Vor einem Fachpublikum von mehr als 500 Zuhörern
wurde im Rahmen des "Schmerztages" am 2.März in
Frankfurt zum 11. Mal der "Deutsche Schmerzpreis" verliehen.
Dieses Mal ging die Auszeichnung an Prof. Dr. Dr hc Kay Brune
von der Universität Erlangen für seine Forschung im
Bereich Entzündungs- und Schmerzforschung im Laufe von 30
Jahren.
Das Thema war "Schmerz und Lust", doch
die beiden Elemente standen merkwürdig unvermittelt nebeneinander.
Eigentlich schien die Situation der Schmerztherapie
viel eher im Mittelpunkt zu stehen.
Es gibt in Deutschland wohl um die 7 Mio Patienten
mit chron. Schmerzen, darunter sind 5-800.000 mit den heutigen
Mitteln nicht befriedigend zu behandeln. Obwohl es viel zu wenig
Schmerztherapeuten gibt, wird schon wieder gestrichen: neue Abrechnungsmodalitäten
der Krankenkassen führen zu einer Zwei-Klassen-Medizin.
- "Schmerz und Lust" - Ernst Pöppel
- Körper, Seele und Immunsystem - Gerhard Uhlenbruck,
Köln
- Kann man Schmerz und Lust molekularbiologisch darstellen?
Walter Zieglgänsberger, München
- Sex und Gewalt/ Die Wahl der Qual - Cora Molloy,
HWG
- Lust, Schmerz und Folter - Peter Boppel, Arolsen
- Drogen, Lust und Elend - Michael Hübner, Bonn
(AIDS-Hilfe; der Referent war leider wegen eines Unfalls verhindert)
- Mittags Pressekonferenz im 21.Stock des Interconti.
Danach für das Publikum ein "Patientenforum"; Moderator: Pfarrer Jürgen Fliege, der sehr engagiert und unkonventionell moderierte - für diesen Rahmen sehr viel passender als der hölzerne Hans Mohl, der im letzten Jahr moderierte...
Vorgestellt wurden
- Schmerz und Lust aus medizinischer Sicht - Gerhard
Müller-Schwefe, Göppingen
- Schmerz und Lust eines Extremsportlers - Arnold
Böer, Hamburg
- Schmerz und Lust aus psychologischer Sicht - Cora
Besser-Sigmund, Hamburg.
Im Foyer wurde reichlich Papier und Werbegeschenke
von der Pharma-Industrie verteilt, und auch die Veranstaltung
war weitgehend von der Industrie finanziert.
Im wissenschaftlichen Programm reichte der Inhalt
der Vorträge von diffizilen Mechanismen in Zellen und deren
Veränderung ("Modulation der Zellwände"),
um Botenstoffe und das "Gedächtnis" der Zellen.
Aber auch Zitate aus der Literatur und literarisch formulierte
Kernsätze gab es. So definierte Uhlenbrock:
"Das Immunsystem sichert das Weiterleben
durch Erkennen des vermehrungswilligen Feindes
Das Sexualsystem sichert das Weiterleben
durch Erkennen des vermehrungswilligen Freundes"
oder
"Bei Schmerz vergeht die Lust - bei Lust vergeht
der Schmerz"
Cora Molloy - sie unterscheidet: Schmerz hat nichts
mit Gewalt zu tun. Prostitution ist aus ihrer Sicht die sex. Avantgarte:
sie nimmt das vorweg, was zuhause noch nicht läuft, aber
kommt. Es gibt einen sehr starken Trend in Richtung auf Bizarr
und SM. Das kann die Form des Rollenspiels haben, aber auch über
Bondage bis hin zu ernsten Verstümmelungen gehen. Bondage
beschreibt sie als Autonomieverlust...
Sie kritisiert, daß es bei dieser Veranstaltung
praktisch nur Männer gibt - als Preisträger, als Referenten
- es gibt nur eine Ausnahme: die Schirmherrin! Zurück
zum Thema Domina...
Sie bezieht sich auf die "Becksche Risikogesellschaft",
in der immer mehr ins Individuelle zurückverlagert wird.
Gesund ist, wer sich selber so definiert...
Folter. Bei SM bleibt das Ich "Herr im Haus"
- bei der Folter droht das Ich von Vernichtungsangst überflutet
zu werden.
Aber: was interessiert mich die Psychologie der Folterer?
Der Mann ist bei Amnesty, hat die Zentren für Folter-Opfer
mit aufgebaut. Und nun wird diesen Zentren - in Berlin und Frankfurt
- der Geldhahn zugedreht.
Lust und Schmerz sollen die zwei großen Beweger der Welt sein? Da gehört noch ein dritter dazu: die Neugier!
In den Vorträgen wurde verschiedentlich gezeigt, wie Schmerz "funktioniert", wie bei der Auslösung von Sensationen (Empfindungen) bestimmte Prozesse ablaufen. Schmerz kann Bedingung für Lust sein, es gibt Phänomene, die bei beiden sehr ähnlich sind.
Schön und gut.
Aber wo sind die Konsequenzen für die Bearbeitung
von Schmerz?
Oder ist dies nur eine aufgeklebte Sache, wird Lust
hier nur als Zugpferd vor den Karren gespannt? Hatte sich der
Veranstalter bloß nicht getraut, die Finanzierungsprobleme
zu thematisieren, weil Stagnation und Bestandssicherung niemanden
hinterm Ofen vorgelockt hätteß
Schmerztherapie ist ein notwendiger und sinnvoller Schritt, der vielerorts noch lange nicht selbstverständlich ist. Aber wie sieht es mit dem Recht des Patienten auf Schmerzfreiheit aus?
Ein anderes Problem: viele Ärzte negieren die Schmerzproblematik, verweigern entsprechende Therapie oder Überweisung. Aber es gibt auch die Wald- und Wiesenärzte, die des Guten zuviel tun, die aus Unsicherheit und Mitleid mit freier Hand Schmerzmittel verschreiben, bis der Patient außer den Schmerzen auch noch eine schwere Sucht am Hals hat?
Schmerztherapie und Junkie - das ist wie Krimineller und politischer Gefangener.
Schmerztherapie ist in ein enges Abrechnugnsschema gepreßt. Wenn jemand Schmerzen hat, ist keiner da. Der Arzt hat vielleicht nächste Woche am Donnerstag um 17.oo einen Termin frei. Es wird ja schon als rühmliche Ausnahme geschildert, wenn der Patient jederzeit bei seinem Arzt anrufen darf und sogar dessen Privat-Nummer hat.
Pressekonferenz...
Prophylaxe - was kann man tun, damit Schmerzen erst
gar nicht auftreten?
Der Europäische Gerichtshof hat dem Menschen
ein "Recht auf Schmerz" zugestanden - sollte es nicht
besser das Recht auf Schmerzbehandlung sein, wenn nicht gar das
Recht auf Schmerzfreiheit, das jedenfalls unreflektiert viele
Patienten für sich reklamieren?
Es entwickelt sich inzwischen eine gewisse breite
Methodenvielfalt bei Diagnostik und Therapie.
Unlust des Schmerzpatienten - Schmerz macht apathisch.
Schmerz wird wahrgenommen, Lust wird verdrängt.
Manche Menschen können sich nur noch über ihren Schmerz ausdrücken. Sie präsentieren ihren Schmerz dem Arzt, es ist manchmal der einzige Weg, überhaupt Zuwendung und Aufmerksamkeit zu bekommen.
Der chron. Schmerzpatient ist isoliert - er ist "zu
anstrengend" für die Umgebung.
Frau Gibson, Betroffene. 16 Jahre Schmerzen im Rücken, 2 OP. Anfangs psychologische Behandlung, dann Medikamente, außerdem Ärztliche Betreuung (ist der Arzt ein Therapeutikum?) und spezielle Gymnastik.
Kopf- und RückenSchmerzen sind am häufigsten, dann
Heute kann man 1/3 der Patienten langfristig zufriedenstellen, ein weiteres Dritel sind zwar dauernd in Behandlung, aber gut integriert. Ein weiteres Drittel allerdings ist "therapierestistent" - das sind 6 - 800.000 in Deutschland.
HWG. Ein Drittel der "Geschlechtswirtschaft" ist heute S/M bzw. Bizarr. Cora weist darauf hin (!), daß die Arbeit von Huren nichts mit den wichtigen Fragen aus der Gesundheitspolitik zu tun hat.
Schmerz und Lust sind bipolar - entweder/oder - nein,
so ist das eben nicht.
Uhlenbrock: Schmerz und Schmerzgedächnis im Rückenmark und Gehirn. Schmerz reduziert das Immunsystem. Sport als lustvolle (?) Therapie z.B. in der Krebsnachsorge. Lustfördernde Tätigkeit (er meint Sport) kann Schmerzlindernde Wirkung haben. Einige Patienten konnten durch Sport die Schmerzmittel-Dosierung deutlich reduzieren.
Anteile: KopfSchmerz, v.a. medikamentenbedingt. Problem sind - nach dem Verschwinden von Phenacetin - v.a. Kombi-Präparate mit Aspirin+Paracetamol+Coffein (auch als Nierenkiller).
Nächste Gruppe: Schmerzen am Bewegungsapparat
Rest: Neuralgien, Stumpf- und PhantomSchmerzen u.a.
Frau Gibson, Schmerzpatientin. "Ich wurde zweimal an der Wirbelsäule operiert, die Ursachen kann man nicht mehr beseitigen (sie sind z.T. auch OP-Folgen: z.B. Vernarbungen), aber ich komme damit klar, ich komme sogar lustvoll damit klar!"
Bei der Etablierung der Schmerztherapie soll gerade nicht das Schrebergarten-Prinzip gelten, das heißt: Wir machen jetzt eine Definition, da passen nur wir rein!
Publikumsveranstaltung: Diskussion mit Pfarrer Jürgen Fliege als Moderator.
"Da mußt Du unbedingt hingehen!" - der Tip im Wartezimmer ist manchmal wichtiger als die eigentliche Konsultation des Doktors. Und diese Veranstaltung ist in diesem Sinn ein riesiges Wartezimmer.
Der Umgang mit Menschen, also auch mit Schmerzpatienten sollte laut Fliege immer drei Aspekte berücksichtigen: körperlicher Konstitution, psych. Konstellation und soziale Komponente.
Chonischer Schmerz = sinnloses Leiden?
Schmerz sei eine Strafe Gottes? Wenn ein Vater straft, dann ist er überfordert, hat vielleicht eine Neurose. Das wird wohl kaum bei Gott gelten. Wie also kann Schmerz eine Strafe Gottes sein?
Das Leben straft nicht, es hilft. Das Leben, der Schmerz ist eine Botschaft. Wir müssen versuchen, sie zu verstehen.
Schmerz isoliert, macht einsam. Umso wichtiger ist es, sich zu organisieren - Schmerzliga.
Wenn der Doktor mir gar nicht zuhört, sondern nur seine Diagnosen abklappert, dann geht es nicht um mich, nicht um den Schmerz, sondern dann geht es um Kohle.
Was erwartet der Doktor von mir? ist das etwa die Frage??
Ärzte können mich nur begleiten, heilen muß ich mich selber.
Böehr - Sport. Nach jedem Lauf hatte er Probleme hinter sich gelassen, hatte neue Lust am Leben, hatte auch Lust auf Sex. Laufen als Streßabbau.
Dann Unfall. Schmerzpatient. Schmerzen chronisch.
Weg aus dem Ehebett... "Frau verlassen" - bei Schmerzen
schläft er allein.
Viele Schmerzpatienten sagen: ich habe Schmerzen, keine Macke, was soll ich beim Psychologen? Aber das zuständige Organ ist das Hirn! Durch gelernten Einsatz des Gehirns lernen, mit Schmerzen umzugehen - das gilt nicht nur für Fakire!
Es ist schwer, den Schmerz nicht ständig wahrzunehmen, auch wenn er mal nicht da ist. Verdeutlichung: "Denken sie bitte alle jetzt NICHT an Krokodile! Das ist paradox - genau wie beim Schmerz.
Eine Patientin hat alle paar Wochen Schmerzfreie Tage. Und was macht sie da? Fenster putzen! Was leisten! Sie kam gar nicht auf die Idee, sich erst einmal was gutes zu tun.
"Den Vogel, der morgens singt, holt abends die Katz!"
Arbeit als Therapie? Arbeit als Verdrängung... Ablenkung ist gut, aber ist Arbeit Ablenkung?
Zerstreuung...
"Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" - Das ist heiliger Paulus, das ist Protestantismus in Reinkultur, bis Du am Stock gehst" (Fliege)
Zerstreuung... Schermz ist immer eine Art Verkrampfung, und die muß zerstreut werden.
Selbstbeobachtung: Welches Körperteil fühlt
sich am gesündesten an? Konzentration aufs Positive. Aber
da verstummen die Leute - wenn es ums Negative geht, da werden
sie literarisch.
Warum - in drei Teufels Namen - diese Themen-Mischung?
Schmerz und Lust... Na gut, bei der Erklärung und beim Verständnis
von Schmerz ist Lust etwas sehr paralleles. Aber ob "Lust"
etwas bei der Behandlung von Schmerz zu tun hat, darum drückten
sich fast alle, diesen Bezug stellten nur zwei Patienten her.
Und die Unterscheidung der Schmerzen, die wurde auch nicht geleistet.
Es macht doch einen deutlichen Unterschied, ob ich von Schmerzen
rede, die ich haben will, für die ich mich entscheide und
die ich herbeiführe - oder ob ich von Schmerzen rede, die
aufgrund einer physischen Konstellation über mich hereinbrechen,
bei denen ich nur die Chance habe, mir eine wirksame Bewältigungsstrategie
zu suchen!
Immer wieder schien m.E. die emotionale Beschränktheit der Medizin durch. Im letzten Jahr hatte ein Referent davon gesprochen, daß es manchmal sehr hilfreich sein kann, sich für einen Menschen Zeit zu nehmen, diesem Menschen Zuwendung zu geben, ihn in den Arm zu nehmen, ihm zuzuhören... Das hätte viel mehr mit wohlfühlen zu tun gehabt, viel eher mit Lust - mehr jedenfalls als dieses reißerische Etikett, das Sensationen versprach wie ein Illustrierten-Titelblatt, und dann wird im Inneren des Heftes dieses Versprechen nicht eingelöst, denn es hat ja seine Wirkung auch so erfüllt - sei es, mich zum Kauf der Illustrierten zu animieren, sei es zum Besuch dieses Schmerztages.
Noch aufgesetzter geht es weiter - für nächstes
Jahr ist als Motto des Schmerztages angekündigt: "Schmerz
und Kunst"
Hannes Heiler