Was vor 20 Jahren noch der Normalfall war, ist heute die
Ausnahme: Dialysebehandlung zuhause.
Wer nach Nierenversagen dreimal wöchentlich ''an die Maschine''
muß, braucht nicht unbedingt jedes Mal in ein Krankenhaus oder
Dialysezentrum zu fahren - wer einen Partner hat, kann mit
diesem zusammen geschult werden und dann die Behandlung zuhause
machen. Ein solcher Partner wird in der Regel Ehepartner sein,
es kann aber auch ein sog. bezahlter Fremdpartner sein, z.B.
eine Schwester von einer Sozialstation; besondere Anforderungen
an die berufliche Qualifikation werden nicht gestellt (auch
Ehefrauen sind ja nur in Ausnahmefällen beruflich vorbelastet).
Natürlich kann die Heimdialyse Nachteile haben, und sie kann
eine große Belastung sein. So wird eine Familie, in der einer
oder gar beide Partner berufstätig sind, in der es kleine Kinder
gibt, diese zusätzliche Belastung u.U. nicht verkraften. Auch in
besondern Belastungs-Situationen, bei akuter Krankheit oder
anderen Problemen, kann es sehr schwierig werden.
Als die Behandlung mit der künstlichen Niere in Deutschland eingeführt wurde (das war vor ca. 30 Jahren),
war Heimdialyse einfach zwingende Folge der (noch)
knappen Behandlungsmöglichkeiten. Ich habe Dialytiker erlebt,
die vor 30 Jahren an die Maschine kamen - nachdem das erste
Stadium überstanden war, wurden sie noch nach England geschickt
und dort in die Benutzung der Dialyse-Maschine eingewiesen -
nicht einmal für das Dialyse-Training gab es damals ausreichend
Kapazitäten. Maschinen und Verbrauchsmaterial waren relativ
leicht zu beschaffen - Gebäude für Krankenhäuser und
Dialyse-Zentren konnten nicht so schnell gebaut werden.
Heute ist das alles anders. Schon vor 10 Jahren standen viele
Ärzte der Heimdialyse skeptisch gegenüber, das sei nur etwas
für sehr stabile und disziplinierte Patienten. Ich mußte mich 2
Jahre lang darum bemühen, in die Heimdialyse wechseln zu
''dürfen'', und in den 8 Jahren bin ich die einzige
Heimdialyse-Patientin meines betreuenden Zentrums geblieben.
Heute gibt es fast überall in der Nähe ein Dialyse-Zentrum, sodaß es kaum noch weite Anfahrtwege gibt, und durch immer mehr Nierentransplantation betrachten viele die Dialysebehandlung nur noch als
ein möglichst kurzes Übergangsstadium zwischen dem Versagen der eigenen und dem Einpflanzen einer neuen Niere. Unter solchen Umständen ist Heimdialyse natürlich ins Hintertreffen geraten.
Manchmal scheint es auch, als sei Heimdialyse einigen Fachleuten nicht ganz geheuer: da passt keiner auf, was "die zuhause" dann wie treiben, ob sie sich auch an das übliche "Dialyse-Regime" halten.
Und: Heimdialyse-Leute sind schlechter zu kalkulieren. Wenn es Probleme gibt, kommen sie kurzfristig zur Behandlung ins Zentrum oder der Arzt muß hinfahren... All das Aspekte, die dazu führen mögen, daß kaum noch
jemand Werbung für diese Behandlungsform macht.
Die Erfahrung zeigt aber: einfach dadurch, daß die Dialyse zuhause viel problemloser in den Tagesablauf einzubauen ist, ist sie viel leichter als sinnvolles Element des Lebens zu akzeptieren. Und merkwürdig: Heimdialyse-Patienten gehen viel verantwortungsbewußter mit sich
selbst um, sie haben auch gelegentlich viel bessere medizinische Daten als Zentrumspatienten.
Zuhause ist es eben viel leichter, mal eine halbe oder ganze Stunde "dranzuhängen", also die Behandlung auszudehnen, und dadurch wird sie sowohl gründlicher als auch schonender.
Heimdialyse-Leute gehen auch sehr viel bewußter mit diesen Lebensbedingungen um, sie kennen sich mit Maschine und Körper besser aus. Kein Wunder: sie können es sich nicht leisten, sich einfach hinzulegen, den Arm hinzustrecken und zu sagen: "So, nun macht mal...!"
Allerdings ist das auch eine Sache von Henne und Ei: erst durch diese Art, mit der Behandlung umzugehen, kann so ein Umgang mit dem eigenen Körper wachsen. Wer noch keine Heimdialyse macht, wird also oft als "unsicherer Kandidat" betrachtet, aber woher sollte ein souveräner Umgang mit der Dialyse auch vorher kommen?