Rosemarie wuchs auf, wie frau eben
aufwächst, wenn sie 1937 geboren ist. Kindheit und Schule
im Krieg, Kaufmännische Ausbildung, mit 16 den ersten Freund
kennengelernt, ihn mit 24 geheiratet und 3 Jahre später einen
einen Sohn bekommen.
Durch einen Autounfall war mit 30
die Normalität mit einem Schlag zu Ende. Ihr Sohn tot, sie
selbst beidseitig oberschenkelamputiert, Versorgung mit Prothesen
nicht möglich.
Der Mann "verschwand" schon
während der Klinikzeit.
"Da merkst Du plötzlich,
daß du allein im Leben stehst, und hast auch noch den Kampf
mit der Versicherung."
Nach der Klinik lebte sie mit ihrer
Mutter und ihrem Bruder in deren Wohnung im ersten Stock. Innerhalb
der Wohnung kam sie einigermaßen im Rollstuhl zurecht, aber
sie war total isoliert, ihr Bruder mußte sie runtertragen,
wenn sie mal vor die Tür wollte.
Erst 4 Jahre später konnte sie
zusammen mit ihren Angehörigen in eine behindertenfreundliche
Wohnung umziehen. Sie eroberte sich wieder etwas Selbständigkeit.
Sobald sie aber mit dem Auto losfuhr, hatte ihre Mutter Angst
vor dem nächsten Autounfall.
Anfang der 70er Jahre machte sie
ihre erste Flugreise und die erste Reise seit ihrem Unfall- die
erste Pauschalreise, die Neckermann für Behinderte anbot.
Mit einer anderen Rollstuhlfahrerin flog sie nach Istrien. Der
Flug ging von Frankfurt über Zagreb nach Pula, und dort wurden
sie mit einem Krankenwagen abgeholt. Rosemarie protestierte heftig,
sie wollte erst gar nicht in den "Sanka" einsteigen.
Ihre Befürchtungen bestätigten sich: sie kam nicht in
eine Ferienanlage, sondern in ein Krankenhaus - auf die Männerstation!
Das Krankenhaus lag in einem schönen Park mit alten Bäumen
und eigenem Strand, mit Rampe bis ins Meer. Sie hatten freien
Ausgang, aber es blieb ein Krankenhaus.
Rosemarie legte sich mit dem Reiseleiter
an, und der bot ihr an, sie könnten eine Exkursion
mit dem Luftkissenboot nach Venedig mitmachen, er würde ihnen
dort zwei kräftige Italiener als Helfer besorgen. Bezahlen
mußten sie wie jeder andere Tourist auch. Es wurde trotzdem
ein einmaliges Erlebnis.
Rosemarie staunte nicht schlecht,
als ich ihr berichtete, daß ich bei derselben Exkursion
im vergangenen Jahr bemerkte, daß es an einigen der vielen
Brücken über die Kanäle Venedigs Schrägaufzüge
gibt (wenn auch mit einem Schlüssel, den man sich erst einmal
besorgen müßte).
Auch die Orthopäd. Klinik gibt
es noch, und nach wie vor bevölkern österreichische
Rollstuhlfahrer die Kneipen im Hafen von Rovinj.
Reisen ist nach wie vor Rosemaries
Hobby, und wenn dieses Porträt erscheint, ist sie gerade
für 2 Wochen auf den Kanarischen Inseln.
1972 kam sie erstmals mit anderen
Behinderten in einer Gruppe zusammen, sie fuhr regelmäßig
zu Treffen der "Kontaktstelle für Körperbehinderte
und Langzeitkranke"(KKL), einem Freizeittreff der evangelischen
Kirche. Dort traf sie Ernst Klee und Gusti Steiner, die einen
neuartigen VHS-Kurs unter dem Titel "Bewältigung der
Umwelt" vorbereiteten, und an diesem "Kurs" nahm
sie von Anfang an (1973) teil. Im Kreis anderer Behinderter und
solidarischer Nichtbehinderter kam ihr erst zu Bewußtsein,
daß auch behinderte Menschen Rechte haben, daß auch
Behinderte für ihre Rechte kämpfen müssen - und
daß dieser Kampf erfolgreich sein kann. Manchmal sei ihr
bei den Aktionen dieser Gruppe sehr mulmig geworden - schließlich
war nie zu kalkulieren, wie Öffentlichkeit und Polizei reagieren
würden, denn formal waren das Provokationen, die einen Polizei-Einsatz
gerechtfertigt hätten. Doch während bei nichtbehinderten
Demonstranten - gerade in Frankfurt - der Abtransport in die Zelle
sicher gewesen wäre, trauten sich weder die Provozierten
noch die Polizeiführung, Behinderte festzunehmen. Und: die
Aktionen hatten immer ausgeprägten Happening-Charakter. Die
Hauptpost auf der Frankfurter Zeil hatte damals am Eingang zwei
Stufen. Nach einigem Hin und Her beschloß die Gruppe 1977,
der Post eine "Kurt-Gscheidle-Gedächtnisrampe"
zu schenken (Gscheidle war der damalige Postminister in Bonn)
- mit Uniformen, Umzug und musikalischer Unterstützung vom
"Linksradikalen Blasorchester".
Neben den Erfolgen bei den praktischen
Zielen entstanden im VHS-Kurs auch persönliche Kontakte;
mit einigen Teilnehmern trifft sich Rosemarie heute noch. Im VHS-Kurs
freundete sie sich mit einem nichtbehinderten Mann an. Ein Jahr
später zog sie mit ihm zusammen und hatte plötzlich
einen eigenen Haushalt zu versorgen. Anfangs hatte sie Angst,
ob sie das packen würde. Es ging besser als gedacht.
Sie war - aus heutiger Sicht - sehr
mobil, konnte allein baden, konnte ihren Rollstuhl ins Auto verladen
und auch sonst vieles allein machen.
Udo ist Architekt, und so lag der
Gedanke an ein eigenes behindertengerechtes Haus nahe. Sie kauften
sich ein Grundstück und bauten am Stadtrand von Frankfurt.
Wenn sie mit Udo unterwegs ist, kommen
immer diese Fragen. "Ja, ich war schon vor dem Unfall verheiratet"
sagt sie dann, bloß um Ruhe zu haben. Es geht ihr auf die
Nerven, wie nichtbehinderte Partner oft auf einen goldenen Sockel
gehoben werden...
"Was fehlt Ihnen denn?"
ist auch so eine typische Frage. "Ach, eigentlich bloß
2 Beine" sagt sie dann. Was soll sie auch sagen?
Etwa 1980 fing sie an, verstärkt
Sport zu treiben, sie machte sogar bei Schwimmwettkämpfen
mit, ließ sich im Rahmen der Versehrtensportgemeinschaft
Frankfurt recht intensiv in den Leistungssport einbinden. Sport
war für sie wieder eine Möglichkeit, Menschen zu treffen.
1983 begannen ihre Schmerzen, erst
sporadisch und leise, später wurden sie massiv. Immer öfter
taten ihr die Füße und besonders die Fußzehen
weh - der typische Phantomschmerz.
Die Nervenleitung geht vom Kopf ins
Rückenmark, und die Nervenableitung vom Rückenmark ist
bei ihr ja in Ordnung, doch erst "weiter unten", an
den abgetrennten Nervenenden, tritt der Schmerz auf.
Anfangs halfen Zäpfchen und
Tabletten, dann gab ihr Hausarzt ihr Spritzen in die Nerven-Enden,
und dazwischen bekam sie Novalgin, Valoron und ähnliche Mittel
- die helfen nicht viel, aber sie schädigen die Nieren. Sie
nahm diese Tabletten immer nur bei Schmerzen.
Als sie 1987 wegen einer Schmerzattacke
mal wieder einen Notarzt rufen mußte, bekam sie zum ersten
Mal eine Dolantin-Spritze, und dann immer öfter "harte
Sachen". Einige Zeit bekam sie 8 Tage Spritzen, hatte dann
wieder 6 Wochen Ruhe - aber bald wurden die Abstände kürzer.
Dolantin ist ein Teufelszeug - sie brauchte zuletzt bis zu 10
Ampullen pro Tag.
Andererseits: ohne die Spritzen hätte
sie nicht leben können. Immer wieder bringen sich Menschen
in solchen Situationen wirklich um.
Wegen der Schmerzmittel konnte sie
drei Jahre lang nicht autofahren.
Sie kam in eine Schmerzklinik, machte
Entzug, doch bald spritzte sie wieder Dolantin.
An ihren heutigen Schmerz-Arzt kam
sie durch eine Bekannte. Er gab ihr 1/2 Jahr Morphin in Tablettenform,
1991 ließ er ihr eine Schmerzpumpe implantieren, die gleichmäßig
Morphin ins Rückenmark gibt. Doch das vertrug sie nicht besonders
gut, sie bekam zusätzlich Spritzen, mußte schließlich
noch einmal einen Entzug machen.
2 Tage kalter Entzug, das wünscht
man seinem ärgsten Feind nicht. Ihr Doktor besuchte sie manchmal
mehrmals am Tag, und zur Linderung bekam sie leichte Psychopharmaka.
Sie machte den Entzug in einem allgemeinen Krankenhaus - einerseits
ersparte ihr Arzt ihr die Einweisung in die Psychiatrie; auf der
anderen Seite mußte sie auch von Seiten des Krankenhaus-Personals
einiges aushalten, denn die behandelten sie als "Junkie",
und in mancher Hinsicht war sie das ja, auch wenn sie eine gestandene
Frau ist, die kein Mensch für ein Scene-Mädel halten
würde.
Danach wurde die Schmerzpumpe umgestellt
auf Temgesic (ein Opiat), und seither ist ihr Zustand stabil,
sie ist weitgehend schmerzfrei.
"Wenn Du ein Kilo Eisen unter
den Rippen hast, dann drückt das ganz gut" sagt sie.
Alle 14 Tage muß sie zum Arzt, der die Schmerzpumpe nachfüllt.
Nach rund 3 Jahren muß das ganze Gerät ausgewechselt
werden.
"Mit der Pumpe kann ich gut
leben. Aber natürlich gehe ich auch heute noch regelmäßig
zum Psychologen, und beim Erzählen merke ich wieder, daß
da noch vieles unverarbeitet ist, was hochkommt." Und das
drückt sich dann in stärkeren Schmerzen aus.
"Mein Arzt ist brutal zu mir
- brutal ehrlich. Das muß er ja auch. Der hat mir ein Päckchen
Schmerzmittel mit nach Hause gegeben, als Versuchung. Aber ich
bin bis heute stark geblieben, habe es nicht angerührt. Sonst
komme ich wieder in diesen Teufelskreis, aus dem ich gottseidank
raus bin"
Noch heute kann sie ihren Schmerzarzt
jederzeit anrufen - wenns sein muß, auch am Wochenende oder
nachts. Wenn heute die Schmerzen trotz Pumpe unerträglich
sind, bekommt sie eine Zusatzdosis, die diese Schmerz-Spitzen
erträglich macht.
Rosemarie kann inzwischen über
ihre Karriere und ihre Sucht reden, und bei Bedarf redet sie auch
mit anderen Betroffenen ganz direkt Klartext.
Rosemarie sitzt mittlerweile 28 Jahre
im Rolli, sie geht auf die 60 zu, und seit 3 Jahren hat sie die
Schmerzpumpe. Aber sie hat ihren Alltag im Griff, hat wieder
einen vollen Terminkalender, macht Sport, ist aktiv, unternimmt
praktisch jeden Tag etwas - von Hobbies über Schwimmgruppe
bis zum Treffen mit Freundinnen. Selbstverständlich fährt
sie auch wieder Auto.
Petra Rieth