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Frankfurter Buchmesse '99 - Gastland Ungarn |
Zoltan Zemlenyi
HOPPARESIMI !
Aus dem Ungarischen von Gizella und Sandra Hemmer
Vorwort
Der Leser hält ein Buch in Händen, das
nicht nur in literarischer Hinsicht Seltenheitswert besitzt.
Es ist einmal sehr ungewöhnlich, daß jemand
im Alter von sechzehn Jahren ein von reifer Weltanschauung zeugendes
Tagebuch schreibt, aber daß dieses Tagebuch ein Mensch verfaßt
hat, dessen Nervensystem infolge eines Unfalles schwer geschädigt
wurde, ist geradezu außergewöhnlich.
Am 7. März 1985 wurde ein junger Mann im Alter
von 15 Jahren von einem Auto überfahren. Ein kerngesunder
Junge, dessen Motorik intakt und der voll seinem Alter entsprechender
Vitalität und Lebensfreude war.
Einen Monat lang war er bewußtlos, dann erwachte
er, Dank der Bemühungen der Ärzte, allmählich aus
seinem Koma und erlangte sein Bewußtsein wieder.
Nachdem die erste Schlacht gewonnen war - er überlebte
-, zog man Bilanz: Wie schwerwiegend sind die Schäden, die
zurückbleiben würden? Die Denkfunktion war in Ordnung,
aber die Motorik (das bewegungssteuernde System) wies schwere
Störungen auf. Der Junge konnte nicht gehen. Wollte er die
Hände gezielt bewegen, so gelang ihm das nicht. Statt dessen
brachte er nur komische, zappelige, zu diesem Zeitpunkt zu nichts
zu gebrauchende Gesten zustande. Das Sprechen war auch in Mitleidenschaft
gezogen. Immer, wenn er zu sprechen versuchte, waren die Bewegungen
der Mund-, Zungen- und Rachenmuskulatur genauso bizarr wie die
der Hände.
Bei der Hirnverletzung eines erwachsenen Menschen
treten im allgemeinen schwerere oder leichtere Bewegungsstörungen
auf, der Grad der Lähmung bewegt sich nur auf der Skala der
schweren Stufen, bringt kleine, für den Laien komisch erscheinenden
Auffälligkeiten mit sich. Diese können zwar an sich
in ihrer Einfachheit erschütternd sein; da aber das Gesicht
gewöhnlich nicht betroffen ist, wird dem mit dieser Lähmung
Behafteten sein menschliches Dasein nicht geraubt.
Wenn es bei einem Nervensystem, das sich noch im
Wachstum befindet, zu einer Verletzung aufgrund einer physischen
Einwirkung kommt, so wird dabei in erster Linie das sog. extrapyramidale
System geschädigt. Das führt in der Phase, in der sich
die Lähmung löst - und dies ist meist ein langer Weg
dazu, daß karikierte, bizarre, unwillkürliche Bewegungen
auftreten. In der Fachsprache bezeichnet man das als das Auftreten
von Überbewegungen.
Da alles von der extrapyramidalen Innervation der
Mimik-Muskeln gelenkt wird, angefangen von den feinen Nuancen
der Mimik, über den Ausdruck des Gefühlszustandes, bis
hin zur Widerspiegelung des geistigen Niveaus, führt die
Schädigung der Mimik-Muskeln zur dramatischen Veränderung
der Bewegungsfähigkeit des gesamten Organismus. Der Patient
ist nicht nur unfähig, die grundlegenden Bewegungen auszuführen,
er bringt sogar statt dessen für sein Gegenüber komische
Bewegungen hervor. Das Gesicht ist der Spiegel der
Seele - vorausgesetzt, das extrapyramidale System funktioniert
gut. Sobald die Feinheiten der Mimik-Muskeln geschädigt sind,
verliert das Gesicht seinen menschlichen Inhalt und
spiegelt etwas Falsches wider: inwieweit Verstand vorhanden ist,
bleibt hinter dem doofen Gesichtsausdruck verborgen. In unserem
Falle ist der Verstand nicht nur vollkommen erhalten geblieben,
er befindet sich auch auf einem sehr hohen Niveau. Daraus resultiert
der herzzerreißende Konflikt dieses Tagebuches: Das Kind
wird - mit Ausnahme seiner unmittelbaren Umgebung - von fast jedem
von oben herab behandelt. Bestenfalls ist diese dem ,,kleinen
Dummen" erwiesene freundliche Herablassung - gut gemeint,
aber trotz ihres honigsüßen Textes verletzend und demütigend.
Und erst recht, wenn sogar die gute Absicht fehlt...
Nach dem Unfall blieb nicht nur der Verstand, sondern
auch das Gefühls- und Triebleben intakt.
Wahrscheinlich ist ein junger Mann im Alter von 16
Jahren am empfindsamsten, was gefühlsmäßige Bindungen
betrifft.
Und als er sein Bewußtsein wiedererlangt und
in die Welt der gesunden Menschen zurückkehrt, wird seine
Sehnsucht nach Liebe und Verständnis plötzlich
noch größer. Er sehnt sich nicht nach Mitleid, nach
christlichem Mitgefühl, sondern sucht nach intellektueller
und gefühlsbetonter Partnerschaft. Denn der Weg zur Möglichkeit
der weiteren Besserung steht offen, man muß ihn nur gehen.
Aber mit welcher Schwierigkeit, um welchen Preis!
Schon einem Erwachsenen gebührte größte
Anerkennung für den Krafteinsatz, den die Rehabilitationsübungen
tagtäglich einfordern. Der Schicksalsschlag, der den Autor
des Tagebuches getroffen hat, macht ihn frühreif.
Aber sobald dieses Element im Text auftaucht, blitzt
schon die ,,Weisheit" des Teenager-Alters auf, die den ausgezeichneten
und unterhaltenden, zum Nachdenken anregenden und erhebenden Gedankengang
des Tagebuches im Gleichgewicht hält.
Für den Teenager-Autor ist das Schreiben eine
Art Trost und eine Möglichkeit der Ausdrucksform. So wurde
dieser Band geboren.
Wir können an der gesunden Seelenwelt eines
Teenager-Jungen teilhaben, die zwar in einem schwer verletzten,
aber doch nicht hoffnungslos geschädigten Körper wohnt.
Wir können daraus lernen, wie wir uns in ähnlichen Situationen
verhalten sollen, wie wir leben und auf unsere Gesundheit achten
sollen.
Und für uns Ärzte kann dieses Buch besonders
viel bedeuten: Es gibt uns weiterhin Glauben bei all unseren Anstrengungen.
Dr. Endre Csanda
Direktor der Neurologischen Klinik der Semmelweis-Universität
für Medizin,
Lehrstuhlleitender Dozent