Kunst kennt keine Behinderung
Vor bald 4 Jahren entstand durch Kontakte einiger Mitglieder der Frankfurter Behindertenarbeitsgemeinschaft (FBAG) zu einem Projekt in Luxemburg die Idee, künstlerische Aktivitäten behinderter Menschen und Künstlern anzuregen. Es folgten gegenseitige Besuche, Exkursionen und Gruppenaktivitäten, und parallel dazu wurde die Gründung eines entsprechenden Trägervereins in Frankfurt betrieben. Säulen waren eine Projektgruppe im DRK sowie die "Werkstatt Galerie 37" der Stiftung Blindenanstalt sowie einige engagierte Einzelpersonen.
Schließlich wurde am 16.11.95 eine Projektwoche eröffnet,
zu der eine Dokumentation präsentiert wurde, außerdem
grafische Arbeiten sowie Skulpturen aus Schrott. Die Theatergruppe
"Salto integrale" präsentierte ihr neuestes Stück
"Ach, diese verflixte Leidenschaft", der Verein "Durchblick"
- eine Initiative von Psychiatriebetroffenen aus Leipzig (einer
Partnerstadt Frankfurts) stellte ihren neuen Kalender mit dem
Titel "Kunst ist verrückt" vor, das Programm reichte
von Disco über Kabarett und Speckstein-Workshop bis zu Tanzimprovisation
und Textwerkstatt mit Herbert Nagel.
Auslöser für die Projektidee war eine Ausstellung "Kunst
im sozialen Raum", die im Frühjahr 93 von Herbert Nagel
vorbereitet und im Frankfurter Sozialamt gezeigt wurde, und ausgehend
von Stiftung Blindenanstalt und DRK kristallisierte sich das Projekt
"Kunst kennt keine Behinderung" heraus.
Juli 93 Informationsfahrt nach Luxemburg
Oktober 93 erste Initiative in Richtung auf einen Verein "Kunst
und Behinderung"
ab jan. 94 regelmä0ige Treffen in der Werkstatt Galerie 37
der Stiftung Blindenanstalt
juli 94 zweite Informationsfahrt nach Luxemburg
sept. 94 Informationsfahrt nach Berlin
nov.94 Fahrt nach Worpswede bei Bremen
Interessant ist an diesem Projekt, daß nicht der "künstlerische"
oder der materielle Wert von geschaffenen Objekten oder Werken
im Mittelpunkt steht - dafür gibt es mit oder ohne Berücksichtigung
der Behinderung wirklich genug Foren, Galerien und Messen. Der
Weg ist das Ziel: die Kooperation, die gemeinsame sinnvolle Beschäftigung,
der Austausch.
Ob nun "Kunst und Behinderung" in einer Problemstadt
wie Frankfurt mit politischer Eiszeit und Kürzungen im Sozialbereich
etc. ein notwendiges Projekt ist, darüber könnte man
sicher trefflich streiten. Fragt man die an den Aktivitäten
Beteiligten, ist das überhaupt keine Frage.
Eine der Plastiken im Freigelände erinnerte mich an den Schredder
in meinem Garten... Im Ernst: Das Ding sieht aus wie ein Vogel.
Tatsächlich erkannte ich nach einer Weile, daß es von
einer Waschmaschinentrommel abstammt, die in ihrem früheren
Leben als Sperrmüll im Grünen hinter dem benachbarten
Wohngebiet gelegen hatte. Ob Familie Saubermann ihre Waschmaschine
wiedererkennen würde?
Sehr bedauerlich fand ich, daß die Aktionswoche von der
Lokalpresse weder angekündigt noch hinterher darüber
berichtet wurde - lediglich eine kleine 20-Zeilen-Notiz am "Schwarzen
Brett" der Frankfurter Rundschau über die Eröffnung.
Im Hintergrund kann man diverse Verbandsegoismen vermuten...
Petra Rieth