3.3 Tumorerkrankungen bei Frauen und deren Folgen für die Betroffenen

Dr. med. Barbara Richter; Universitätsklinikum der Technischen Universität Dresden

Meine Damen und Herren, es ist schwerer für mich, vor Betroffenen und Betreuern

zu sprechen, als einen medizinischen Vortrag vor Fachkollegen zu halten.

Deshalb möchte ich Patientinnen zu Wort kommen lassen, die die Kraft und den Gewinn hatten, sich schriftlich zu artikulieren.

(Aus dem Buch ,,Bewältigungshilfen für den Krebskranken", herausgegeben von Eberhard Aulbert)

Da ist das Gefühl: Ich habe Krebs - aber das Leben ist schön...

Jeden Tag mit Freude zu erleben, gleichgültig, was ich tue, das ist für mich Lebensqualität Voraussetzung ist die Aufrichtigkeit, jeden Tag zu horchen, was in mir los ist, was mir gut tut, was ich mir wünsche - und das dann zu verwirklichen. Oft habe ich gegrollt, daß ich erst so krank werden mußte, um die Schönheit um mich herum wahrnehmen zu können.

(G. Suritsch)

Ich habe Schmerzen - aber ich fühle mich eigentlich wohl.

Ich lernte, diese Krankheit als einen Teil meiner Person zu akzeptieren, meine körperliche Reduziertheit nicht als eine Minderung des Wertes meiner Person zu erleben. Mehr und mehr wurde meine Krankheit zu einem Stadium des persönlichen Werdens und Wachsens, zu einer Reise zu mir selbst, zu neuen Erfahrungen und Erkenntnissen.

(A. M. Tausch)

Eine lebensbedrohende Erkrankung bringt neben vielerlei Kummer auch Gaben mit sich. Und so paradox das auch klingen mag; Eines der wichtigsten Geschenke ist Zeit, die Zeit, mit allen möglichen Dingen ins Reine zu kommen.

Man stellt fest, welche Dinge im Leben wirklich von Bedeutung sind und welche unwichtig sind.

(J Cameron)

Die Hoffnung stirbt nicht Für uns Betroffene wandelt sie sich nur ein wenig von Zeit zu Zeit... Im Anfangsstadium der Krankheit hoffte ich, daß sie sich nicht ausbreiten würde. Aber sie hat sich ausgebreitet Inzwischen ist die Hoffnung etwas anders: Für mich bedeutet Hoffnung, daß ich im nächsten Frühjahr vielleicht wieder in meinen Garten hinauskomme und die Blumen blühen sehen werde... Hoffnung hat mich im letzten Herbst bewogen, in meinem Garten die Zwiebeln zu setzen, obwohl ich in den mitleidigen Blicken der Leute las: Warum machen Sie sich die Arbeit Sie wissen doch, daß Sie es nicht mehr erleben werden.

(J Gameron)

Der Grund, weshalb die Krankheit da ist, übersteigt mein Fassungsvermögen. Wichtig ist, die Krankheit zu akzeptieren. Ich habe erkannt, daß ich einzig meine Reaktion auf die Krankheit in der Hand habe: Wie ich damit fertig werde - wie ich damit lebe - und vielleicht, wie ich damit sterben werde. Das ist meine Aufgabe.

(J Cameron)

Seitdem ich den Tod zu verstehen suche und ihn zu akzeptieren beginne, empfinde ich jeden Moment meines Lebens bewußter: Zeit hat für mich eine andere Bedeutung erhalten. Das Leben in der Gegenwart bestimmt seitdem mein Denken und Handeln.

(U. Hillebrand)

Diesen inneren Frieden unter den gegebenen Umständen zu erreichen ist ein beschwerlicher Weg.

Das sind krebskranke Patientinnen, die schwere Auseinandersetzungen durchlebt haben:

- Mitteilung der Erkrankung, Annahme der Erkrankung

- Therapie und Nebenwirkungen

- erneute Erkrankung durch Tochtergeschwülste und Auseinandersetzung mit dem verbleibenden Leben und der Endfolge - dem Tod

- aber auch Konfrontation und Verantwortlichkeit gegenüber der Familie, den Freunden und dem Beruf sowie den sozialen Problemen; das Gefühl der Isolation, Ängste, Depressionen

- und mit einem positiven Selbstwertgefühl gelernt haben, das Schöne in den erreichbaren Möglichkeiten zu sehen.

Da kann man als scheinbar Gesunder nur beschämt oder achtungsvoll danebenstehen.

Bis dahin ist aber oft ein schwerer Weg, den im günstigsten Fall die Patientin mit dem behandelnden und umsorgenden Team gemeinsam gehen kann - den Ärzten, den Schwestern, den Sozialarbeitern, mit der Selbsthilfegruppe, der Familie und echten Freunden sowie Seelsorgern.

Daß es Menschen gibt, die liebevoll zu mir sind, mich achten und mich mit meiner Krankheit annehmen, hilft mir, mich selbst gern zu haben und mit meinen Schwächen zu akzeptieren. Ich fühle mich geborgen und kann mich mit meinen Ängsten, Sorgen und Schmerzen offen zeigen, ohne mich zu schämen oder verteidigen zu müssen.

(A. M. Tausch)

Über Erfahrung mit Selbsthilfegruppen:

Dieses Verständnis und Sprechenkönnen und Angehört-werden vielleicht war das der Grund, warum ich so gern zur Gruppe gehe. Ich empfand ein Glücksgefühl, einmal frei über Dinge reden zu können, die sonst tabu sind. Das viele Leid, die durchgemachten Schmerzen während der Krankheit wurden in der Gruppe kleine,; weil jeder das gleiche Los trägt und ohne Scheu darüber reden konnte.

(A. M. Tausch)

Und zur Familie:

Ich habe erfahren, daß unsere Beziehung noch ein Stück dichter geworden ist durch diese Gefahr der Krankheit und des Todes. Auch mit unseren Kindern habe ich erlebt, daß unsere Beziehung durch die gemeinsame Bedrohung enger geworden ist, ein Stück wesentlicher

(A. M. Tausch)

Obwohl das Leben jetzt manchmal schmerzhaft und schwierig für mich war, so war es doch nie unerträglich gewesen, und was davon verblieben war, wurde mir unendlich kostbar, seit ich wußte, daß es bald zu Ende gehen würde.

(J Cameron)

Um dieses Selbstgefühl zu erreichen, müssen die Patienten gelernt haben, mit Ängsten, depressiven Stimmungen, familiären und sozialen Problemen umzugehen und fertigzuwerden und immer wieder mit unserer Hilfe Hoffnung zu schöpfen auf Heilung, auf Lebensverlängerung oder einfach auf ein relatives Wohlbefinden.

Das beinhaltet:

- das Erhalten physischer Möglichkeiten

- beeinflußbare Krankheitssymptome und -beschwerden

- beeinflußbare Nebenwirkungen der Therapie

- emotionale Befindlichkeit

- Krankheitsverarbeitung und -bewältigung

- die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen und

- die soziale Situation

Leider stehen aber Krebskranke mit ihren Ängsten und Problemen oftmals allein da.

Ich habe Angst vor der völligen Isolation. Da ist eben keiner, der meine Hand hält, der einfach bei mir ist. Ich kann ohne die Wärme und Unterstützung anderer Menschen nicht friedlich und befriedigend mit mir selbst und anderen leben.

Nur noch Apparate um mich herum, kein Mensch, Besuch nur noch durch die Fensterscheibe im Strahlenbunker Und die Ärzte, die ab und zu mal da waren, die waren zwar gut in ihrem Fach, aber auf das Menschliche sind sie überhaupt nicht eingegangen.

(A. M. Tausch)

Angst ist möglicherweise der ärgste Feind. Angst vor ungestillten Schmerzen und Leiden, Angst, die Kontrolle zu verlieren, Angst, zu einer physischen, seelischen oder finanziellen Belastung für diejenigen zu werden, die wir lieben.

(J Cameron)

Was mich am meisten beeinträchtigt hat, war die mangelnde Offenheit der Ärzte. Ich habe gemerkt, daß die Angst hatten, über die Krebskrankheit zu sprechen. Sie dachten vielleicht, sie bereiten mir Traurigkeit oder Schwierigkeiten damit, aber ich habe diese Angst als Distanz erlebt. Ich spürte, daß sie mit etwas hinter dem Berge hielten. Das verunsicherte mich zutiefst.

(A. M. Tausch)

Eines Tages hatte mein Arzt plötzlich keinen Termin mehr für mich frei.... ich begann zu verstehen, daß seine Zeit aufgespart werden muß für Patienten, denen ein Eingriff Heilung bringen kann... Damals wurde mir bewußt, daß ich zu denen gehörte, bei welchen die ärztliche Kunst versagte. Vielleicht hatte der Arzt auch Schwierigkeiten, dem Tod oder seiner sterbenden Patientin ins Auge zu blicken ... Ich erinnerte mich an andere Patienten, die davon gesprochen hätten, daß sie von ihrem Arzt im Stich gelassen worden waren und welche Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit die Folge waren. Ich verstand.

(J Cameron)

Krebs ist die Lepra unserer Zeit. Manchmal fühle ich mich tatsächlich unrein. Bei keiner anderen Krankheit habe ich je dieses Gefühl gehabt. Die ganze Zeit über fühle ich mich gebrandmarkt. Ich habe das Gefühl, ich müsse mich dafür entschuldigen, daß ich bald sterben werde, denn alle fühlen sich dadurch unbehaglich. Ich glaube, ich versuche immer besonders munter und fröhlich zu sein, damit ich niemanden in Verlegenheit bringe.

(J Cameron)

Mangelnde Information über Rechte und Sozialleistungen, nervenraubender und entwürdigender Papierkrieg mit Versorgungsämtern und Versicherungen, das Feilschen um die nackte Mark, das oft groteske Formen annimmt, führen mich noch tiefer in die Depression.

(U. Hillebrand)

Trotz der Hilfe von so vielen Seiten war ich einsam, ganz allein mit dem Krebs. ,,Bewußter leben, intensiver leben" - das waren alles nur Sprüche, leere Worthülsen...

(G. Suritsch)

Hier hat die psychosoziale Betreuung und Unterstützung versagt.

Wollen wir den Krebskranken bei der Gewinnung bzw. Erhaltung von Lebensqualität helfen, müssen wir verschiedene Bereiche beachten.

1. Hilfe bei Krankheitsverarbeitung und Krankheitsbewältigung im Sinne einer Akzeptanz der nicht zu verändernden Beeinträchtigungen und Behinderungen, der Trauerarbeit im weitesten Sinn:

Aufklärung - ,,ungenügende Aufklärung kann Diebstahl am Leben sein";

dagegen - ,,den Tod verkünden heißt, den Tod geben".

(E. Aulbert)

Aufzeigen von Ansatzpunkten für Hoffnung, Abbau von Ängsten bzw. Verhinderung eines depressiven Rückzuges, Stützung des Selbstwertgefühls, Behandlung psychischer oder organischer Funktionsstörungen im sexuellen Bereich sowie der organspezifischen psychischen Probleme:

Brust - Ausdruck der Weiblichkeit (Attraktivität) Brustverlust - ldentitätsverlust

Verlust der Gebärmutter - Angst vor dem Altwerden, Sexualität

Eierstock - Hormonverlust.

2. Linderung und Verhinderung der behandelbaren krankheits- und therapiebedingten Beschwerden und Nebenwirkungen

Operation, Bestrahlung, Chemotherapie, Schmerztherapie, supportive Begleittherapie, Alternativmedizin

allgemeine Lebensführung.

3. Beratung und Information über soziale Hilfen und Rehabilitation

Tumornachsorge

80-90 % aller Wiedererkrankungen treten innerhalb der ersten 2-3 Jahre nach Erstbehandlung auf.

Aus diesem Grund werden Nachsorgeprogramme empfohlen, die in den ersten Jahren engmaschig sind und später in immer größeren Abständen bis zu 5 Jahren bei Genitaltumoren und bis zu 10 Jahren bei Brusttumoren erfolgen.

Danach sind auch die Festlegungen für die Erwerbs- bzw. Berufsunfähigkeit und für den Schwerbehindertenausweis ausgerichtet.

In der Nachsorge erfolgen Untersuchungen, wo man mit größter Wahrscheinlichkeit Tochtergeschwülste erwarten kann (Röntgen, Sonographie, Ct Tumormarker). Wichtiger für den Patienten ist aber oft die Möglichkeit, über seine Probleme und Ängste einschließlich familiärer, beruflicher und sozialer Konflikte zu sprechen und um zu erfahren, welche Möglichkeiten und soziale Unterstützung den Krebskranken zur Verfügung stehen.

Soziale Hilfen und Rehabilitation:

Nach- und Festigungskuren

durch Rentenversicherungsträger, auch nach Rezidivtherapie in den ersten drei Jahren - jährlich eine Kur von 4 Wochen - oder im Ausnahmefall über die zuständige Krankenkasse, Hilfe in besonderen Lagen über Sozialamt

Kurbewilligung auch bei bestehenden Tumorleiden in der Therapiepause möglich, wenn Reise- und Kurfähigkeit besteht.

Wirtschaftliche Hilfen (über Sozialamt)

Hilfen zum Lebensunterhalt

Hilfen in besonderen Lebenslagen

Krebshilfe

Härtefondsleistung nach Bedürftigkeit

(Antragstellung erfolgt durch Patientin)

Schwerbehindertenausweis

Abwägen der Vor- und Nachteile:

steuerlicher Vorteil, Wohngeld, Urlaub, Kündigungsschutz, Freifahrtscheine, bevorzugte Arbeitsvermittlung, zusätzliche Vergünstigungen

kann psychisch und auch beruflich negativ sein (Arbeitssuche)

krebskrank: > 50 % für die Dauer von 5 Jahren = Zeit der Heilungsbewährung

Verlust der Brust oder Lymphödem, zusätzlich entsprechende prozentuale Behinderung

Widerspruchsmöglichkeit beim Versorgungsamt

Verschlimmerungsantrag bei Änderung der Behinderung

Möglichkeiten der Klage

Berentung - Krankschreibung

Antrag für Berentung durch Patientin selbst, Empfehlung des Arztes auf Anfrage der Krankenkasse möglich.

Rente auf Zeit

(ab 27. Woche Beantragung möglich)

1-2 Jahre bei günstiger Prognose, maximal bis 6 Jahre;

Entscheidung gründlich überlegen.

Dauerrente

Ab Diagnosestellung Beantragung möglich für Nichtberufstätige, bei ungünstiger Prognose oder Wiedererkrankung.

Differenzierung Berufs- und Erwerbsunfähigkeit

auf Zeit oder Dauer

Krankschreibung

In der Folge von 3 Jahren ist eine Arbeitsunfähigkeit zur gleichen Erkrankung bis zu 78 Wochen zulässig; Ausnutzen bei Patienten im Arbeitsverhältnis:

individuelle Beratung, Erkrankung und Prognose, soziale Situation, berufliche Situation.

Die Aufklärung über die Diagnose einer Krebserkrankung sowie die Behandlungsnotwendigkeit ist entscheidend geprägt durch die Prognose und Behandelbarkeit einer Erkrankung.

Die Aufklärung bei diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen mit gesicherter Aussicht auf Erfolg ist vergleichsweise unproblematisch.

Risikoabwägung bei alternativen Möglichkeiten, Einschätzung der Chance, haftungsrechtliche Absicherung des Arztes.

Da das Ziel der Behandlung die Heilung ist, wird eine konsequente Therapie auch unter Hinnahme von Nebenwirkungen angestrebt.

Die Aufklärung bei unsicherem Therapieausgang und bei fehlender Heilungschance ist erheblich problematischer, da häufig eine sorgfältige Abwägung zwischen Therapieangebot und Therapieverzicht unumgänglich ist:

individuelle Abwägung des Therapieziels, Abschätzung des Behandlungsgewinns, sorgfältige Entscheidung der Relation zwischen Behandlungsgewinn und Behandlungslast.

Hier ist besonders die Mitentscheidung des Patienten gefordert und der Arzt als Berater unter Berücksichtigung der Behandlungswilligkeit, dem einfühlsamen Verständnis für die individuelle Situation und dem Abwägen der Alternativmedizin.

Ein Nichtbetroftener, und dazu gehört der Therapeut, kann mitfühlend und verständnisvoll sein, muß aber auch so konsequent wie notwendig in der Therapie sein.

Er ist immer auf die Bereitschaft des Patienten angewiesen und sollte dessen Wünsche weitestgehend respektieren.

Krebskranke, die sich mit ihrer Krankheit auseinandersetzen, in welcher Form auch immer, machen Mut, auch den Gesunden.

(Maria Schnurre: Bewältigungshilfen für Krebskranke)