Der streik
Des königs lieblingswärterin war Miminka. Sie war gross und stark und konnte ihm am besten das korsett schnüren. Eines morgens aber kam Miminka, kurz Miminka genannt, ohne haube in des königs gemächer.
"Was ist los?" fragte der könig streng. "Was unterstehst
du dich, ohne haube vor mir zu erscheinen?" "Ich will keine
haube mehr tragen", sagte Miminka, "wir streiken."
Der könig zog indigniert
seine augenbrauen hoch, begnügte sich aber mit einem ,,Hm,
hm . .. interessant, interessant. Doch lassen wir das für
heute. Putz mir meine brille!"
Es ist zu bemerken, dass der
freakkönig gerade in sehr sanfter stimmung war. Auch hatte
er insgeheim etwas angst vor Miminka.
,,Ich putze deine blöde
brille, wenn es mir passt." sagte Miminka, schob ihm den
nachttopf unter und steckte ihm den fiebermesser in den mund.
Der freakkönig sagte ,,Hm, hm" und schwieg dann, was
bei ihm selten vorkam. Aber kaum hatte ihm Miminka den rücken
gedreht, drückte er schnell auf den knopf seines elektrorollstuhls
und fuhr eilends zu seiner schwester Ludmilla.
Ludmilla war wie immer am wegwerfgeschichtenschreiben. Sie begrüsste ihn erstaunt:
"Warum bist du denn auf
dem nachttopf?"
Der könig der freaks
liess den fiebermesser aus dem munde fallen und sagte kläglich:
,Ich muss gar nicht. Miminka
hat mich einfach drauf gesetzt. Ausserdem will sie keine haube
mehr tragen - sie streiken."
,,Was ist denn das für
ein dummes zeug - streiken?! Vielleicht ist Miminkas innenleben
kaputt. Ich ruf mal meine Wärterin Magdalena, sie soll dich
vom nachttopf nehmen." Magdalena hiess eigentlich Wagdalena.
Da ihr die königlichen katzen aber infolge ihres sprachfehlers
immer ,,Magdalena" sagten, hatten das auch die freaks übernommen.
Ludmilla schrieb also KOMMEN!
auf ein wegwerfblatt und gab es ihrem hauselefanten in den rüssel.
,,Bring das Magi."
Nach längerer zeit kam Magdalena - auch sie ohne haube. ,,Was soll das heissen?" fragte die schwester des freak-königs streng. ,,Zieh sofort deine haube an und nimm den könig vom topf, er stinkt." Der könig hatte eben unterdessen doch gemusst.
,,Wir streiken", sagte
Magdalena und verschwand. Nun begann eine schlimme zeit im freakland.
Die wärter streikten und die freaks mussten sich selber helfen,
was gar nicht gut ging. Die nachttöpfe standen gefüllt
überall herum. Die brillen wurden so schmutzig, dass die
freaks darüber hinwegschauen mussten, damit sie überhaupt
noch etwas sahen und die rollstuhlspeichen rosteten, dass gotterbarm.
Nach einer woche berief der
könig eine grosse versammlung ein.
Freaks und wärter verhandelten
lange stunden, aber die verhandlungen wären beinahe gescheitert,
weil ein freak einen wärter überfuhr.
Das gab natürlich böses
blut unter den wärtern und der könig hatte alle mühe,
die sache wieder in ordnung zu bringen.
Endlich, nach vielen tagen,
kamen sie zu einer einigung. Die wärter nahmen ihre arbeit
wieder auf unter der bedingung, dass man sie als freunde behandle
und sie keine häubchen mehr tragen müssten. Dafür
versprachen sie, auf die fiebermesser zu verzichten.
Der überfahrene wärter
bekam einen rollstuhl. Und der könig schenkte Miminka zum
zeichen seines guten willens eine hübsche runde brille.
So einfach ist es, ein freak zu werden.
Ursula Eggli: Geschichten aus Freakland, S. 58