3.5 Mit Behinderung studieren
Erfahrungsbericht
Manuela Grabe, Studentin an der Technischen Universität
Dresden, Fakultät Informatik
Ich möchte kurz die Erfahrungen schildern, die
ich während meines Studiums an der TU Dresden gemacht habe.
Doch zunächst sollte ich mich kurz vorstellen.
Mein Name ist Manuela Grabe, ich studiere Informatik
im 10. Semester und bin, im Moment jedenfalls, die einzige blinde
Studentin im Fach Informatik an der TU. Gegenwärtig bin ich
dabei, meine Diplomarbeit zu schreiben, so daß ich mein
Studium im Sommer dieses Jahres beenden werde. Und das, ohne vermessen
erscheinen zu wollen, nicht mit den schlechtesten Noten.
Doch lassen Sie mich etwas früher beginnen,
nämlich bei dem Zeitpunkt, als ich das Studium begann.
Was veranlaßte mich dazu, ausgerechnet Informatik
zu studieren?
Dafür gibt es im wesentlichen zwei Gründe.
Einerseits habe ich mein Abitur zu einer Zeit gemacht, in der
es in den neuen Bundesländern allgemein, besonders aber für
Behinderte, nicht leicht war; sich eine berufliche Perspektive
aufzubauen, nämlich 1990. Und andererseits reizte es mich,
etwas völlig Neues zu tun, zu dem es zum damaligen Zeitpunkt
hier noch nicht viele Erfahrungen gab. Und so ging ich auf das
Unterstützungsangebot der TUD ein und begann mein Studium.
Ich mußte sehr viel lernen in den ersten Semestern.
Gut, das mag bei einem Studium nichts Besonderes sein. Zu den
fachlichen Dingen, mit denen meine Kommilitonen natürlich
genauso ihre Probleme hatten wie ich, kam bei mir jedoch eine
Unmenge sozialer Dinge hinzu. Man muß beachten, daß
ich es aus meiner Schulzeit gewöhnt war; eine Spezialschule
für Blinde und Sehbehinderte zu besuchen, wo man die besonderen
Belange dieses Personenkreises natürlich bestens kannte.
An der Uni war die Situation nun eine völlig andere. Und
so traf ich recht häufig auf Unsicherheit oder auch auf sicher
ungewollte Rücksichtslosigkeit. Ich gewöhnte mir recht
schnell an, selbst auf Leute zuzugehen - seien es Kommilitonen,
Lehrbeauftragte oder vielleicht auch das Personal in der Mensa.
Ich versuchte, selbst auf meine Situation, auf evtl. benötigte
Unterstützung hinzuweisen, ohne daß ich erst wartete,
bis mich jemand darauf anspricht. Betrachten wir einmal das Beispiel
einer Vorlesung. Das Mitschreiben selbst war dank bereitstehender
elektronischer Hilfsmittel gar kein Problem. Doch wie oft wird
gerade in einem technischen Fach eine Folie auf dem Tageslichtprojektor
gezeigt, an der Tafel ein Schaltbild gezeichnet oder eine Formel
hergeleitet. Und wie selten wird dagegen ein Schaltbild sprachlich
beschrieben oder eine Formel vorgelesen. Ich begann also, die
Lehrverantwortlichen daraufhin anzusprechen und sie zu bitten,
Geschriebenes doch möglichst auch vorzulesen. Und wenn es
sein mußte, so kam ich nach jeder Vorlesung wieder. Das
war zweifellos nicht immer leicht, besonders wenn sich nach wiederholter
Vorsprache noch immer kein Erfolg einstellte.
In Übungen und Seminaren war die Situation ähnlich.
Es ist wahrlich hoffnungslos, alle Studierenden, die dort einmal
einen Lösungsweg einer Aufgabe an der Tafel demonstrierten,
davon überzeugen zu wollen, Geschriebenes auch vorzulesen.
Also verlegte ich mich (nach hinreichender Verzweiflung) vom Mitschreiben
aufs pure Mitdenken und Zuhören. Zusätzlich versuchte
ich, von Beginn des Semesters an guten Kontakt zu den Übungsleitern
zu haben. So standen mir diese, im Nachhinein kann ich sagen ausnahmslos,
durchaus für Sonderkonsultationen zur Verfügung und
waren auch bereit, so manches zusätzliche Material herauszugeben.
Meine Prüfungsleistungen habe ich im gesamten
Studium mündlich erbracht. Absprachen zu Terminen und Verfahrensweise
wurden anfangs noch mit Unterstützung der Arbeitsgruppe durchgeführt,
nach einigen Semestern nahm ich dies dann selbst in die Hand.
Ungefähr 6 bis 8 Wochen vor Ende des Semesters ging ich mit
meinem Anliegen auf die entsprechenden Lehrverantwortlichen zu
und kam so oft wieder; bis ich meinen Prüfungstermin hatte
und alle sonstigen Fragen geklärt waren. Dabei war mir klar;
daß bei Hunderten von Studierenden das Anliegen eines einzelnen
durchaus in Vergessenheit geraten kann - also brachte ich mich
regelmäßig in Erinnerung.
In einem meiner ersten Semester trat ich dem Deutschen
Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS)
bei und bin dort seit mehreren Jahren ehrenamtlich in der Fachgruppe
,,Ausbildung"
tätig. Auch hier; wie nahezu in allen Selbsthilfeorganisationen,
ist die bedauerliche Tendenz zu bemerken, daß sich immer
weniger junge Leute engagieren. Diese Tendenz rückgängig
zu machen, halte ich für dringend erforderlich.
Im 6. Semester absolvierte ich ein Industriepraktikum
bei IBM in Stuttgart. Ich schob also ein Urlaubssemester ein und
zog für ein halbes Jahr dorthin. Das Praktikum hat mir in
zweierlei Hinsicht viel gegeben, und noch heute profitiere ich
recht viel davon. Einerseits waren da natürlich fachliche
Erfahrungen. Ich war im IBM Beratungszentrum ,,lnformationstechnik
für Menschen mit Behinderungen" tätig, das sich
mit der Entwicklung von elektronischen Hilfsmitteln für behinderte
Menschen beschäftigt. Ich habe dort an der Entwicklung eines
synthetischen Sprachausgabesystems für Blinde mitgearbeitet.
Sehr schnell merkte ich, daß mir diese Aufgabe sehr viel
Freude bereitet und ich durchaus Interesse hätte, auch über
das Praktikum hinaus in diesem Bereich zu arbeiten. Diese Erkenntnis
wurde für die Wahl meiner Vertiefungsfächer bestimmend.
Andererseits habe ich viele Erfahrungen im sozialen
Bereich machen können, die fast ausnahmslos positiv waren.
Zum ersten Mal konnte ich so deutlich feststellen, daß es
möglich ist, in einer fremden Umgebung allein zurechtzukommen
- und das nicht eben irgendwie und gerade mal so, sondern wirklich
gut und zufriedenstellend. Noch heute gibt mir dieses Gefühl,
unabhängig zu sein, sehr viel. Ich weiß, wenn es darauf
ankommt, werde ich in fremder Umgebung klarkommen, ein Umzug in
einen anderen Ort wird mich nicht in völlige Hilflosigkeit
oder Abhängigkeit bringen.
Damals unternahm ich beispielsweise häufig Spaziergänge,
um meinen neuen Wohnort selbst zu erkennen. Auf diese Weise fand
ich zum Beispiel das Freibad, oder ich suchte nach Beschreibung
meiner Vermieterin Geschäfte auf, die ich meist auch wirklich
fand. Und wollte es mit der Orientierung einmal gar nicht gehen,
so fragte ich Passanten auf der Straße oder Verkäuferinnen
im nächsten Geschäft, die mir eigentlich immer bereitwillig
auf die Sprünge halfen.
Unter den vielen Praktikanten bei IBM war ich die
einzige Behinderte. Es entstanden viele gute Kontakte, die teilweise
immer noch bestehen. Auch der fachliche Kontakt zu IBM ist nicht
abgerissen. So arbeite ich bei meiner Diplomarbeit wieder mit
meiner damaligen Praktikumsabteilung zusammen.
Damit bin ich schon beim letzten Punkt, nämlich
meinen Vorstellungen von der beruflichen Zukunft. Nun, daß
es bei der gegenwärtigen Arbeitsmarktsituation allgemein,
und für Behinderte im besonderen, schwierig ist, einen Job
zu finden, darüber besteht wohl kein Zweifel. Trotzdem bin
ich jedoch recht optimistisch. Wie schon gesagt, interessiert
mich der Bereich elektronischer Hilfsmittel für Blinde und
Sehbehinderte immer noch sehr. Gerade auf dem Gebiet von Service
und Schulung besteht hier noch ziemlicher Handlungsbedarf. Und
dort sehe ich meine Chance. Ich würde gern mit Menschen zusammenarbeiten,
nicht in irgendeinem Büro irgendeine Software entwickeln
- das machen schon viele.
Leute kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen, das
würde mich viel mehr interessieren. Daß dabei einige
Probleme entstehen werden und daß dieses bestimmt nicht
der einfachste Weg ist, darüber bin ich mir im klaren. Aber
warum immer den Weg des geringsten Widerstandes wählen?
Zum Schluß möchte ich noch einmal kurz
zusammenfassen: Ich halte es durchaus für möglich, ein
solches Studium mit einer Behinderung zu meistern - das ist hinreichend
bewiesen worden. Und nicht irgendwie, geradeso, sondern auch wirklich
erfolgreich. Dazu sind jedoch meines Erachtens zwei Voraussetzungen
notwendig. Man muß erstens sehr ehrlich zu sich selbst und
zu anderen sein, damit man eigene Grenzen und Möglichkeiten,
eigene Stärken und Schwächen sehr realistisch einschätzen
kann. Und man muß zweitens lernen, die eigene Behinderung
zu akzeptieren - also mit ihr zu leben, nicht gegen sie.