In Deutschland leiden rund 7 Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen, darunter 600.000 so stark, daß ihre Schmerzen als eigenständige Krankheit einzustufen ist. Vom 20.-23.Februar fand in Frankfurt der "Deutsche Schmerztag 1997" statt.
Neben wissenschaftlichen Referaten und künstlerischem Rahmenprogramm gab es eine öffentliche Podiumsdiskussion.
Schließlich wurde der "Deutsche Schmerzpreis"
an Dr. Ulrich Drechsel - Schmerztherapeut an der Deutschen Klinik
für Diagnostik in Wiesbaden - verliehen für die Erarbeitung
fachübergreifender Therapiekonzepte zur Behandlung chronisch
schmerzkranker Patienten.
Auch wenn inzwischen Schmerztherapie eine Reihe von Jahren gereift ist, gibt es noch reichlich Defizite und grundsätzliche Probleme.
Neben der prinzipiellen Akzeptanz von Schmerztherapie und Schmerztherapeuten ging es jedoch in diesem Jahr wesentlich stärker als früher um die ernsthafte Einbeziehung von "alternativen Heilmethoden", die von den Hauptfiguren der Organisation ausdrücklich gewürdigt wurden.
Außerdem nahm - vor allem bei der öffentlichen Podiumsdiskussion
die allgemeine Verunsicherung durch die Bonner Kürzungen
bei den Krankenkassen ("Gesundheitsreform") breiten
Raum ein.
Dr. Müller-Schwefe, der neue Präsident des Schmerztherapeutischen
Kolloquiums, betrachtet die "alternativen Heilmethoden"
lieber als "komplementäre" Methoden, denn er möchte
diese sanften Therapieverfahren gleichberechtigt neben die gängigen,
z.B. medikamentösen Methoden stellen. Er selbst berichtete
von überraschend erfolgreichen Versuchen mit Tanz- und Musiktherapie,
und zwar sowohl direkt in Bezug auf die erfolgreiche Behandlung
von Schmerz, aber auch für das aktivere Selbstverständnis
der Betroffenen - sie benötigten nicht nur deutlich geringere
Dosierungen der Medikamente, sie nahmen auch ihre Behandlung stärker
in die eigene Hand, d.h., die Frequenz ihrer Arztbesuche sank
deutlich.
Symptome sind eine Sprache des Körpers. Heilung kann nur stattfinden, wo der Patient ernstgenommen wird.
Patient=passiv? Nein, das ist unerwünscht. Wo nur der Arzt der Macher ist, bleibt der Patient passiv, ein notwendiges Rollen-Spiel wird unterdrückt, der Schmerzpatient kann seine Rolle nicht annehmen.
Wie wichtig es ist, gerade auch die Psyche zu berücksichtigten, zeigte ein Bericht von Dr. Spintge. Er ist ursprünglich Anästhesiologe ("knallharte Naturwissenschaft"), aber auch Musiktherapeut.
Er hat den Verbrauch an Beruhigungsmitteln vor bestimmten Operationen auf Null gesenkt, setzt stattdessen "Desing-Musik" ein, die er sich anfertigen ließ. Es handelt sich um eine Mischung aus Natur-Tönen (z.B. Wasser-Plätschern) mit Orchester und Rhythmus. Das Wechselspiel von rhythmischer Musik und körperlichen Rhythmen ist hochinteressant. Allerdings bestehe vielfach die Gefahr, daß Musik als zusätzliche Isolation emfunden und daher abgelehnt werde. (z.B. bei Migräne wird Musik vielfach sogar völlig abgelehnt - da wünschten die meisten Patienten einfach Ruhe).
Spintge verwies auf ein historisches Experiment zum Einfluß von Musik: Setze man Goldfischen vor ein Metronom, so klappen ihre Kiemen im Takt des Metronoms...
Reinhard Flatischler aus Wien berichtete über seine Tanztherapie, die ihm selbst Probleme mit Asthma und Kopfschmerz habe überwinden helfen. Dr. Müller-Schwefe bestätigte dies; er habe seit einiger Zeit entsprechende Kurse durch einen Flatischler-Schüler angeboten und sei selbst vom Erfolg überrascht gewesen.
Es habe ihn überrascht, wie dadurch "Rückenpatienten,
die vorher nur noch nach ihrem Schmerz guckten, in Bewegung kamen".
Allerdings gibt es einen boomenden Markt von Heilpraktikern und
Esoterikern - wie finden da Patienten das, was gut für sie
ist? Wie können sie die Spreu vom Weizen trennen? Theoretisch
könnte der Hausarzt eine gute Adresse für diese Unterscheidung
sein, denn er ist vor Ort, sollte das örtliche Angebot kennen.
Klar: das ist schöne Theorie. In der Regel hilft es aber
auch, nach entsprechenden Berufsverbänden zu fragen, da dort
mehr oder weniger klar Ausbildungs-Standards definiert sind. Daneben
sollte man sich einfach auf sein Gefühl verlassen: sobald
einem beim Therapeuten etwas unstimmig erscheint, sollte man sich
einen anderen suchen.
Wichtig sei es gerade bei der Verbindung von Schmerztherapie mit
solchen komplementären Heilmethoden, daß immer der
ganze Mensch betrachtet werde. Einerseits sei es sowieso eine
gefährliche Illusion, wenn ein Patient zum Arzt gehe und
erwarte "Mach mir den Kopfschmerz weg!", andererseits
könne manche Therapie, am falschen Menschen angewendet, auch
bösen Schaden anrichten.
Erfreulich ist jedenfalls, daß nunmehr auf breiter Front
Sätze gesagt wurden wie "Die Psyche gehört zur
Schmerztherapie, und der Schmerz gehört zur Psyche",
während noch vor wenigen Jahren klassische pharmakologische
Denk- und Wirkungsmechanismen vorherrschten.
Einer der Höhepunkte des Schmerztages war die öffentliche Podiumsdiskussion unter der Moderation von Marianne Koch. Dabei wurde klar, daß Schmerztherapie zwar auf dem Vormarsch ist, aber noch lange nicht hinreichend verbreitet. Und: die diversen politischen Querelen - sei es die Budgetierung und deren Auswirkungen auf die Rezeptierung vor allem Ende letzten Jahres, sei es die Verunsicherung durch die sog. Gesundheitsreform (1.+2.NOG) war allgemein Thema. Allerdings konnte sich Frau Koch nicht damit durchsetzen, man müsse doch die Ärzte verstehen - nach wie vor gibt es ein Recht auf Behandlung, das ein einzelner Arzt nicht eigenmächtig ablehnen kann.
Dr. Schindler vom Verband der Ersatzkassen berichtete sogar, daß es z.B. in Hessen gar keine Budget-Überschreitungen gegeben habe, vielmehr sei durch frühzeitige Kooperationen von Kassenärztlicher Vereinigung (KV) und Krankenkassen das Budget in Hessen für 1996 nur zu 92% ausgeschöpft worden - umso unverständlicher ist es, daß es dennoch in den letzten Wochen des alten Jahres Fälle von Rezept-Verweigerung gab.
Doch die aktuelle Verunsicherung führte zu seltsamen Effekten: Schmerztherapie war früher überhaupt nicht statistisch erfaßt worden. Erst durch eine formale Änderung der BTM-Rezepte wurden diese Verordnungen erfaßt - was zu scheinbar enormen Steigerungen bei den Verschreibungen führte.
Frau Hannelore Krüger, Vorsitzende des BSK Krautheim und
selbst seit 20 Jahren Schmerzpatientin, berichtete, daß
sie seit Jahren Spritzen bekomme. Seit Oktober 96 verlange nun
ihr Arzt eine Zuzahlung von 5,-DM pro Spritze von ihr!
Ein Eckpunkt ist nach wie vor die Grundsätzliche Zusage des Krankenversicherungsrechts: Die Krankenkasse bezahlt alles, was medizinisch notwendig ist. Allerdings gebe es interne Negativ-Listen, und es wird derzeit ein "Bundesausschuß" gebildet (von Krankenkassen, KV und Leistungsanbietern), in dem ausgehandelt werden soll, was im Einzelnen als "medizinisch notwendig" gelten soll.
Von mehreren Seiten wurde kritisiert, daß in diesem Bundesausschuß weder Patienten noch Selbsthilfegruppen vertreten seien. Auch wenn in den Gremien der Krankenkassen theoretisch auch Vertreter der Versicherten säßen, seien dadurch die Patienten-Interessen viel zu wenig repräsentiert.
Schon bei der Erstellung des Hilfsmittel-Katalogs habe sich gezeigt:
da machten Selbsthilfegruppen und Behindertenverbände Eingaben,
die zur Kenntnis genommen und dann abgelegt wurden, ohne daß
sie irgendwelchen Einfluß auf die Erstellung des Hilfsmittelkatalogs
gehabt hätten.
Grundsätzlich war es ein wichtiger Schritt, daß bei
der Podiumsdiskussion neben Ärzten und Krankenkassen auch
Politiker (Gudrun Schaich-Walch, MdB-SPD und Mitglied des Gesundheitsausschusses)
und Vertreter von Behindertenverbänden saßen - Herr
Wolfshohl i.V. für Trude Unruh von den Grauen Panthern, H.Krüger
für den BSK, Herr Lascheit für den VdK.
So wichtig derartige Veranstaltungen sind - es gab einen Artikel in der Frankfurter Rundschau und einen großen Aufmacher in der "Woche" - so bedauerlich finde ich, daß Schmerz bei Querschnittlähmung, MS oder Rheuma kaum wahrgenommen wurde. Wo konkret über Zusammenhänge und Formen geredet wurde, da ging es immer wieder um Migräne und um chronische Rückenschmerzen.
Immerhin waren bei der Podiumsdiskussion Hannelore Krüger
vom BSK, Graue Panther und Rheumaliga vertreten, und für
die politischen Auseinandersetzung um die künftige Gestaltung
der gesetzlichen Krankenversicherung wurde die Beteiligung der
"Kunden" des Medizinsystems eingefordert - nicht nur
über die Selbstverwaltungsgremien der Krankenkassen, sondern
als eigenständige Beteiligung von Behindertenverbänden.
Hannes Heiler