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Gastland Ungarn

Zoltan Zemlenyi

HOPPARESIMI !

Aus dem Ungarischen von Gizella und Sandra Hemmer



Vorwort

Der Leser hält ein Buch in Händen, das nicht nur in literarischer Hinsicht Seltenheitswert besitzt.

Es ist einmal sehr ungewöhnlich, daß jemand im Alter von sechzehn Jahren ein von reifer Weltanschauung zeugendes Tagebuch schreibt, aber daß dieses Tagebuch ein Mensch verfaßt hat, dessen Nervensystem infolge eines Unfalles schwer geschädigt wurde, ist geradezu außergewöhnlich.

Am 7. März 1985 wurde ein junger Mann im Alter von 15 Jahren von einem Auto überfahren. Ein kerngesunder Junge, dessen Motorik intakt und der voll seinem Alter entsprechender Vitalität und Lebensfreude war.

Einen Monat lang war er bewußtlos, dann erwachte er, Dank der Bemühungen der Ärzte, allmählich aus seinem Koma und erlangte sein Bewußtsein wieder.

Nachdem die erste Schlacht gewonnen war - er überlebte -, zog man Bilanz: Wie schwerwiegend sind die Schäden, die zurückbleiben würden? Die Denkfunktion war in Ordnung, aber die Motorik (das bewegungssteuernde System) wies schwere Störungen auf. Der Junge konnte nicht gehen. Wollte er die Hände gezielt bewegen, so gelang ihm das nicht. Statt dessen brachte er nur komische, zappelige, zu diesem Zeitpunkt zu nichts zu gebrauchende Gesten zustande. Das Sprechen war auch in Mitleidenschaft gezogen. Immer, wenn er zu sprechen versuchte, waren die Bewegungen der Mund-, Zungen- und Rachenmuskulatur genauso bizarr wie die der Hände.

Bei der Hirnverletzung eines erwachsenen Menschen treten im allgemeinen schwerere oder leichtere Bewegungsstörungen auf, der Grad der Lähmung bewegt sich nur auf der Skala der schweren Stufen, bringt kleine, für den Laien komisch erscheinenden Auffälligkeiten mit sich. Diese können zwar an sich in ihrer Einfachheit erschütternd sein; da aber das Gesicht gewöhnlich nicht betroffen ist, wird dem mit dieser Lähmung Behafteten sein menschliches Dasein nicht geraubt.

Wenn es bei einem Nervensystem, das sich noch im Wachstum befindet, zu einer Verletzung aufgrund einer physischen Einwirkung kommt, so wird dabei in erster Linie das sog. extrapyramidale System geschädigt. Das führt in der Phase, in der sich die Lähmung löst - und dies ist meist ein langer Weg dazu, daß karikierte, bizarre, unwillkürliche Bewegungen auftreten. In der Fachsprache bezeichnet man das als das Auftreten von Überbewegungen.

Da alles von der extrapyramidalen Innervation der Mimik-Muskeln gelenkt wird, angefangen von den feinen Nuancen der Mimik, über den Ausdruck des Gefühlszustandes, bis hin zur Widerspiegelung des geistigen Niveaus, führt die Schädigung der Mimik-Muskeln zur dramatischen Veränderung der Bewegungsfähigkeit des gesamten Organismus. Der Patient ist nicht nur unfähig, die grundlegenden Bewegungen auszuführen, er bringt sogar statt dessen für sein Gegenüber komische Bewegungen hervor. Das Gesicht ist der Spiegel der Seele - vorausgesetzt, das extrapyramidale System funktioniert gut. Sobald die Feinheiten der Mimik-Muskeln geschädigt sind, verliert das Gesicht seinen menschlichen Inhalt und spiegelt etwas Falsches wider: inwieweit Verstand vorhanden ist, bleibt hinter dem doofen Gesichtsausdruck verborgen. In unserem Falle ist der Verstand nicht nur vollkommen erhalten geblieben, er befindet sich auch auf einem sehr hohen Niveau. Daraus resultiert der herzzerreißende Konflikt dieses Tagebuches: Das Kind wird - mit Ausnahme seiner unmittelbaren Umgebung - von fast jedem von oben herab behandelt. Bestenfalls ist diese dem ,,kleinen Dummen" erwiesene freundliche Herablassung - gut gemeint, aber trotz ihres honigsüßen Textes verletzend und demütigend. Und erst recht, wenn sogar die gute Absicht fehlt...

Nach dem Unfall blieb nicht nur der Verstand, sondern auch das Gefühls- und Triebleben intakt.

Wahrscheinlich ist ein junger Mann im Alter von 16 Jahren am empfindsamsten, was gefühlsmäßige Bindungen betrifft.

Und als er sein Bewußtsein wiedererlangt und in die Welt der gesunden Menschen zurückkehrt, wird seine Sehnsucht nach Liebe und Verständnis plötzlich noch größer. Er sehnt sich nicht nach Mitleid, nach christlichem Mitgefühl, sondern sucht nach intellektueller und gefühlsbetonter Partnerschaft. Denn der Weg zur Möglichkeit der weiteren Besserung steht offen, man muß ihn nur gehen.

Aber mit welcher Schwierigkeit, um welchen Preis!

Schon einem Erwachsenen gebührte größte Anerkennung für den Krafteinsatz, den die Rehabilitationsübungen tagtäglich einfordern. Der Schicksalsschlag, der den Autor des Tagebuches getroffen hat, macht ihn frühreif.

Aber sobald dieses Element im Text auftaucht, blitzt schon die ,,Weisheit" des Teenager-Alters auf, die den ausgezeichneten und unterhaltenden, zum Nachdenken anregenden und erhebenden Gedankengang des Tagebuches im Gleichgewicht hält.

Für den Teenager-Autor ist das Schreiben eine Art Trost und eine Möglichkeit der Ausdrucksform. So wurde dieser Band geboren.

Wir können an der gesunden Seelenwelt eines Teenager-Jungen teilhaben, die zwar in einem schwer verletzten, aber doch nicht hoffnungslos geschädigten Körper wohnt. Wir können daraus lernen, wie wir uns in ähnlichen Situationen verhalten sollen, wie wir leben und auf unsere Gesundheit achten sollen.

Und für uns Ärzte kann dieses Buch besonders viel bedeuten: Es gibt uns weiterhin Glauben bei all unseren Anstrengungen.

Dr. Endre Csanda
Direktor der Neurologischen Klinik der Semmelweis-Universität für Medizin,
Lehrstuhlleitender Dozent