15. November 1996 im Schweizer Paraplegiker-Zentrum (SPZ) Nottwil/Schweiz
Parallel zum Symposiumprogramm wurde eine Industrieaustellung
mit verschiedenen Unternehmen im Pflegebereich präsentiert
(Ausstellerliste siehe Programm).
Beginn der Tagung 09.00 Uhr
1.) Eröffnung und Begrüssung der Tagungsteilnehmer durch Dr. med. Guido A. Zäch, Klinikdirektor und Chefarzt sowie durch Enrico Meuli, Pflegedirektor des SPZ
2.) Schmerzen in der darstellenden Kunst, Dr. phil. Hans-Ruedi Weber, Museumspädagoge/Kunsthaus Zürich
Es wurden Bilder besprochen u.a. von: Francis Bacon, Edvard Munch, Frida Kahlo. Die Motive bestanden sowohl aus körperlichem als auch seelischem Schmerz. Der Vortrag glich eher einem Kunstunterricht zum Thema Bildinterpretation - leider ohne Praxisbezug.
3.) Schmerzerlebnis aus der Sicht eines Patienten, Daniel Stefan Widmer
Zuerst aber gab Dr. med. Claus Naumann (Oberarzt Anästhesie, SPZ) einen Einblick über die Möglichkeiten der medikamentösen Schmerztherapie und erläuterte die Anwendung sowie Funktion von Schmerzpumpen.
Er stellte D.S. Widmer vor, seit 9/92 Paraplegiker, der über seine Erlebnisse und Erfahrungen bezüglich Schmerzen berichtete:
* Dauerschmerzen in den Beinen und im Kreuz, von der Intensität, als würde ihm heisses Wasser drüber gekippt werden sowie Stiche im Kreuz und Verkrampfungen.
* sämtliche Medikamente wie Morphine, Opiate genommen, Therapien wie Akupunktur, Homöopathie in einem Zeitraum von 2 Jahren erfolglos durchgeführt
* der Schmerz hatte sein Wesen verändert, Abkapslung von der Umwelt
* seit 2 Jahren hat er eine Schmerzpumpe implantiert; muß alle 2-3 Monate aufgefüllt werden; beinhaltet Mixpräparat, ca. 70% der Schmerzen sind behoben, die verbleibenden 30% zwingen ihn selten, zusätzliche Medikamente einzunehmen.
* bei der abschliessenden Podiumsdiskussion stellte
ich die Frage nach Nebenwirkungen (physischen, psychischen) der
Pumpe, die (grinsend) verneint wurde, nur die Pumpe als Fremdkörper
im Bauch empfindet er als störend. Dr. Naumann wies aber
(ausdrücklich) noch darauf hin, daß eine Pumpe mit
dementsprechender Medikation keine Nebenwirkung haben sollte,
weil dann eine Fehldiagnose vorliegen würde.
4.) Psychologische Aspekte der Schmerzen, Astrid Pichler, Psychologin SPZ
Frau Pichler beschrieb ihren Umgang mit Schmerzpatienten. Der Schmerz wird katalogisiert, ob er sensorisch (gefühlsmässig ["stechend", etc.], mit exaktem Lokalisieren der Schmerzen), oder affektiv ("nur" interpretationsmässig mit Attributen wie "bestrafender" Schmerz) wahrgenommen wird.
Sie erläuterte folgende Therapien:
* autogenes Training,
* progressive Muskelentspannung und
* imaginative Psychotherapie (freiwillige, postive Halluzinationen), bei der beispielsweise der Schmerz einer Farbe gleichgesetzt wird, die man dann leinwandmässig vor seinem inneren Auge hat und dann mit einer anderen, "schmerzfreien" Farbe, überflutet wird.
Beim autogenen Training sei das Erfolgerlebnis am
größten, da diese Methode fast immer wirkt und für
den Patienten leicht zu erlernen ist.
5.) Umgang mit Schmerzen in der Pflege, Manuela Huber, Pflege-Abteilungsleiterin im SPZ
Das Pflegepersonal erstellt mit dem Patienten ein Schmerzprotokoll/-tagebuch. In einer Teambesprechung wird die Pflege (Handhabung beim Drehen/Waschen, spezielle Lagerung) des Patienten besprochen.
Vorteil: Der/Die Pfleger/in kann sich besser auf den Patienten einstellen, Schmerzattacken können u.U. vermieden werden, der Patient wird angehört und es wird auf ihn eingegangen.
(siehe Anhang)
6.) Schmerzen der Querschnittgelähmten, Dr. med. Dieter Michel, leitender Arzt und stellvertretender Chefarzt SPZ (siehe Anhang)
Um den Schmerz zu bekämpfen, muß man ihn erstmal unterteilen in
* supraläsionelle Schmerzen (oberhalb der Verletzung),
* läsionelle Schmerzen (direkt an der Verletzung), und
* infraläsionelle Schmerzen (unterhalb der Verletzung)
Bevor man echte Schmerzmittel gibt (wie Opiate, etc.),
sollte man es mal mit Trizyklischen Antidepressiva und Antiepileptika
versuchen
Medikamente zur Unterstützung in der Schmerzbekämpfung,
vor der invasiven Schmerztherapie anzuwenden
(Wirkstoff und Medikament)
Trizyklische Antidepressiva
Antiepileptika
Amitryptilin
Saroten(r)
Carbamazepin
Tegretol(r)
Clomipramin
Anaframil(r)
Phenytoin
Phenhydam(r)
Imipramin
Tofranic(r)
Valproinsäure
Depakine(r)
Trimipamin
Surmontil(r)
Elsässer (Theologe) sagt: "Schmerz ist
eine personelle Erfahrung". Jeder empfindet den Schmerz eben
anders. Dr. Michel empfiehlt deswegen auch eine Mischtherapie
(bzw. "interdisziplinäre"), bestehend aus medizinischer
und psychologischer Hilfe. Er wies auf folgende Therapien hin:
* Akupunktur, sofern sie richtig erlernt wurde und
nicht auf der Volkshochschule angeeignet...
* Elektro-Stimulation
* Physiotherapie (Dehnungsübung)
* Chiropraktik
* Heidemann-Farbtheorie
* schwere Oel-Therapie
* Kräutertherapie (China)
(die letzten 3 Therapien findet er wenig gewinnbringend)
7.) Medikamentöse Schmerztherapie, Dr. med.
Hermann Keller und Dr. med. M. Stepniewski, Oberärzte Anästhesie
SPZ
Dr. Keller wies auf die Suchtgefahren im Umgang mit
Schmerzmitteln hin, plädierte aber auch dafür, von Anfang
an eine vernünftig hohe Dosis zu verabreichen, weil in seinen
Augen die Suchtgefahr höher ist, wenn der Körper erst
langsam die Gelegenheit hat, sich an eine stetig höher werdende
Dosis Opiate zu gewöhnen, die nichtmal Schmerzlinderung verschafft.
Seine empfohlende Dosis liegt bei 1mg/10 kg KG/6 h. Er sprach
sich ebenfalls dafür aus, beim Absetzen der Medikamente darauf
zu achten, daß dem Körper langsam die Dosis verringert
wird, und die Medikamente nicht von heute auf morgen abgesetzt
werden.
Dr. Stepniewski erklärte anhand von (pathologischen)
Dias und Computertomographien die möglichen Ursachen des
Schmerzes.
8.) Schmerztherapie aus ganzheitlicher Sicht - Komplemtärmedizinische
Schmerzbehandlung, Christine Bühler, dipl. Krankenschwester,
Masseurin SPZ
Frau Bühler erläuterte die manuelle Lymphdrainage
und Fußreflexzonentherapie. Sie zeigte anhand von Dias Erfolge
bei heilenden Decubiten durch Lymphdrainage. Bei der Fußreflexzonentherapie
sollte man den Patienten vermitteln, sich nach wie vor als kompletten
Körper zu betrachten und deswegen die gelähmten Körperpartien
(hauptsächlich waren Beine und Füße gemeint) möglichst
oft anzufassen und manuell zu behandeln.
Ende der Tagung 17.15 Uhr
Eine Führung durch das SPZ wurde im Anschluss
der Tagung angeboten, woran wir auch teilnahmen.
Das Symposium wurde an 2 Tagen veranstaltet, wobei
der zweite nur eine Wiederholung des ersten Tages war. Die Teilnehmer
(ca. 2 x 400) kamen weitgehendst aus dem Pflegebereich, leider
waren Herr Widmer als Referent, eine Rollstuhlfahrerin (Para)
und meine Person die einzigen Betroffenen an diesem Tagungstag.
Fachpersonen, wie die Referenten, außerhalb
der Tagung zu befragen, erwies sich als sehr schwierig, da diese
nach ihren Vorträgen wieder ihrer Arbeit nachgingen. Ich
empfehle daher, in Zukunft vorher Termine mit den Verantwortlichen
zu machen.
Da ich schon die meisten Referenten auf der 9. Jahrestagung
der DMPG im April 1996 in Dresden gesehen und gehört habe
(siehe Anhang), bin ich zu keinen neuen Erkenntnissen bezüglich
Schmerz bei Querschnittlähmung gekommen.
Eine schriftliche Fassung aller Referate habe ich
angefordert (20 F) und wird mir bis zum Ende des Jahres zugeschickt.
Alle gesammelten Materialien werde ich an Herrn Kämpgen weiterleiten.
Ferner habe ich die 96er Paraplegiker-Ausgaben (von
1995 waren vorhanden) sowie Stützpunkthefte ausgelegt.
Verteiler: H. - W. Kämpgen, ARGE Schmerz
Franz Kniel, FGQ Sekretariat
Anhang
Auszug: Kurzzfassung der Referate
9. Jahrestagung der DMPG, April 1996, Dresden und
Kreischa
"Chronischer Schmerz bei Querschnittlähmung
- Ergebnisse des Forschungsprojektes"
Gerner, Zimmermann, Paeslack, Metzmacher, Störmer
- Heidelberg
Grüninger, Föllinger - Bayreuth
Walker, Aldinger, Rieger-Haug - Markgröningen
Wienke - Bad Wildungen
In den Jahren 1993 bis 1995 wurde an den Querschnittgelähmten-Zentren
in Bad Wildungen, Bayreuth, Heidelberg und Markgröningen
ein multizentrisches Forschungsprojekt mit ca. 900 Patienten durchgeführt.
Hauptziele dieser vom BMFT geförderten Studie
sind:
* Beschreibung und Klassifikation von Schmerzen bei
Querschnittgelähmten
* Statistisch Prüfung von Zusammenhängen
zwischen Schmerzen und körperlichen/ psychosozialen Befunden
* Ableitung von Hypothesen zur Ätiologie und
Pathogenese von Schmerzen bei Querschnittgelähmten
Es zeichnet sich bereits jetzt (September '95) ab,
daß sich Schmerzpatienten von Patienten ohne Schmerz/ Mißempfindungen
hinsichtlich wesentlicher psychosozialer Parameter unterscheiden,
z. B. Partnerschaft, Berufstätigkeit, Behinderungsbewältigung,
Verlustereignisse. Die diesbezüglichen Ergebnisse werden
referiert.
"Entwicklung, Einsatz und Wirkung des Schmerzprotokolls"
M- Huber, D. Ineichen; Nottwil (CH)
Das Pflegepersonal fühlte sich in der Begleitung
von Schmerzpatienten hilflos und verunsichert. Patienten ohne
Therapieerfolg waren schwer zu betreuen. Auf Wunsch der Pflegenden
wurde im Herbst 1994 eine Fortbildung zum Thema "Schmerz"
durchgeführt. Das Pflegepersonal setzte sich mit den Schmerzgruppen
bei Querschnittlähmungen und dem verbalen und nonverbalen
Ausdruck von Schmerz auseinander. Aus diesem Anlaß wurde
ein dreiteiliges Schmerzprotokoll entwickelt. Das Schmerz besteht
aus einer Schmerzanamnese bei Eintritt. Es wird dabei nach der
Schmerzlokalisation, -art, Intensität, -dauer, dem Zeitpunkt,
den Begleiterfolgen und den Therapieerfolgen und -mißerfolgen
gefragt.
Danach fuhren Patient und Personal parallel ein Verlaufsprotokoll
mit unterschiedlichen Parametern.
Das Team entschied, das von ihnen bearbeitete Protokoll
in der Praxis zu prüfen. Während eines Jahres wurde
das Protokoll auf einer Pflegestation eingesetzt und mehrfach
den Bedürfnissen der Pflege angepaßt. Mit diesem Arbeits-instrument
verbesserten sich die Kommunikation und die Zufriedenheit von
Patienten und Pflegepersonal. Nach einem Jahr der Erprobung und
Anpassung wurde das Schmerz-protokoll auf den anderen drei Pflegestationen
des Schweizer Paraplegiker-Zentrums Nottwil vorgestellt und eingeführt.
Die Wirksamkeit der Protokolle wird gegenwärtig bei Pflegenden
mittels eines Fragebogens und bei den Patienten durch Interviews
geprüft. Die Aussagen des Pflegepersonals bestätigen,
daß damit die Pflegequalität verbessert werden konnte.
Das Pflegepersonal schätzt das Schmerzprotokoll, weil es
damit die Schmerzen der Patienten besser erfassen und die Patienten
besser in die Pflege einbeziehen kann. Zudem beobachten sie, daß
die Patienten sich dadurch ernster genommen fühlen. Das
Pflegepersonal fühlt sich heute sicherer und die Betreuung
der Patienten wurde verbessert.
"Neurogener therapieresistenter Schmerz - Möglichkeiten
und Grenzen der Schulmedizin - Welche alternativ-medizinischen
Behandlungen gibt es?"
D. Michel, G. A. Zäch - Nottwil (CH)
Schmerz kann einen starken Einfluß auf die
Selbstbestimmung des Lebens haben. Insbesondere der hartnäckige,
neurogene, therapieresistente Schmerz, der bei Querschnittlähmung
im infraläsionellen Bereich auftreten kann. Verschiedenste
Therapieverfahren kommen zur Anwendung. Der Erfolg ist oft nur
vorübergehend. Erklärbar wird dies, wenn man wie Elsässer,
Prof. für Theologie, den Schmerz für den Menschen als
personelle Erfahrung und nicht nur als sinnesphysiologisches oder
psychisches Geschehen sieht. Diese theologisch-ethische Sicht
hat zur Folge, daß der Schmerz also nicht durch bloße
medizinische oder psychologische Behandlungstechniken geheilt
werden kann. Die Möglichkeiten und Grenzen der Schulmedizin
liegen heute bei den verfügbaren Medikamenten und deren Applikationsart
bis hin zur intrathekalen kontinuierlichen Schmerzmittelapplikation.
Elektrostimulation und physikalische Maßnahmen können
einen positiven Einfluß haben. Die Liste der alternativ-
oder komplementärmedizinischen Ver-fahren ist fast grenzenlos.
Über einige dieser Methoden können wir aus eigener Erfahrung
berichten: Akupunktur, Hypnose, Meridian- und Farbtherapie nach
C. Heidemann sowie Therapie nach M. Feldenkrais oder Musiktherapie.
Nach unserer Erfahrung kann leider weder die Schulmedizin noch
eine alternativmedizinische Methode für sich in Anspruch
nehmen, den neurogenen infraläsionellen Schmerz bei Querschnittlähmung
besiegt zu haben. So bestimmt gelegentlich der Schmerz das Leben
des Querschnitt-gelähmten. Mit Aufklärung über
den Schmerz, den zur Verfügung stehenden Therapiemöglichkeiten
und den zu erwartenden Erfolgen mit Ab- und Ausgrenzen der Scharlatanerie,
mit gezielter Ablenkung vom Schmerz und dem Erfahrungsaustausch
der Betroffenen, kam Abhilfe geschaffen werden.
Vertreter der FGQ:
1. H. - Jürgen Buchholz (FGQ Köln)
2. Pia Steinhilper (Protokoll)
3. Gero Knuth (Fotos)