3.1 ,,Weder Küsse noch Karriere" - Zur
Situation behinderter Frauen
Dr. Sigrid Arnade, Berlin
Meine Damen und Herren, ganz herzlich möchte
ich mich für die Einladung zu der heutigen Veranstaltung
bedanken! Es ist ein seltenes, aber um so erfreulicheres Ereignis,
daß die Initiative zu solch einer Veranstaltung von Frauenprojekten
ausgegangen ist. Ich freue mich, heute zu Ihnen sprechen zu können
und möchte Ihnen kurz die Gliederung meines Referates vorstellen:
Zunächst werde ich einige allgemeine Bemerkungen zu dem Thema
unter dem Titel:
,,Behinderung: Frauen kommen nicht vor" machen.
Dann werde ich über das Körpergefühl von vielen
Frauen mit Beeinträchtigungen und die Auswirkungen des allgegenwärtigen
Schönheitsideals sprechen. In einem dritten Abschnitt geht
es um ein Thema, das zur Zeit nicht nur behinderte Menschen bewegt,
die Erwerbstätigkeit. Im vierten Teil werde ich über
behinderte Frauen im Reproduktionsbereich, also behinderte Mütter;
sprechen. Und nachdem ich viele Schwierigkeiten und Probleme aufgezeigt
habe, werde ich als fünftes Perspektiven aufzeigen. Nun zum
ersten Teil:
Thema Behinderung: Frauen kommen nicht vor
Behinderte Menschen werden als Geschlechtsneutren
gesehen. Typisch dafür ist die Toilettensituation. Wenn man
das Glück hat, eine barrierenfreie Toilette zu finden: Rechts
die Frauentoilette; links die Männertoilette; dazwischen
die Behindertentoilette. Da wird nicht mehr nach Geschlecht differenziert.
Das betrifft natürlich behinderte Männer
genauso wie behinderte Frauen. Wenn aber den behinderten Menschen
ein Geschlecht zugestanden wird, dann ist es männlich. In
der Behindertenpädagogik wird von ,,dem Behinderten"
gesprochen - gemeint ist der Mann mit Beeinträchtigung. Auch
neuere Werke über die Sexualität behinderter Menschen
behandeln vor allem die Sexualität behinderter Männer;
bei Frauen mit Beeinträchtigungen wird nur kurz darauf eingegangen,
ob und wie sie gebären können. Entsprechend orientieren
sich die Gesetze zugunsten behinderter Menschen an einer männlichen
Biographie. Wer erwerbstätig ist, kann diverse Nachteilsausgleiche
in Anspruch nehmen. Behinderte Frauen mit Erziehungsaufgaben erhalten
diese Nachteilsausgleiche wie Kfz-Finanzierung oder Wohnungsanpassungen
nicht. Auf die Bereiche Erwerbs- und Reproduktionsarbeit werde
ich später noch genauer eingehen. Wenn jedenfalls von einer
rechtlichen Gleichstellung behinderter Menschen die Rede ist,
so darf auch die Gleichstellung behinderter Frauen mit behinderten
Männern nicht vergessen werden.
Allerdings haben behinderte Frauen kaum eine Lobby:
Die Entscheidungsträger in Behindertenorganisationen sind
hauptsächlich Männer; die Aufgaben der Frauen beschränken
sich meist darauf, Kaffee zu kochen und Protokoll zu führen.
Aber auch von Frauen werden behinderte Frauen kaum als Frauen
wahrgenommen. Ihre Interessen werden deshalb auch in der Frauenbewegung
nicht vertreten. Geht man in einen Frauenbuchladen, um Literatur
von oder über Frauen mit Behinderung zu suchen, so findet
man kaum etwas. Es gibt zwar jede Menge Lesestoff zum Thema ausländische
oder schwarze Frauen, aber fast nichts zu den vier Millionen bundesdeutschen
Frauen mit Beeinträchtigungen. Dementsprechend werden Frauen
mit Beeinträchtigungen in Frauenzusammenhängen meist
nicht mitgedacht. Frauenprojekte, Frauenveranstaltungen, Frauenzufluchtstätten
sind in den seltensten Fällen barrierenfrei, das heißt
zugänglich und nutzbar für alle Frauen. Dazu würde
gehören, daß sich mobilitätsbehinderte Frauen
problemlos bewegen können, dazu würde gehören,
daß Informationen für sehbehinderte und blinde Frauen
nutzbar sind; dazu würde gehören, daß für
schwerhörige und gehörlose Frauen bei Veranstaltungen
Gebärdendolmetscherlnnen bzw. Hörhilfen zur Verfügung
gestellt werden und daß Projekte über ein Schreibtelefon
erreichbar sind.
Und hier gleich ein Appell an die Frauenpolitikerlnnen:
Auch in Zeiten knapper Kassen ist Barrierenfreiheit durchzusetzen.
Es kostet Sie keinen Pfennig, wenn Sie Zuschüsse für
Projekte an die Bedingung der Barrierenfreiheit knüpfen.
Körpergefühl und Schönheitsideal
Frauen mit Beeinträchtigungen werden nicht nur
als Geschlechtsneutren wahrgenommen, sie werden auch schon so
erzogen. Die behinderten Mädchen lernen, daß mit ihnen
etwas nicht stimmt, daß ihr Körper nicht schön,
liebens- und schützenswert, sondern defekt ist. Ihre Intimsphäre
wird nicht geachtet. Jeder darf an ihnen rumfummeln, vor der Ärzteschaft
müssen sie sich als Demonstrationsobjekt zeigen. Für
viele behinderte Mädchen tragen auch Erfahrungen in der Krankengymnastik
dazu bei, den eigenen Körper abzulehnen. Früher wurde
in der Krankengymnastik auch stärker der Defekt als die körperlichen
Möglichkeiten betont, und die krankengymnastischen Methoden
waren oft brutal. Alle diese Erfahrungen haben bei vielen Frauen
mit Beeinträchtigungen dazu beigetragen, ihren Körper
eher zu bekämpfen und abzulehnen statt anzunehmen. Diejenigen
von ihnen, denen es gelingt, ein positives Körpergefühl
aufzubauen, haben meist lange daran arbeiten müssen.
Die behinderten Mädchen lernen außerdem,
daß sie den körperlichen Makel durch geistige Leistungen
kompensieren müssen und daß sie sowieso nie einen Mann
bekommen. Die Großmutter einer behinderten Schweizerin sagte
zu ihr; es sei ein Glück, daß sie kein Junge sei. Diese
Einschätzung begründete die Großmutter damit,
daß es für einen Jungen oder Mann viel schwerer zu
ertragen sei, später ohne Frau leben zu müssen, während
es einer Frau nichts ausmachen würde, ohne Sexualität
zu leben.
Aber nicht nur Eltern und Familie machen es den Mädchen
und Frauen schwer; sich mit dem behinderten Körper zu akzeptieren.
Eine wichtige Rolle für das Erleben des eigenen Körpers
spielt das allgegenwärtige Schönheitsideal. Das kennen
auch die meisten nichtbehinderten Frauen: Wenn einen aus jeder
Zeitschrift,
von jeder Litfaßsäule nur die Topmodels
anlächeln, wird man immer wieder an die überflüssigen
Pfunde, die zu kurzen Beine oder die Fältchen im Gesicht
erinnert. Für die meisten behinderten Frauen fällt der
Vergleich noch niederschmetternder aus. Die Lähmung läßt
sich nicht durch Diät beheben, der Buckel nicht durch günstige
Kleidung verstecken oder wegschminken. Es ist aber die Reaktion
der Umwelt, die es so schwer macht, diese Diskrepanz zu ertragen.
Behinderte Männer entsprechen sicherlich auch nicht dem männlichen
Topmodel, aber das hat nicht dieselben Konsequenzen wie bei Frauen:
So sind 75 % der behinderten Männer verheiratet,
aber nur 38,2 Prozent der behinderten Frauen (laut Mikrozensus
1989). Ob das nun ein Vor- oder Nachteil ist, sei dahingestellt
- sicher ist, daß behinderte Frauen mit einem Wunsch nach
einer traditionellen Partnerschaft größere Schwierigkeiten
haben, diesen Wunsch zu realisieren als Männer. Das liegt
meiner Ansicht nach an den traditionellen Rollenbildern: Männer
suchen meist eine Frau zum Repräsentieren und um Haushalt
und Kinder zu versorgen. Dazu eignet sich eine behinderte Frau
nicht. Außerdem wird der nichtbehinderte Mann, der mit einer
behinderten Frau lebt, höchstens mitleidig belächelt
nach dem Motto: ,,Der hat wohl nichts Besseres abgekriegt."
Umgekehrt spielen die Äußerlichkeiten
von behinderten Männern eine weniger entscheidende Rolle.
Die körperliche Beeinträchtigung vermögen viele
Männer durch Charme, Esprit und Pfiffigkeit wettzumachen.
Außerdem spricht die Behinderung eines Mannes bei vielen
Frauen den Pflege- und Mutterinstinkt an.
,,Haushalt vor Reha" Die berufliche Situation
behinderter Frauen
Der Grundsatz deutscher Rehabilitationsträger
,, Reha vor Rente" gilt offensichtlich nur für Männer.
Für die meisten behinderten Frauen, und seien sie noch so
arbeitswillig, heißt es statt dessen ,,Haushalt vor Reha".
Behinderte Mädchen und Frauen sind in allen
Bereichen der beruflichen Rehabilitation unterrepräsentiert.
Hier ist noch nach West und Ost zu differenzieren, wobei mir nur
Zahlen aus Berlin bekannt sind: Während der Frauenanteil
bei Ausbildungen und Umschulungen im Westen meistens unter 30
% liegt, war er in Ostberlin 1993 noch mit etwa 40 Prozent zu
verzeichnen vermutlich mit sinkender Tendenz. Ist das wirklich
mit der Angleichung der Lebensverhältnisse gemeint? In Berlin
ist eine Studie mit dem Titel ,,Die Veränderung der Lebenssituation
von Frauen mit Behinderung im Ostteil Berlins seit der Wiedervereinigung
Deutschlands" durchgeführt worden, woher diese Zahlen
stammen. Nach dieser Studie haben die behinderten Frauen aus Ostberlin
bessere
Bildungsvoraussetzungen als die Westberlinerinnen.
Bei den Ostberliner Frauen mit Beeinträchtigungen ist die
Arbeitszufriedenheit im Vergleich zu DDR-Zeiten nur bei rund 15
Prozent gestiegen.
Ähnliches offenbart der Sozialreport, der im
Oktober 1994 erschien. Zeitungsartikel darüber wurden mit
,,Ostdeutsche zufrieden" getitelt. Beim Lesen der Artikel
fiele allerdings auf, daß sich die Zufriedenheit auf die
ostdeutschen Männer bezog. Von den ostdeutschen Frauen empfanden
nur 14 Prozent die Einheit als Gewinn. Das bezog sich auf alle
Frauen. Aber es gibt keinen Grund anzunehmen, daß es diesbezüglich
bei behinderten Frauen anders aussieht als bei nichtbehinderten
Frauen.
Das klingt nun vielleicht so, als sei die Behindertenpolitik
in der ehemaligen DDR besser gewesen als die der Alt-BRD. Das
wollte ich damit nicht sagen, und ein Vergleich ist ein weites
Feld, das viele Aspekte umfaßt, die hier nicht hingehören.
Sicherlich haben beide Systeme Vor- und Nachteile, und ich finde
es mehr als bedauerlich, daß auch die positiven Seiten des
DDR-Systems wegvereinigt wurden, was vor allem zu Lasten von Frauen
mit und ohne Beeinträchtigung geht. Eindeutig ist aber; daß,
genau wie andere Frauen auch, die behinderten Frauen aus der ehemaligen
DDR selbstverständlich erwerbstätig waren und dadurch
auch eine höhere Motivation zur Erwerbstätigkeit haben
als viele Westfrauen, die oft von vornherein keine Chancen hatten.
Nun würde ich Sie gerne mit aktuellen Zahlen
konfrontieren. Aber das scheitert an dem Umstand, daß behinderte
Menschen als geschlechtsneutral gesehen werden. ,,Wir unterscheiden
nicht zwischen Männern und Frauen", heißt es bei
der Bundesanstalt für Arbeit. Deshalb gibt es in den meisten
Statistiken das dritte Geschlecht der Behinderten ohne weitere
Differenzierung. Die Erwerbslosenquote behinderter Menschen beträgt
zur Zeit etwa 14 Prozent. Die letzte Geschlechtsdifferenzierung
stammt aus dem Jahr 1989. Da lag die Arbeitslosenquote bei behinderten
Frauen drei Prozent über der der behinderten Männer.
Es ist anzunehmen, daß sich daran nicht viel geändert
hat.
Um Ihnen dennoch einige Zahlen zu präsentieren,
muß ich auf das spärliche Material des Statistischen
Bundesamtes zurückgreifen: Nach dem Mikrozensus von 1992
für Gesamtdeutschland bestreiten die meisten behinderten
Bundesbürger; nämlich 60 Prozent (Frauen und Männer
gleichermaßen), ihren Lebensunterhalt aus einer Pension
oder Rente, denn mit steigendem Alter nimmt der Anteil an behinderten
Bürgerinnen und Bürgern zu. Von den übrigen behinderten
Menschen leben etwa drei Viertel der Männer; aber nur rund
40 Prozent der Frauen von den Einkünften aus Erwerbstätigkeit.
Insgesamt ist ein knappes Drittel der behinderten Männer
erwerbstätig, aber nur ein Sechstel der behinderten Frauen,
so der Mikrozensus von 1992.
Je qualifizierter die Stellung ist, um so weniger
behinderte Frauen sind anzutreffen. Dementsprechend liegt der
Frauenanteil am unteren Ende der Arbeitsmöglichkeiten, nämlich
in den ,,Werkstätten für Behinderte", mit 40 Prozent
recht hoch. Das Entgelt in den Werkstätten, in denen die
behinderten Beschäftigten keine Arbeitnehmerrechte haben,
beträgt im Osten rund 100 DM, im Westen etwa 300 DM monatlich
- ein lächerliches Taschengeld bei den heutigen Lebenshaltungskosten.
Der niedrigen Quote der Erwerbstätigkeit entspricht
die Einkommenssituation behinderter Frauen: 1992 mußten
laut Mikrozensus 38 Prozent von ihnen mit einem monatlichen Nettoeinkommen
von weniger als 1 000 DM auskommen. Dasselbe traf auf lediglich
11 Prozent der behinderten Männer zu. Über 3500DM netto
hatten 10,8 Prozent der behinderten Männer; aber nur 2,1
Prozent der behinderten Frauen zur Verfügung.
Es gibt verschiedene Gründe dafür; daß
behinderte Frauen, trotz ihres Wunsches zu arbeiten, in allen
Bereichen der beruflichen Rehabilitation mit meistens weniger
als 30 Prozent unterrepräsentiert sind:
- Behinderte Frauen bekommen weniger und schlechtere
Beratungsleistungen als behinderte Männer und haben schlechtere
Chancen, einen Rehabilitationsantrag bewilligt zu bekommen. Rehabilitationsberater
verwehren auch hochmotivierten behinderten Frauen oft eine Rehabilitationsmaßnahme,
wenn die Frauen eine Familie haben oder vorhaben, eine zu gründen.
- Für viele behinderte Frauen fühlt sich
kein Kostenträger zuständig: Beispielsweise verunglücken
in den alten Bundesländern jährlich durch häusliche
Unfälle schätzungsweise 600 000 Frauen, davon bleiben
etwa 15 000 Frauen dauernd arbeitsunfähig. Da Hausfrauenarbeit
jedoch nicht als risikogeschützte Tätigkeit im Sinne
der Unfallversicherung gilt, kommt letztere nicht als Träger
für die berufliche Rehabilitation in Betracht. Im Gegensatz
zu Hausfrauen genießen Hausangestellte den Unfallversicherungsschutz.
- Aufgrund der Kindererziehung können Frauen
oft nicht die vorgeschriebene Versicherungszeit nachweisen, um
Übergangsgeld zu beanspruchen. Erhalten sie Ubergangsgeld,
so reicht es bei Frauen häufig nicht zum Lebensunterhalt
aus.
- Behinderten Frauen wird die Doppelbelastung Beruf
und Haushalt genauso zugemutet wie nichtbehinderten Frauen. Die
gesetzlich vorgesehene Haushaltshilfe für den Zeitraum der
Rehabilitationsmaßnahme wird so selten bewilligt, daß
behinderte Frauen teilweise freiwillig auf die Maßnahme
verzichten.
- Die Rehabilitationsmaßnahmen wurden meistens
nur wohnortfern und als ganztägige Bildungsmaßnahmen
in den Berufsförderungswerken angeboten, was eine Teilnahme
von behinderten Frauen mit Familienpflichten wiederum erschwert.
- Das berufliche Angebotsspektrum entspricht weitgehend
nicht weiblichen Berufsvorstellungen und ist fast nur auf Männer
ausgerichtet. So geben Frauen als Wunsch berufe, neben Berufen
im Organisations-, Verwaltungs- und Bürobereich, häufig
Gesundheitsdienstberufe wie Arzthelferin, Krankenschwester; Krankengymnastin
sowie Berufe aus dem Sozialbereich wie Pädagogin, Erzieherin,
Altenpflegerin an.
Das Rehabilitationsangebot beschränkt sich jedoch
mit regionalen Abweichungen vielfach auf Metall-, Elektro- oder
kaufmännische Berufe.
Diese Fakten habe ich größtenteils einer
Studie entnommen, die das Bundesministerium für Arbeit und
Sozialordnung bereits 1988 veröffentlicht hat. Seither sind
vielerlei Vorschläge erarbeitet worden, wie die berufliche
Situation für behinderte Frauen zu verbessern sei, zum Teil
sogar kostenneutral. Aber bislang passiert nichts. Oder fast nichts.
In einigen Berufsförderungswerken können jetzt alleinerziehende
Mütter umgeschult werden. Die Kinder werden tagsüber
betreut. Aber diese Modelle sind vielleicht im Sinne der Reha-Träger,
die bei einer wohnortnahen Rehabilitation Angst um ihre Pfründe
hätten, nicht aber im Sinne der Frauen und Kinder.
Die Kinder werden für zwei Jahre aus ihrer gewohnten
Umgebung herausgerissen. Und die Frauen haben eine Dreifachbelastung:
1. Sie müssen eine normalerweise 3jährige
Ausbildung innerhalb von 2 Jahren absolvieren = anstrengend.
Wer hat sich solche Modelle bloß ausgedacht?
(Aus dem Gesagten ergeben sich für den Bereich
der Erwerbstätigkeit eine ganze Reihe von Forderungen, zum
Beispiel:
,,Die sollen sich nicht auch noch fortpflanzen"
Mütter mit Beeinträchtigungen
Wie ich bereits mehrmals betonte, werden Frauen mit
Beeinträchtigungen als Geschlechtsneutren wahrgenommen. Verbreitet
ist die Meinung, daß es für sie keine Partnerschaft
und keine Sexualität gibt und nicht geben soll.
Daraus ergibt sich, daß Frauen mit Beeinträchtigungen
scheinbare Vorteile haben: Nichtbehinderte Frauen kämpfen
seit Jahren für das Selbstbestimmungsrecht in bezug auf einen
Schwangerschaftsabbruch und die Sterilisation. Da haben es behinderte
Frauen leichter: Von ihnen wird geradezu erwartet, daß sie
ein Kind abtreiben lassen, wenn sie schwanger geworden sind. Auch
dem Sterilisationswunsch einer behinderten Frau wird problemlos
entsprochen. Die Motivation, die hinter dieser scheinbaren Großzügigkeit
steckt, entpuppt sich jedoch bei näherer Betrachtung als
eine Form der Diskriminierung: Frauen mit Beeinträchtigungen
sind eben keine vollwertigen Menschen und sollen sich nicht auch
noch fortpflanzen. Dementsprechend wird behinderten Müttern
unterstellt, sie seien der Erziehungsaufgabe nicht gewachsen und
könnten ihren Kindern keine gute Mutter sein.
Wie ich eingangs erwähnte, orientieren sich
Gesetze zugunsten behinderter Menschen an einer männlichen
Biographie. Dabei ist Reproduktionsarbeit nicht vorgesehen. Das
bedeutet, daß Nachteilausgleich, also Hilfen zur Fahrzeugbeschaffung
und -umrüstung, Arbeitsplatz- und Wohnungsanpassungen an
die Erwerbstätigkeit gekoppelt sind. Ich kenne eine alleinerziehende
spastisch gelähmte Mutter von vier Kindern, die von der Sozialhilfe
lebt. Um ein Auto finanziert zu bekommen, mußte sie mit
mehreren Widersprüchen unter Einschaltung der Presse kämpfen.
Hätte sie einen Halbtagsjob als Sekretärin, wäre
das Ganze kein Problem gewesen. Hier besteht eine offensichtliche
Benachteiligung behinderter Frauen.
Einen großen Bereich, nämlich das Thema
Gewalt, habe ich jetzt nicht angesprochen. Gemeint ist die alltägliche
strukturelle Gewalt, die sich in baulichen Barrieren manifestiert,
oder das Machtgefälle in Assistenzverhältnissen. Gemeint
ist aber auch das weite Feld der sexuellen Ausbeutung behinderter
Frauen, die es nicht erst seit der Zunahme der rechtsextremen
Übergriffe auf behinderte Menschen gibt. Dazu wird Frau Bochmann
nach mir noch einiges sagen.
Ausblick
Wie läßt sich die Situation behinderter
Frauen nun verbessern?
Meiner Ansicht nach brauchen wir nicht ein Mehr an
Fürsorge, Zuwendung oder Betreuung. Wir brauchen und fordern
unsere Rechte. Wir wollen nicht länger Objekte der Fürsorge
sein, sondern selbstbestimmte Bürgerinnen mit denselben Menschenrechten.
Behinderung ist nur bedingt ein individuelles, sondern vielmehr
ein gesellschaftliches Problem. Wir brauchen unter anderem gesetzliche
Regelungen, die unsere rechtliche Gleichstellung sichern. Und
wir brauchen eine Frauenpolitik, die nicht länger übersieht,
daß 10 Prozent aller Frauen mit einer Beeinträchtigung
leben, sondern sich auch für diese Frauen stark macht.
Das alles fällt ja bekanntlich nicht vom Himmel.
Deshalb werden immer mehr betroffene Frauen selbst aktiv, machen
auf ihre Situation aufmerksam und fordern ihre Rechte. In Hessen,
Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Berlin haben sich inzwischen
Netzwerke behinderter Frauen gebildet. Ich finde, es wäre
ein tolles Ergebnis dieser heutigen Veranstaltung, wenn auch in
Sachsen erste Schritte zu solch einem Netzwerk gegangen werden.
Eines ist jedenfalls gewiß: Behinderte Frauen sind schwer
im Kommen und sowieso nicht mehr aufzuhalten.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!
Literatur:
Arnade, S.: Doppelt diskriminiert. Zur Situation
behinderter Frauen. Blätter der Wohlfahrtspflege 2, S.50-51,1991
Um zu verdeutlichen, daß es sich bei Frauen
mit Beeinträchtigungen nicht um eine kleine, zu vernachlässigende
Minderheit handelt, möchte ich einige Zahlen vorwegschicken:
Etwa jede 10. Frau lebt mit einer Beeinträchtigung. Das bedeutet,
daß es in der BRD rund vier Millionen behinderte Frauen
gibt; weltweit rechnet man mit etwa 250 Millionen Frauen, die
mit einer physischen, psychischen oder geistigen Behinderung leben.
Über
die Zahlen für Dresden wird Frau Bochmann Sie
im Anschluß informieren.
Für viele Frauen mit Beeinträchtigungen
ist es eine prägende und verletzende Erfahrung, daß
sie nicht als Frauen, sondern als geschlechtslose Behinderte wahrgenommen
werden. Ich selbst bin seit meinem 30. Lebensjahr auf den Rollstuhl
angewiesen. Natürlich freute ich mich, daß mir niemand
hinterherpfiff oder versuchte, Po oder Brüste anzugrapschen.
Als aber statt dessen meine Begleitperson gefragt wurde: ,,Was
hat sie denn?" oder ,,Wie alt ist sie denn?", bemerkte
ich, daß nicht mehr ich, sondern nur ein Rollstuhl mit Inhalt
wahrgenommen wurde.
2. Sie leben mit einer Behinderung = anstrengend.
3. Sie leben mit einem oder mehreren Kindern = anstrengend.
Wie gesagt, es existieren wirklich frauenfreundliche und billigere
Lösungsvorschläge. Aber vermutlich hat eine starke Männerlobby
bei steigenden Arbeitslosenzahlen kein gesteigertes Interesse
daran, auch noch behinderte Frauen verstärkt ins Erwerbsleben
zu integrieren. Hier ist also gezielte Frauenpolitik gefragt.
So sind die frauen-diskriminierenden Gesetze zu ändern, und
auch in der Verwaltung ist der Frauendiskriminierung durch gezielte
Frauenförderung entgegenzuwirken. Außerdem sind Modellprojekte
zugunsten behinderter Frauen zu realisieren.
- Die Berufsberatung hat durch informierte behinderte
Frauen zu erfolgen. Notwendig dafür sind Kooperationsverträge
zwischen Arbeitsämtern und Zentren für Selbstbestimmtes
Leben;
- das angebotene Berufsspektrum ist speziell im Hinblick
auf Frauen zu überprüfen und anzupassen;
- die Möglichkeit zur Teilzeitausbildung, die
zur Zeit von der Schwere der Behinderung abhängig gemacht
wird, ist auch für Frauen mit Familienpflichten zu schaffen;
- die Pflichtquote ist paritätisch durch die
Einstellung behinderter Frauen zu besetzen. Die finanzielle Förderung
von Projekten ist von dieser Voraussetzung abhängig zu machen;
- die Hälfte der Gelder der Ausgleichsabgabe
ist für Frauen zu verwenden;
- Arbeitsassistenz ist aus den Geldern der Ausgleichsabgabe
zu finanzieren;
- die Schwerbehindertenvertretung ist paritätisch
mit behinderten Frauen und Männern zu besetzen;
- geschlechtsdifferenzierte, empirische Untersuchungen
und statistische Erhebungen zur Ausbildungs- und Arbeitssituation
sind kontinuierlich zu erstellen.)
Arnade, S.: Weder Küsse noch Karriere. Erfahrungen
behinderter Frauen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M.,1992
Arnade, S.: Die Entschlossenheit sich zu wehren!
Von den verschiedenen Facetten der Gewalt im Leben behinderter
Frauen. Nachrichtendienst 11, S.400-403,1993
Arnade, S: Durchhalten. Dranbleiben. Und sich trauen.
Dann haben wir am ehesten eine Chance. Lebenssituation und Alltagserfahrungen
behinderter Frauen. Hessisches Ministerium für Frauen. Arbeit
und Sozialordnung, Wiesbaden, 1994
Barwig, G. und Busch, c. (Hrsg.): ,,Unbeschreiblich
weiblich!?" Frauen unterwegs zu einem selbstbewußten
Leben mit Behinderung. AG Spak, München, 1993
Barzen, K., K. Lorbeer, P Läseke, J. Wienhues
und A. Zeller: Behinderte Frauen in unserer Gesellschaft. Reha-Verlag,
Bonn, 1988
Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und
Sozialordnung, Familie, Frauen und Behinderung, München,
1993
Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung:
Forschungsbericht: Frauen in der beruflichen Rehabilitation. Bonn,
1988
Croxen John, M.: The Vocational Rehabilitation of
Disabled Women in the European Community. EG-Kommission, Brüssel,
1988
Deegan, M. J. und A. Brooks: Women and Disability.
The Double Handicap. Transaction Books, New Brunswick (USA) and
Oxford (U. K.), 1985
Degener, 1: Behinderte Frauen in der beruflichen
Rehabilitation. Rechtsgutachten. bifos Eigenverlag, Kassel, 1994
Diezinger, A., R. Marquardt, U. Schildmann und U. WestphalGeorgi:
Am Rande der Arbeitsgesellschaft: Weibliche Behinderte und Erwerbslose.
Leske und Budrich, Opladen, 1985
Erwinkel, C. und G. Hermes (Hrsg.): Geschlecht: behindert;
besonderes Merkmal: Frau. AG Spak, München, 1986
Kies, S.: Die Veränderung der Lebenssituation
von Frauen mit Behinderungen im Ostteil Berlins seit der Wiedervereinigung
Deutschlands. Zwischenbericht. Technische Universität, Berlin,
1994
Klee, E.: Behinderten-Report. Fischer Taschenbuch
Verlag. Frankfurt a.M., 1974
Niehaus, M.: Behinderte Frauen als Zielgruppe der
Schwerbehindertenpolitik. Forschungsarbeit, Trier; 1990
Schatz, A.: Forderungen behinderter Frauen an Gleichstellungsgesetze.
Leben und Weg 1, S.8-9,1994
Schildmann, U.: Lebensbedingungen behinderter Frauen.
Aspekte ihrer gesellschaftlichen Unterdrückung. Focus-Verlag,
Giessen, 1983
Schlembach, R.: Die behinderte Frau in Arbeit und
Beruf. Behindertenbericht 1, S.9-12,1993
Schmidbauer; B.: Über die soziale Lage der behinderten
Frauen und der Frauen, die Behinderte betreuen. Europäisches
Parlament, Brüssel, 1989
Statistisches Bundesamt: Mikrozensus 1992. Statistisches
Bundesamt, Wiesbaden, 1994
Zemp, A.: Sexuelle Ausbeutung von behinderten Menschen.
Leben und Weg 2, S.21-23, 1992