Von Rolf Dietrich Schwartz (Bonn)
Die FDP-Sozialexpertin Gisela
Babel hat vor zwei Wochen selber zu Protokoll gegeben, daß
die Leistungsverbesserungen der Pflegekassen im Ausgabevolumen
von zusammen 260 Millionen Mark ,,ein-vernehmlich von Koalition
und Opposition in einem Korrekturpaket" beschlossen worden
seien. Sie nannte die fünf kostenpflichtigen Punkte ,,vertretbar
und vernünftig". So sollten bei Tages- und Nachtpflege
die Pflegesätze an die höhere Sachleistungspauschale
der häuslichen Pflege angeglichen werden. Rückforderungen
von Pflegegeld im Sterbemonat sollten unterbleiben.
In Krisensituationen, in denen häusliche Pflege
nicht möglich ist, sollte auf die Bedingung einer zwölfmonatigen
Pflegezeit verzichtet werden, bevor die Pflegekasse zahlt. Die
Urlaubspflege zur Entlastung von pflegenden Angehörigen hätte
verbessert werden sollen. Und die Kontrolle bei häuslicher
Pflege sollte von der Kasse bezahlt und nicht vom Pflegegeld abgezogen
werden.
Postwendend reagierte der SPD-Sozialpolitiker Gerd
Andres ,,mit sehr großem Erstaunen" auf diese Wende
seiner FDP-Kollegin, die persönlich an den Vereinbarungen
über Leistungsverbesserungen im Pflegerecht zwischen Koalition
und Oppositionsparteien teilgenommen und sie gutgeheißen
habe. Unter allen Fachleuten besteht nach seinen Worten Übereinstimmung,
daß von den neun Milliarden Mark Rücklagen in der Pflegekasse
vier Milliarden Mark als Betriebsmittel gesetzlich vorgeschrieben
seien und fünf Milliarden Mark wegen der unbestreitbaren
künftigen Risiken in Reserve gehalten werden müßten.
Künftig sei mit sinkenden Einnahmen zu rechnen,
weil die Beiträge wegen der immens hohen Arbeitslosigkeit
zurückgehen würden, sagte Andres. Ein Polster sei als
Sicherheitsreserve notwendig, weil sich die Zahl der Pflegebedürftigen
in gut zehn Jahren auf 350000 erhöhen werde. Außerdem
gebe es einen deutlichen Trend hin zur teureren Sachleistung in
der Pflegeversicherung, und es stehe eine Entscheidung des Europäischen
Gerichtshofs bevor, nach der Geldleistungen auch im Ausland erbracht
werden müßten.
Andres rechnete seiner FDP-Kollegin darüber
hinaus vor, daß die Pflegeversicherung im vergangenen Jahr,
dem ersten Jahr, in dem Leistung im ambulanten und stationären
Bereich erbracht worden sind, einen Einnahmeüberschuß
in Höhe von 1,4 Milliarden Mark erzielen konnte. Eine Beitragssenkung
um 0,2 Prozentpunkte auf 1,5 Prozent hätte Einnahmeeinbußen
von 3,6 Milliarden Mark zur Folge gehabt, so daß die Pflegeversicherung
sofort mit einem gravierenden Defizit in die Phase ihrer vollständigen
Leistungsverpflichtungen gestartet wäre.
,,Offenkundig kann eine solche Forderung nach Beitragssenkung
nur derjenige erheben, der von der Sache keine Ahnung hat oder
der die Pflegeversicherung kaputt machen oder durch Schauanträge
Wählerstimmen gewinnen will", sagte der Oppositionspolitiker.
Er machte zwar Babel nicht direkt diesen Vorwurf, bat aber um
so dringlicher um Aufklärung, warum sich die FDP-Expertin
zur Fürsprecherin einer solchen Politik gemacht habe.
Seine Partei, die SPD, werde jedenfalls die gemeinsam
mit der Koalition ausgehandelten Vorschläge zur Leistungsverbesserung
der Pflegekassen in den Bundestag einbringen und zur Abstimmung
stellen, kündigte Andres an. Der Oppositionsabgeordnete glaubt,
die FDP-Politikerin in die Bredouille bringen zu können:
,,Dann werden auch Sie persönlich Farbe bekennen
müssen."
FR 12.2.98
Eine Senkung des Beitragssatzes zur Pflegeversicherung,
wie sie die FDP dem Bündnispartner CDU/CSU abverlangt hatte,
ist vom Tisch; die zwischen Koalition und Opposition vereinbarten
besseren Leistungen der Pflegekassen allerdings auch. Der Koalitionsfrieden
wurde durch einen Wortbruch der FDP gerettet.