzärzte massiv fördern kann, ist es möglich geworden, trotz ungünstigem Arbeitsmarkt für Jungmediziner, einer größeren Zahl zu Weiterbildungsstellen zu verhelfen.
Reiner Schwarzbach (Juristen, Volks- und Betriebswirte, EDV-Fachleute) leitet den Bereich seit über sieben Jahren. Die Hälfte aller VermiBlungen, so seine Bilanz, geht in den Öffentlichen Dienst, i.W. zu Bundes- und Länderministerien. Private Arbeitgeber können dann gewonnen werden, wenn die ZAV gesuchte Spezialisten anbieten kann. Obwohl bei fast allen Behörden "Fürsorgeerlasse" existieren, ist es im Einzelfall oft schwierig und langwierig, die nötigen Voraussetzungen zu schaffen. Er berichtete von einem Fall, in dem es mehrere Jahre dauerte, bis endlich ein Aufzug zur Verfügung stand und damit die Einstellung eines Wirtschaftswissenschaftlers möglich wurde, der einen Rollstuhl benutzt.
Er betont, daß der Weg
zum Erfolg oft ein nervenaufreibender und mühevoller ist.
In Einzelfällen kann der Kampf um einen Arbeitsplatz durchaus
mehrere Jahre dauern. Da geeignete Stellenangebote oft nicht vorliegen,
gilt es, für einzelne Personen geeignete Arbeitsplätze
- und nicht etwa umgekehrt - zu suchen. Diese "Tatortsuche"
ist eine extreme Herausforderung an Fleiß und Findigkeit
für alle Beteiligten. Aber sie scheint sich zu lohnen: immerhin
pro Jahr 150 VermiBlungen...
Petra Rieth
Anschrift:
Zentralstelle für ArbeitsvermiBlung
Bereich 11.50
Postfach 17 05 45
60 079 Frankfurt
Tel. 069/ 7111-322
Fax 069/7111-540
Petra Rummel-Schäfer,
Geistes- und Sozialwissenschaftler
Nada Herman
(Ärzte, Zahnärzte, Tierärzte, Apotheker, Maschinenbau-Ingenieure)
Dr. Mechthild Törner
(Naturwissenschaftler, Sozialarbeiter,
Psychologen)
Reiner Schwarzbach
(Juristen, Volks- und Betriebswirte, EDV-Fachleute)