3.1 ,,Weder Küsse noch Karriere" - Zur Situation behinderter Frauen

Dr. Sigrid Arnade, Berlin

Meine Damen und Herren, ganz herzlich möchte ich mich für die Einladung zu der heutigen Veranstaltung bedanken! Es ist ein seltenes, aber um so erfreulicheres Ereignis, daß die Initiative zu solch einer Veranstaltung von Frauenprojekten ausgegangen ist. Ich freue mich, heute zu Ihnen sprechen zu können und möchte Ihnen kurz die Gliederung meines Referates vorstellen: Zunächst werde ich einige allgemeine Bemerkungen zu dem Thema unter dem Titel:

,,Behinderung: Frauen kommen nicht vor" machen. Dann werde ich über das Körpergefühl von vielen Frauen mit Beeinträchtigungen und die Auswirkungen des allgegenwärtigen Schönheitsideals sprechen. In einem dritten Abschnitt geht es um ein Thema, das zur Zeit nicht nur behinderte Menschen bewegt, die Erwerbstätigkeit. Im vierten Teil werde ich über behinderte Frauen im Reproduktionsbereich, also behinderte Mütter; sprechen. Und nachdem ich viele Schwierigkeiten und Probleme aufgezeigt habe, werde ich als fünftes Perspektiven aufzeigen. Nun zum ersten Teil:

Thema Behinderung: Frauen kommen nicht vor
Um zu verdeutlichen, daß es sich bei Frauen mit Beeinträchtigungen nicht um eine kleine, zu vernachlässigende Minderheit handelt, möchte ich einige Zahlen vorwegschicken: Etwa jede 10. Frau lebt mit einer Beeinträchtigung. Das bedeutet, daß es in der BRD rund vier Millionen behinderte Frauen gibt; weltweit rechnet man mit etwa 250 Millionen Frauen, die mit einer physischen, psychischen oder geistigen Behinderung leben. Über die Zahlen für Dresden wird Frau Bochmann Sie im Anschluß informieren.
Für viele Frauen mit Beeinträchtigungen ist es eine prägende und verletzende Erfahrung, daß sie nicht als Frauen, sondern als geschlechtslose Behinderte wahrgenommen werden. Ich selbst bin seit meinem 30. Lebensjahr auf den Rollstuhl angewiesen. Natürlich freute ich mich, daß mir niemand hinterherpfiff oder versuchte, Po oder Brüste anzugrapschen. Als aber statt dessen meine Begleitperson gefragt wurde: ,,Was hat sie denn?" oder ,,Wie alt ist sie denn?", bemerkte ich, daß nicht mehr ich, sondern nur ein Rollstuhl mit Inhalt wahrgenommen wurde.

Behinderte Menschen werden als Geschlechtsneutren gesehen. Typisch dafür ist die Toilettensituation. Wenn man das Glück hat, eine barrierenfreie Toilette zu finden: Rechts die Frauentoilette; links die Männertoilette; dazwischen die Behindertentoilette. Da wird nicht mehr nach Geschlecht differenziert.

Das betrifft natürlich behinderte Männer genauso wie behinderte Frauen. Wenn aber den behinderten Menschen ein Geschlecht zugestanden wird, dann ist es männlich. In der Behindertenpädagogik wird von ,,dem Behinderten" gesprochen - gemeint ist der Mann mit Beeinträchtigung. Auch neuere Werke über die Sexualität behinderter Menschen behandeln vor allem die Sexualität behinderter Männer; bei Frauen mit Beeinträchtigungen wird nur kurz darauf eingegangen, ob und wie sie gebären können. Entsprechend orientieren sich die Gesetze zugunsten behinderter Menschen an einer männlichen Biographie. Wer erwerbstätig ist, kann diverse Nachteilsausgleiche in Anspruch nehmen. Behinderte Frauen mit Erziehungsaufgaben erhalten diese Nachteilsausgleiche wie Kfz-Finanzierung oder Wohnungsanpassungen nicht. Auf die Bereiche Erwerbs- und Reproduktionsarbeit werde ich später noch genauer eingehen. Wenn jedenfalls von einer rechtlichen Gleichstellung behinderter Menschen die Rede ist, so darf auch die Gleichstellung behinderter Frauen mit behinderten Männern nicht vergessen werden.

Allerdings haben behinderte Frauen kaum eine Lobby: Die Entscheidungsträger in Behindertenorganisationen sind hauptsächlich Männer; die Aufgaben der Frauen beschränken sich meist darauf, Kaffee zu kochen und Protokoll zu führen. Aber auch von Frauen werden behinderte Frauen kaum als Frauen wahrgenommen. Ihre Interessen werden deshalb auch in der Frauenbewegung nicht vertreten. Geht man in einen Frauenbuchladen, um Literatur von oder über Frauen mit Behinderung zu suchen, so findet man kaum etwas. Es gibt zwar jede Menge Lesestoff zum Thema ausländische oder schwarze Frauen, aber fast nichts zu den vier Millionen bundesdeutschen Frauen mit Beeinträchtigungen. Dementsprechend werden Frauen mit Beeinträchtigungen in Frauenzusammenhängen meist nicht mitgedacht. Frauenprojekte, Frauenveranstaltungen, Frauenzufluchtstätten sind in den seltensten Fällen barrierenfrei, das heißt zugänglich und nutzbar für alle Frauen. Dazu würde gehören, daß sich mobilitätsbehinderte Frauen problemlos bewegen können, dazu würde gehören, daß Informationen für sehbehinderte und blinde Frauen nutzbar sind; dazu würde gehören, daß für schwerhörige und gehörlose Frauen bei Veranstaltungen Gebärdendolmetscherlnnen bzw. Hörhilfen zur Verfügung gestellt werden und daß Projekte über ein Schreibtelefon erreichbar sind.

Und hier gleich ein Appell an die Frauenpolitikerlnnen: Auch in Zeiten knapper Kassen ist Barrierenfreiheit durchzusetzen. Es kostet Sie keinen Pfennig, wenn Sie Zuschüsse für Projekte an die Bedingung der Barrierenfreiheit knüpfen.

Körpergefühl und Schönheitsideal

Frauen mit Beeinträchtigungen werden nicht nur als Geschlechtsneutren wahrgenommen, sie werden auch schon so erzogen. Die behinderten Mädchen lernen, daß mit ihnen etwas nicht stimmt, daß ihr Körper nicht schön, liebens- und schützenswert, sondern defekt ist. Ihre Intimsphäre wird nicht geachtet. Jeder darf an ihnen rumfummeln, vor der Ärzteschaft müssen sie sich als Demonstrationsobjekt zeigen. Für viele behinderte Mädchen tragen auch Erfahrungen in der Krankengymnastik dazu bei, den eigenen Körper abzulehnen. Früher wurde in der Krankengymnastik auch stärker der Defekt als die körperlichen Möglichkeiten betont, und die krankengymnastischen Methoden waren oft brutal. Alle diese Erfahrungen haben bei vielen Frauen mit Beeinträchtigungen dazu beigetragen, ihren Körper eher zu bekämpfen und abzulehnen statt anzunehmen. Diejenigen von ihnen, denen es gelingt, ein positives Körpergefühl aufzubauen, haben meist lange daran arbeiten müssen.

Die behinderten Mädchen lernen außerdem, daß sie den körperlichen Makel durch geistige Leistungen kompensieren müssen und daß sie sowieso nie einen Mann bekommen. Die Großmutter einer behinderten Schweizerin sagte zu ihr; es sei ein Glück, daß sie kein Junge sei. Diese Einschätzung begründete die Großmutter damit, daß es für einen Jungen oder Mann viel schwerer zu ertragen sei, später ohne Frau leben zu müssen, während es einer Frau nichts ausmachen würde, ohne Sexualität zu leben.

Aber nicht nur Eltern und Familie machen es den Mädchen und Frauen schwer; sich mit dem behinderten Körper zu akzeptieren. Eine wichtige Rolle für das Erleben des eigenen Körpers spielt das allgegenwärtige Schönheitsideal. Das kennen auch die meisten nichtbehinderten Frauen: Wenn einen aus jeder Zeitschrift, von jeder Litfaßsäule nur die Topmodels anlächeln, wird man immer wieder an die überflüssigen Pfunde, die zu kurzen Beine oder die Fältchen im Gesicht erinnert. Für die meisten behinderten Frauen fällt der Vergleich noch niederschmetternder aus. Die Lähmung läßt sich nicht durch Diät beheben, der Buckel nicht durch günstige Kleidung verstecken oder wegschminken. Es ist aber die Reaktion der Umwelt, die es so schwer macht, diese Diskrepanz zu ertragen. Behinderte Männer entsprechen sicherlich auch nicht dem männlichen Topmodel, aber das hat nicht dieselben Konsequenzen wie bei Frauen:

So sind 75 % der behinderten Männer verheiratet, aber nur 38,2 Prozent der behinderten Frauen (laut Mikrozensus 1989). Ob das nun ein Vor- oder Nachteil ist, sei dahingestellt - sicher ist, daß behinderte Frauen mit einem Wunsch nach einer traditionellen Partnerschaft größere Schwierigkeiten haben, diesen Wunsch zu realisieren als Männer. Das liegt meiner Ansicht nach an den traditionellen Rollenbildern: Männer suchen meist eine Frau zum Repräsentieren und um Haushalt und Kinder zu versorgen. Dazu eignet sich eine behinderte Frau nicht. Außerdem wird der nichtbehinderte Mann, der mit einer behinderten Frau lebt, höchstens mitleidig belächelt nach dem Motto: ,,Der hat wohl nichts Besseres abgekriegt."

Umgekehrt spielen die Äußerlichkeiten von behinderten Männern eine weniger entscheidende Rolle. Die körperliche Beeinträchtigung vermögen viele Männer durch Charme, Esprit und Pfiffigkeit wettzumachen. Außerdem spricht die Behinderung eines Mannes bei vielen Frauen den Pflege- und Mutterinstinkt an.

,,Haushalt vor Reha" Die berufliche Situation behinderter Frauen

Der Grundsatz deutscher Rehabilitationsträger ,, Reha vor Rente" gilt offensichtlich nur für Männer. Für die meisten behinderten Frauen, und seien sie noch so arbeitswillig, heißt es statt dessen ,,Haushalt vor Reha".

Behinderte Mädchen und Frauen sind in allen Bereichen der beruflichen Rehabilitation unterrepräsentiert. Hier ist noch nach West und Ost zu differenzieren, wobei mir nur Zahlen aus Berlin bekannt sind: Während der Frauenanteil bei Ausbildungen und Umschulungen im Westen meistens unter 30 % liegt, war er in Ostberlin 1993 noch mit etwa 40 Prozent zu verzeichnen vermutlich mit sinkender Tendenz. Ist das wirklich mit der Angleichung der Lebensverhältnisse gemeint? In Berlin ist eine Studie mit dem Titel ,,Die Veränderung der Lebenssituation von Frauen mit Behinderung im Ostteil Berlins seit der Wiedervereinigung Deutschlands" durchgeführt worden, woher diese Zahlen stammen. Nach dieser Studie haben die behinderten Frauen aus Ostberlin bessere Bildungsvoraussetzungen als die Westberlinerinnen. Bei den Ostberliner Frauen mit Beeinträchtigungen ist die Arbeitszufriedenheit im Vergleich zu DDR-Zeiten nur bei rund 15 Prozent gestiegen.

Ähnliches offenbart der Sozialreport, der im Oktober 1994 erschien. Zeitungsartikel darüber wurden mit ,,Ostdeutsche zufrieden" getitelt. Beim Lesen der Artikel fiele allerdings auf, daß sich die Zufriedenheit auf die ostdeutschen Männer bezog. Von den ostdeutschen Frauen empfanden nur 14 Prozent die Einheit als Gewinn. Das bezog sich auf alle Frauen. Aber es gibt keinen Grund anzunehmen, daß es diesbezüglich bei behinderten Frauen anders aussieht als bei nichtbehinderten Frauen.

Das klingt nun vielleicht so, als sei die Behindertenpolitik in der ehemaligen DDR besser gewesen als die der Alt-BRD. Das wollte ich damit nicht sagen, und ein Vergleich ist ein weites Feld, das viele Aspekte umfaßt, die hier nicht hingehören. Sicherlich haben beide Systeme Vor- und Nachteile, und ich finde es mehr als bedauerlich, daß auch die positiven Seiten des DDR-Systems wegvereinigt wurden, was vor allem zu Lasten von Frauen mit und ohne Beeinträchtigung geht. Eindeutig ist aber; daß, genau wie andere Frauen auch, die behinderten Frauen aus der ehemaligen DDR selbstverständlich erwerbstätig waren und dadurch auch eine höhere Motivation zur Erwerbstätigkeit haben als viele Westfrauen, die oft von vornherein keine Chancen hatten.

Nun würde ich Sie gerne mit aktuellen Zahlen konfrontieren. Aber das scheitert an dem Umstand, daß behinderte Menschen als geschlechtsneutral gesehen werden. ,,Wir unterscheiden nicht zwischen Männern und Frauen", heißt es bei der Bundesanstalt für Arbeit. Deshalb gibt es in den meisten Statistiken das dritte Geschlecht der Behinderten ohne weitere Differenzierung. Die Erwerbslosenquote behinderter Menschen beträgt zur Zeit etwa 14 Prozent. Die letzte Geschlechtsdifferenzierung stammt aus dem Jahr 1989. Da lag die Arbeitslosenquote bei behinderten Frauen drei Prozent über der der behinderten Männer. Es ist anzunehmen, daß sich daran nicht viel geändert hat.

Um Ihnen dennoch einige Zahlen zu präsentieren, muß ich auf das spärliche Material des Statistischen Bundesamtes zurückgreifen: Nach dem Mikrozensus von 1992 für Gesamtdeutschland bestreiten die meisten behinderten Bundesbürger; nämlich 60 Prozent (Frauen und Männer gleichermaßen), ihren Lebensunterhalt aus einer Pension oder Rente, denn mit steigendem Alter nimmt der Anteil an behinderten Bürgerinnen und Bürgern zu. Von den übrigen behinderten Menschen leben etwa drei Viertel der Männer; aber nur rund 40 Prozent der Frauen von den Einkünften aus Erwerbstätigkeit. Insgesamt ist ein knappes Drittel der behinderten Männer erwerbstätig, aber nur ein Sechstel der behinderten Frauen, so der Mikrozensus von 1992.

Je qualifizierter die Stellung ist, um so weniger behinderte Frauen sind anzutreffen. Dementsprechend liegt der Frauenanteil am unteren Ende der Arbeitsmöglichkeiten, nämlich in den ,,Werkstätten für Behinderte", mit 40 Prozent recht hoch. Das Entgelt in den Werkstätten, in denen die behinderten Beschäftigten keine Arbeitnehmerrechte haben, beträgt im Osten rund 100 DM, im Westen etwa 300 DM monatlich - ein lächerliches Taschengeld bei den heutigen Lebenshaltungskosten.

Der niedrigen Quote der Erwerbstätigkeit entspricht die Einkommenssituation behinderter Frauen: 1992 mußten laut Mikrozensus 38 Prozent von ihnen mit einem monatlichen Nettoeinkommen von weniger als 1 000 DM auskommen. Dasselbe traf auf lediglich 11 Prozent der behinderten Männer zu. Über 3500DM netto hatten 10,8 Prozent der behinderten Männer; aber nur 2,1 Prozent der behinderten Frauen zur Verfügung.

Es gibt verschiedene Gründe dafür; daß behinderte Frauen, trotz ihres Wunsches zu arbeiten, in allen Bereichen der beruflichen Rehabilitation mit meistens weniger als 30 Prozent unterrepräsentiert sind:

- Behinderte Frauen bekommen weniger und schlechtere Beratungsleistungen als behinderte Männer und haben schlechtere Chancen, einen Rehabilitationsantrag bewilligt zu bekommen. Rehabilitationsberater verwehren auch hochmotivierten behinderten Frauen oft eine Rehabilitationsmaßnahme, wenn die Frauen eine Familie haben oder vorhaben, eine zu gründen.

- Für viele behinderte Frauen fühlt sich kein Kostenträger zuständig: Beispielsweise verunglücken in den alten Bundesländern jährlich durch häusliche Unfälle schätzungsweise 600 000 Frauen, davon bleiben etwa 15 000 Frauen dauernd arbeitsunfähig. Da Hausfrauenarbeit jedoch nicht als risikogeschützte Tätigkeit im Sinne der Unfallversicherung gilt, kommt letztere nicht als Träger für die berufliche Rehabilitation in Betracht. Im Gegensatz zu Hausfrauen genießen Hausangestellte den Unfallversicherungsschutz.

- Aufgrund der Kindererziehung können Frauen oft nicht die vorgeschriebene Versicherungszeit nachweisen, um Übergangsgeld zu beanspruchen. Erhalten sie Ubergangsgeld, so reicht es bei Frauen häufig nicht zum Lebensunterhalt aus.

- Behinderten Frauen wird die Doppelbelastung Beruf und Haushalt genauso zugemutet wie nichtbehinderten Frauen. Die gesetzlich vorgesehene Haushaltshilfe für den Zeitraum der Rehabilitationsmaßnahme wird so selten bewilligt, daß behinderte Frauen teilweise freiwillig auf die Maßnahme verzichten.

- Die Rehabilitationsmaßnahmen wurden meistens nur wohnortfern und als ganztägige Bildungsmaßnahmen in den Berufsförderungswerken angeboten, was eine Teilnahme von behinderten Frauen mit Familienpflichten wiederum erschwert.

- Das berufliche Angebotsspektrum entspricht weitgehend nicht weiblichen Berufsvorstellungen und ist fast nur auf Männer ausgerichtet. So geben Frauen als Wunsch berufe, neben Berufen im Organisations-, Verwaltungs- und Bürobereich, häufig Gesundheitsdienstberufe wie Arzthelferin, Krankenschwester; Krankengymnastin sowie Berufe aus dem Sozialbereich wie Pädagogin, Erzieherin, Altenpflegerin an.

Das Rehabilitationsangebot beschränkt sich jedoch mit regionalen Abweichungen vielfach auf Metall-, Elektro- oder kaufmännische Berufe.

Diese Fakten habe ich größtenteils einer Studie entnommen, die das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung bereits 1988 veröffentlicht hat. Seither sind vielerlei Vorschläge erarbeitet worden, wie die berufliche Situation für behinderte Frauen zu verbessern sei, zum Teil sogar kostenneutral. Aber bislang passiert nichts. Oder fast nichts. In einigen Berufsförderungswerken können jetzt alleinerziehende Mütter umgeschult werden. Die Kinder werden tagsüber betreut. Aber diese Modelle sind vielleicht im Sinne der Reha-Träger, die bei einer wohnortnahen Rehabilitation Angst um ihre Pfründe hätten, nicht aber im Sinne der Frauen und Kinder.

Die Kinder werden für zwei Jahre aus ihrer gewohnten Umgebung herausgerissen. Und die Frauen haben eine Dreifachbelastung:

1. Sie müssen eine normalerweise 3jährige Ausbildung innerhalb von 2 Jahren absolvieren = anstrengend.
2. Sie leben mit einer Behinderung = anstrengend.
3. Sie leben mit einem oder mehreren Kindern = anstrengend.

Wer hat sich solche Modelle bloß ausgedacht?
Wie gesagt, es existieren wirklich frauenfreundliche und billigere Lösungsvorschläge. Aber vermutlich hat eine starke Männerlobby bei steigenden Arbeitslosenzahlen kein gesteigertes Interesse daran, auch noch behinderte Frauen verstärkt ins Erwerbsleben zu integrieren. Hier ist also gezielte Frauenpolitik gefragt. So sind die frauen-diskriminierenden Gesetze zu ändern, und auch in der Verwaltung ist der Frauendiskriminierung durch gezielte Frauenförderung entgegenzuwirken. Außerdem sind Modellprojekte zugunsten behinderter Frauen zu realisieren.

(Aus dem Gesagten ergeben sich für den Bereich der Erwerbstätigkeit eine ganze Reihe von Forderungen, zum Beispiel:
- Die Berufsberatung hat durch informierte behinderte Frauen zu erfolgen. Notwendig dafür sind Kooperationsverträge zwischen Arbeitsämtern und Zentren für Selbstbestimmtes Leben;
- das angebotene Berufsspektrum ist speziell im Hinblick auf Frauen zu überprüfen und anzupassen;
- die Möglichkeit zur Teilzeitausbildung, die zur Zeit von der Schwere der Behinderung abhängig gemacht wird, ist auch für Frauen mit Familienpflichten zu schaffen;
- die Pflichtquote ist paritätisch durch die Einstellung behinderter Frauen zu besetzen. Die finanzielle Förderung von Projekten ist von dieser Voraussetzung abhängig zu machen;
- die Hälfte der Gelder der Ausgleichsabgabe ist für Frauen zu verwenden;
- Arbeitsassistenz ist aus den Geldern der Ausgleichsabgabe zu finanzieren;
- die Schwerbehindertenvertretung ist paritätisch mit behinderten Frauen und Männern zu besetzen;
- geschlechtsdifferenzierte, empirische Untersuchungen und statistische Erhebungen zur Ausbildungs- und Arbeitssituation sind kontinuierlich zu erstellen.)

,,Die sollen sich nicht auch noch fortpflanzen" Mütter mit Beeinträchtigungen

Wie ich bereits mehrmals betonte, werden Frauen mit Beeinträchtigungen als Geschlechtsneutren wahrgenommen. Verbreitet ist die Meinung, daß es für sie keine Partnerschaft und keine Sexualität gibt und nicht geben soll.

Daraus ergibt sich, daß Frauen mit Beeinträchtigungen scheinbare Vorteile haben: Nichtbehinderte Frauen kämpfen seit Jahren für das Selbstbestimmungsrecht in bezug auf einen Schwangerschaftsabbruch und die Sterilisation. Da haben es behinderte Frauen leichter: Von ihnen wird geradezu erwartet, daß sie ein Kind abtreiben lassen, wenn sie schwanger geworden sind. Auch dem Sterilisationswunsch einer behinderten Frau wird problemlos entsprochen. Die Motivation, die hinter dieser scheinbaren Großzügigkeit steckt, entpuppt sich jedoch bei näherer Betrachtung als eine Form der Diskriminierung: Frauen mit Beeinträchtigungen sind eben keine vollwertigen Menschen und sollen sich nicht auch noch fortpflanzen. Dementsprechend wird behinderten Müttern unterstellt, sie seien der Erziehungsaufgabe nicht gewachsen und könnten ihren Kindern keine gute Mutter sein.

Wie ich eingangs erwähnte, orientieren sich Gesetze zugunsten behinderter Menschen an einer männlichen Biographie. Dabei ist Reproduktionsarbeit nicht vorgesehen. Das bedeutet, daß Nachteilausgleich, also Hilfen zur Fahrzeugbeschaffung und -umrüstung, Arbeitsplatz- und Wohnungsanpassungen an die Erwerbstätigkeit gekoppelt sind. Ich kenne eine alleinerziehende spastisch gelähmte Mutter von vier Kindern, die von der Sozialhilfe lebt. Um ein Auto finanziert zu bekommen, mußte sie mit mehreren Widersprüchen unter Einschaltung der Presse kämpfen. Hätte sie einen Halbtagsjob als Sekretärin, wäre das Ganze kein Problem gewesen. Hier besteht eine offensichtliche Benachteiligung behinderter Frauen.

Einen großen Bereich, nämlich das Thema Gewalt, habe ich jetzt nicht angesprochen. Gemeint ist die alltägliche strukturelle Gewalt, die sich in baulichen Barrieren manifestiert, oder das Machtgefälle in Assistenzverhältnissen. Gemeint ist aber auch das weite Feld der sexuellen Ausbeutung behinderter Frauen, die es nicht erst seit der Zunahme der rechtsextremen Übergriffe auf behinderte Menschen gibt. Dazu wird Frau Bochmann nach mir noch einiges sagen.

Ausblick

Wie läßt sich die Situation behinderter Frauen nun verbessern?

Meiner Ansicht nach brauchen wir nicht ein Mehr an Fürsorge, Zuwendung oder Betreuung. Wir brauchen und fordern unsere Rechte. Wir wollen nicht länger Objekte der Fürsorge sein, sondern selbstbestimmte Bürgerinnen mit denselben Menschenrechten. Behinderung ist nur bedingt ein individuelles, sondern vielmehr ein gesellschaftliches Problem. Wir brauchen unter anderem gesetzliche Regelungen, die unsere rechtliche Gleichstellung sichern. Und wir brauchen eine Frauenpolitik, die nicht länger übersieht, daß 10 Prozent aller Frauen mit einer Beeinträchtigung leben, sondern sich auch für diese Frauen stark macht.

Das alles fällt ja bekanntlich nicht vom Himmel. Deshalb werden immer mehr betroffene Frauen selbst aktiv, machen auf ihre Situation aufmerksam und fordern ihre Rechte. In Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Berlin haben sich inzwischen Netzwerke behinderter Frauen gebildet. Ich finde, es wäre ein tolles Ergebnis dieser heutigen Veranstaltung, wenn auch in Sachsen erste Schritte zu solch einem Netzwerk gegangen werden. Eines ist jedenfalls gewiß: Behinderte Frauen sind schwer im Kommen und sowieso nicht mehr aufzuhalten.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!


Literatur:

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