Bundesverband Poliomyelitis e. V.
Prinzipien der Atmung: Es wird Sauerstoff
eingeatmet und Kohlendioxid ausgeatmet. Bei der aktiven Bewegung
vergrößern Zwerchfell und Rippen den Thoraxraum, dadurch
sinkt der Druck in der Lunge und die Luft strömt ein. Bei
der Ausatmung wird die Muskulatur von Rippen und Zwerchfell passiv
und die Rückstellkräfte ziehen den Thorax wieder zusammen,
so daß in der Lunge wieder eine Druckerhöhung und dadurch
eine Ausströmung der Luft geschieht. Faktoren bei der Atemarbeit
sind Strömungswiderstand und Dehnungswiderstand. Bei der
Polio besteht überwiegend keine Gasaustauschstörung
der Alveolen, sondern eine Ventilationsstörung.
Ein weiterer wichtiger Faktor bei
der Atmung ist der Totraum. Dies ist der Raum, der beim Ein- und
Ausatmen nicht am Gasaustausch beteiligt ist. Er beträgt
etwa 250 ml und wird bei jedem Atemzug vom Atemvolumen abgezogen,
d.h. daß bei gleicher Lungenvolumenatmung bei schnellen,
flachen Atembewegungen bei jedem Atemzug die nutzbare Atemmenge
um den Totraum verringert wird. Bei tiefen, ruhigen Atembewegungen
sind entsprechend weniger Atemzüge mit deutlich geringerem
Totraumvolumen vorhanden.
Die Atmung wird über zwei Regelkreise
gesteuert. Dies ist einerseits über den Sauerstoffgehalt,
andererseits über die Kohlendioxidmenge im Blut geregelt.
Ein zu hoher Dioxydgehalt führt zu einer Narkose, d.h. daß
die Atmung nur über die Sauerstoffmenge in Gang gehalten
wird. Wenn bei einer Unterbeatmung Sauerstoff gegeben wird, kann
dies zum Ausfall beider Regelkreise und zum inneren Ersticken
führen.
Da die Atemmuskulatur bei Polio-Patienten
schon maximal trainiert ist, kann sie nicht noch weiter auftrainiert
werden, sondern es muß ihr die Möglichkeit zur Erholung
gegeben werden. Dies geschieht am besten durch Atem-Hilfsmittel,
bei denen die muskuläre Arbeit der Atmung durch einen Respirator
geleistet wird. Zwerchfell- und Rippenmuskulatur können sich
meist in der Nacht erholen. Nur bei erheblichen Unterbeatmungen
ist auch eine Versorgung mit Atemhilfsmitteln während der
Tageszeit notwendig.
Typische Symptome der Unterbeatmung
(Hypoventilation) sind häufige, lange Erkältungen, Lustlosigkeit,
größere Müdigkeit morgens als abends beim Zubettgehen,
allgemeine Leistungsschwäche, häufig verstärkte
Schmerzen, besonders im Rücken.
Ein weiterer Faktor sind Atemstillstände
beim Schlafen, sogenannte Schlafapnoen. Hierbei wird die Atmung
manchmal für mehrere Minuten komplett eingestellt. Durch
eine Streß-reaktion kommt der Körper aus dieser bedrohlichen
Situation heraus. Zwangsläufig findet im Schlaf nicht Erholung,
sondern schwerste körperliche Arbeit mit den entsprechenden
Streßsymptomen statt. Eine Atemhilfe kann hier wesentlich
helfen. Kriterien für Heimbeatmungsgeräte sind einfache
Handhabung, geringe Größe, geringes Gewicht, elektrischer
Antrieb, Warn-einrichtungen, enges Servicenetz und geringer finanzieller
Aufwand. Geeignet sind z.B. Geräte der Firmen Dräger,
Typ EV 800, oder Lifecare Typ PLV 800.
Bei Schmerzen und Schmerzbehandlungen
ist darauf zu achten, daß bei Polio-Patienten keine Opiate
und Opiatabkömmlinge eingesetzt werden, da alle eine zusätzliche
atemdepressive Komponente enthalten. Geeignete Schmerzmittel sind
deshalb aus der Gruppe der Antirheumatika, z.B. ASS, Paracetamol
und weitere zu suchen.
Bei chronischer Beatmungspflicht
wird sich meist eine Tracheotomie, d.h. eine Öffnung der
Luftröhre unterhalb des Kehlkopfes nicht umgehen lassen,
insbesondere kann durch diese Öffnung eine deutlich bessere
Lungentoilette mit Absaugung des Schleims durchgeführt werden.
Die Entfernung dieses Schleims ist bei allen lungengeschädigten
Patienten wichtig, da die Atmung durch Einengung der Atemwege
zusätzlich erschwert wird und nur durch zügige Abführung
des Schleims, sei es durch Abklopfen, Einnahme von schleimlösenden
Medikamenten und vielem Trinken behoben werden kann.
Die alte eiserne Lunge hat die natürliche
Atmung am besten imitiert. Moderne Geräte, die mit positivem
Druck die Lungen aufblasen, sind im wesentlichen für Kurzzeitbeatmung
geeignet. Bei der Versorgung mit Atem-Hilfsgeräten und Nasenmaske
hat es sich als wichtig herausgestellt, daß kleine Silikonschläuche
in die Nasenlöcher eingeführt werden, damit durch den
Druck auf die Nasenflügel der Durchfluß nicht verhindert
wird.
Für alle Patienten gilt, daß
es keine Normalwerte bei den Messungen von Vitalkapazität
und Residualvolumen, die zusammen die Totalkapazität ergeben,
gibt. Allein entscheidend ist die Verlaufskontrolle.
Allen Polio-Patienten sei empfohlen,
daß sie bei Leistungsschwächen, besonderer Müdigkeit,
Zerschlagenheit die Atemwerte prüfen lassen und geeignete
Schritte zur Kompensierung ergreifen.
Dr. Claus-Peter Kos