EItern muskelkranker Schüler berichten über
ihre Erfahrungen
von Ursula Haupt
1. Die Befragung
Immer mehr körperbehinderte Schüler besuchen
heute Regelschulen. Es ist aber kaum bekannt, wie es ihnen dabei geht, welche Hilfen
sie brauchen - und ganz real in der Schule erhalten können. Es wird
in der Diskussion um die Integration noch wenig thematisiert, welchen Einsatz
Eltern leisten müssen, damit der Regelschulbesuch betroffener Kinder möglich
ist. Für die Weiterentwicklung der Integration ist diese Frage
aber sehr bedeutsam. Aus den Erfahrungen von Körperbehindertenschulen
und Integrationsschulen ist bekannt, daß Schulerfolg und soziale Integration
bei Schülern mit Behinderungen von unterschiedlichen Gegebenheiten
abhängen. Ausstattung und Arbeitsweise der Schule sind bedeutsam. Der persönliche
Einsatz der Lehrkräfte spielt eine große Rolle. Begabungen,
Entwicklungsbedingungen und Erfahrungen der Schüler wirken sich aus. Auch
die Erkrankung oder Behinderung und ihr Verlauf können die schulische Entwicklung
beeinflussen. Um einige wesentliche Aufschlüsse dar über zu erhalten,
wie es muskelkranken Schülern in der Schule geht, wurde im Februar 1996 in Zusammenarbeit
mit der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke, Freiburg, die
Befragung einer Gruppe durchgeführt: Eltern von Kindern mit Muskeldystrophien.
Für 316 Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Muskeldystrophien
wurden Fragebögen ausgefüllt und zurückgesandt:
38 Kinder im Alter von 2-7 Jahren waren am 1.2.96
noch nicht in der Schule,
davon Jungen mit Duchenne-Muskeldystrophie (DMD)
35;
198 Kinder und Jugendliche im Alter von 6-21 Jahren
besuchten die Schule, davon 182 mit DMD;
51 Jugendli che und Erwachsene im Alter von 16-35
Jahren besuchten keine Schule mehr, davon 40 mit DMD;
29 Familien, in denen muskelkranke Söhne verstorben
waren, stellten ihre Erfahrungen zur Verfügung, um Wege für
die Integration zu ebnen.
2. Kinder, die noch nicht in der SchuIe sind
Viele Kinder mit DMD sind im Vorschulalter auf verschiedene persönliche Hilfen angewiesen: 26 brauchen Hilfe beim An- und Ausziehen, 10 auf der Toilette, 6 beim Treppensteigen, beim Essen, Spielen o.a. Die Hilfsbedürftigkeit steigt schon in der Vorschulzeit mit zunehmendem Alter deutlich an. Von den 37 Kindern im Alter von 3 7 Jahren in dieser Gruppe besuchen 29 den Kindergarten gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern. 2 gehen in einen Sonderkindergarten.
3. Die Schüler
Rund 90°70 der Schüler haben einen Kindergarten gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern besucht- Etwa 10 % waren im Sonderkindergarten. Rund 10 % waren in einem Schulkindergarten - 10°70 wurden zunächst vom Schulbesuch zurückgestellt.
3.1 Behinderung und SeIbständigkeit
Die Schüler mit DMD sind früh und umfänglich
auf persönliche Hilfen angewiesen. Nach den Aussagen der Eltern sind fast
alle Jungen bis zum Alter von 7 Jahren ohne Hilfe gehfähig. Bei den 8jährigen
ist noch etwa die Hälfte in der Lage, alleine zu gehen. Etwa 25% der Betroffenen
sind ausschließlich auf den Rollstuhl angewiesen, etwa 25 % brauchen
ihn für schwierige oder längere Strecken. Ab 11 Jahre sind die meisten
Jungen ausschließlich auf den Rollstuhl angewiesen. 90% der Rollstuhlfahrer benutzen
einen Elektro-RoIlstuhl. Zum Zeitpunkt der Einschulung
brauchen etwa 75% der Jungen mit DMD viele persönliche Hilfen für die
AIltagsbewältigung. Ab 10 Jahre brauchen alle zunehmend HiIfen, wie Hilfe beim An-
und Ausziehen, Hilfe auf der Toilette, bei der Körperpflege, beim Aufstehen,
zu Bett gehen, Lagewechsel, Essen. Es ist von besonderer Bedeutung,
daß alle erforderlichen Hilfen auch im Schulalltag möglich sind, daß
sie rechtzeitig und mit Selbstverständlichkeit angeboten werden. Es
ist problematisch, wenn die Betroffenen immer wieder um notwendige Hilfen kämpfen
müssen. Als besonders ungünstig muß angesehen werden, wenn sie
auf Hilfen verzichten und sich damit selbst zusätzlich einschränken. Beides
trägt zum Erleben von Behinderung bei.
3.2 Besuchte Schule
Rund 60% der Schüler besuchen Regelschulen -
zum Teil mit besonderen Hilfen< für die Integration. 40 % besuchen eine Sonderschule,
zumeist eine Schule für Körperbehinderte. Dabei besuchen Schüler
mit schweren Behinderungen und Gehunfähigkeit eher eine spezielle Schule (statistisch
signifikant auf dem 5%-Niveau)Von den 108 Regelschülern mit DMD haben
11 stundenweise und 16 während der ganzen Schulzeit einen persönlichen
Helfer (z.B.: einen Zivildienstleistenden). 2 Schüler mit anderen
Formen der Muskeldystrophie(AMD) haben in der Regelschule einen persönlichen
Helfer.
3.3 Situation in der Schule
Etwa 60% der Schüler brauchen in der Schule
mehr Zeit für Arbeiten als andere. Das bedeutet, daß sie mehr Anstrengung
und Konzentration aufbringen müssen, um ihre Arbeiten fertigzustellen. Nur
rund 30 % der betroffenen Schüler benutzen in der Schule eine elektrische
Schreibmaschine oder einen PC. Darin zeigt sich ein Mißverhältnis
zwischen erforderlichen und verfügbaren Hilfen. Es ist wichtig, daß
vom Beginn der Bewegungseinschränkungen an, die z.B. auch schriftliches
Arbeiten betreffen, Hilfen angeboten werden. Eine besonders wichtige
Hilfe ist das Arbeiten mit PC. Es ist motorisch weniger anstrengend als das
Handschreiben. Korrekturen können leicht eingearbeitet werden. Es gibt
auch Programme, die die Rechtschreibung korrigieren - eine wichtige Hilfe
beim Erlernen der Rechtschreibung. Andere Programme erleichtern das
richtige Schreiben mathematischer Aufgaben und Formeln. Vielen Schülern
fällt das Arbeiten mit PC nicht so schwer. Diese Arbeit hat hohen Motivationswert
und gehört heute zur Selbstverständlichkeit in der Arbeitswelt.
Auch hier gilt: die Kinder brauchen die Hilfen möglichst früh - und
nicht erst, wenn es gar nicht mehr anders geht. Wenn Schreiben mühsam ist, kommt
es häufiger zu Rechtschreibfehlern und Aufsätze werden eher
wortarm und karg. Das langsamere Arbeiten steht in Zusammenhang mit anhaltenden Schwierigkeiten
in bestimmten Unterrichtsfächern (hochsignifikant, 0,05 %
Niveau) Es geht nicht darum, Kinder, die wegen Bewegungsbeeinträchtigungen
beim Arbeiten mehr Zeitbrauchen, zu schnellerem Arbeiten anzuhalten. Es
geht darum, ihnen sinnvolle Arbeitserleichterungen und gute technische Hilfen
zu geben, damit die Betroffenen im Unterricht nicht wegen ihrer Behinderung
benachteiligt sind
3.4 Anhaltende Schwierigkeiten in Unterrichtsfächern
Mehr als 50%/% der Schüler mit Muskeldystrophie
haben anhaltende Schwierigkeiten in bestimmten Unterrichtsfächern.
Schwierigkeiten im Deutschunterricht sind besonders häufig. Die
Rechtschreibung fällt schwer (30%); aber auch Lesen und Aufsatzschreiben werden
jeweils von rund 20%genannt. Der Zusammenhang von langsamerem Arbeiten
und Schwierigkeiten in Unterrichtsfächern wurde schon genannt. Ein
weiterer Zusammenhang besteht mit größerer Hilfsbedürftigkeit der Schüler
(signifikant, 5%-Niveau), die abhängig ist vom Schweregrad der Bewegungsbehinderung
3.5. Alter und anhaItende Schwierigkeiten in Unterrichtsfächern
(Schüler mit DMD)
Es fällt auf, daß mit 8-9 Jahren 75% der
Kinder Schwierigkeiten beim Lernen haben. Dabei spielt einmal eine Rolle, daß
die Anforderungen in der Grundschule im 3. und 4. Schuljahr deutlich ansteigen.
Dann wird auch die Schreibmenge, die bewältigt werden muß,
erheblich größer. Zugleich ist es die Altersstufe, in der viele Betroffene leidvoll erleben,
daß ihre Gehfähigkeit abnimmt und schließlich verloren geht. Sie
werden abhängig von Hilfen. Es erfordert erhebliche Kraft, sich mit dieser Situation
auseinanderzusetzen und mit ihr umzugehen. Schulleistungen sind dann ganz
besonders mühsam. Die Jungen brauchen in dieser Zeit verständnisvolle
Lehrkräfte, die nicht von ihnen erwarten, daß sie über ihre Situation
sprechen. Eine weitere sehr schwierige Phase ist die Zeit der Pubertät mit
der erneuten Auseinandersetzung mit der eigenen Person, den eigenen
Möglichkeiten, den gegebenen Ein schränkungen. Viele Lehrer berichten,
daß es in der 7 Klasse besonders "gärt". Bei muskelkranken
Schülern haben die fälligen Reifungsprozesse besonders Gewicht. Es ist sehr schwer
, sich damit auseinanderzusetzen, daß man zunehmend Hilfen
auch von der eigenen Familie braucht, wenn eigentlich die beginnende Loslösung
von der Familie ansteht.
Beides kann zur Entmutigung führen mit negativen
Folgen für die schulische Entwicklung und für die soziale Integration.
Es ist ohnehin für die Betroffenen sehr leidvoll, daß die Abhängigkeit
von Hilfen im Lauf der Jahre zunimmt. Zur fortschreitenden Entwicklung von Integration
muß gehören, daß Schüler mit Behinderungen alle erforderlichen
Hilfen in der Schule bekommen können und zwar durch Fachkräfte und Helfer,
die zur Schule gehören. Wie viel da noch zu tun ist, wird in den folgenden Abschnitten
deutlich.
Die Fragen nach Ausbildung, Berufstätigkeit,
nach Beziehungen, Partnerschaften, nach Zukunftsperspektiven können
sehr drücken. Es sind sowohl Hilfen für das Lernen erforderlich als
auch persönliche Hilfen durch Gespräche, durch das Bemühen, Lösungen
für Probleme zu ermöglichen. Es ist bedeutsam, daß Schüler mit Behinderungen,
die Regelschulen besuchen auch Kontakte mit gleich oder ähnlich Betroffenen
haben, Gespräche führen, sich austauschen. Wenn Schüler mit Behinderungen
ausschließlich Kontakte mit Nichtbehinderten haben, kann für sie der Eindruck
entstehen, sie seien irgendwie "nicht normal" und müßten
alles so tun wie die Nichtbehinderten, um von ihnen anerkannt zu werden. Tatsächlich ist
es wichtig, daß sie manches auch ganz anders machen so wie es für sie am
besten geht. Im Kontakt mit gleich oder ähnlich Betroffenen ist vielleicht
die Erfahrung leichter möglich, daß Behinderung auch normal ist
und daß jeder ein Recht hat, zu sein wie er ist.
aus: Muskelreport 4/96
Von: Pburkholz@aol.com