3.6 Lebenssituation behinderter Frauen in Sachsen
Dr. Jürgen Trogisch, Sächsisches Staatsministerium
für Soziales, Gesundheit und Familie - Referat Rehabilitation
Behinderter
Sehr geehrte Damen und Herren, ich kann es mir jetzt
einfach machen. Mein Referat ist eigentlich nicht mehr nötig.
Alles, was heute gesagt wurde, stimmt und beschreibt die Situation
auch nach meinem Kenntnisstand richtig.
Eine zweite kurze Vorbemerkung. Als ich gestern ganz
verzweifelt einer Kollegin erzählte, was ich heute vorhabe
und wie mein Vorbereitungsstand dafür ist, hat sie mir Mut
gemacht. Sie sagte: ,,Erzählen Sie doch einfach, was sie
erlebt haben." Das will ich nun tun.
Ich weiß nicht, ob Sie sich schon einmal beim
Augenarzt einer Gesichtsfelduntersuchung unterziehen mußten.
Man bekommt dabei eindrucksvoll demonstriert, daß man hinten
und rechts und links keine Augen hat, nur über einen bestimmten
Blickwinkel verfügt. Ich möchte Ihnen jetzt erzählen,
wie sich in vielen Jahren mein Gesichtsfeld - auf das Thema bezogen
- verändert hat. Ich habe deshalb auch das Thema etwas verändert:
Situation behinderter Frauen in Sachsen - wie ich
sie erlebte und erlebe
Damit Sie meine Ausführungen verstehen, etwas
zu meinem persönlichen Weg.
Sie werden merken, an welchen Stellen sich mein Gesichtsfeld
erweitert hat, und Sie werden vielleicht am Ende auch erkennen
können, wo ich heute noch blinde Flecken habe. Diese können
Sie mir ja dann auch sagen. Sie merken, ich habe nicht die Absicht,
hier ausschließlich als Vertreter des Ministeriums zu sprechen.
Ich bin von einer Mutter und von einer Großmutter erzogen
worden. Sie haben mir und meinem Bruder sehr viel abgenommen.
Der Vater ging jeden Tag auf Arbeit. Das ist die ,,Erblast".
Nach dem Medizinstudium wurde ich Kinderarzt und zwar gemeinsam
mit meiner Frau. Wir haben drei Kinder; zwei Töchter und
einen Sohn. Sie sind inzwischen erwachsen. Wir sammeln heute die
ersten Erfahrungen mit einer neuen Rolle als Großeltern.
Wir können etwas zur Sozialisation von Mädchen und Jungen
sagen, was wir dazu beigetragen und was wir vielleicht falsch
gemacht haben. Mein ältester Neffe ist geistig behindert
und lebt in einem Wohnheim hier in Dresden. Gemeinsam mit meiner
Frau habe ich über 20 Jahre im Katharinenhof Großhennersdorf
gearbeitet. Für die, die nicht aus Sachsen kommen: Der Katharinenhof
ist die größte Einrichtung für geistig schwerst-
und mehrfach behinderte Menschen in Sachsen. Nach dieser Zeit
war meine Frau arbeitslos, hatte dann eine ABM im Frauenbildungszentrum
auf der Naumannstraße und leitet jetzt die Ehe-, Familien-
und Lebensberatungsstelle der Diakonie in der Kreuzstraße.
Das erzähle ich mit Absicht, weil dieser Umweg, den meine
Frau machen mußte, mein Leben bereichert hat. Zum einen
habe ich erlebt, was es heißt, arbeitslos zu sein, und zum
anderen bin ich über das Frauenbildungszentrum auch mit den
Problemen von Frauen stärker konfrontiert worden, als es
mir bis dahin möglich war. Ich bin seit 1991 im Sozialministerium
zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen für die Belange
behinderter Menschen zuständig.
Ich habe meinen Vortrag nach folgenden Gesichtspunkten
gegliedert:
- Beobachtungen in einem Heim
- Beobachtungen in der Frauenliteratur
- Beobachtungen in der staatlichen Behindertenpolitik
- Beobachtungen an den Behindertenverbänden
in Sachsen
- Beobachtungen in Gesprächen mit behinderten
Frauen
Dann möchte ich Ihnen einige Ergebnisse vortragen,
die aus einer Befragung in Sachsen hervorgegangen sind, die im
September 1993 stattgefunden hat und die im Behindertenreport
veröffentlicht wurden. Wir haben sie durch die Zusatzuntersuchung
,,Männer und Frauen in Sachsen" ergänzt. Anschließend
möchte ich etwas zu künftigen Aufgaben sagen, und vielleicht
ist dann noch Zeit für einige Schlußgedanken.
In dem Heim, das wir als Ärzte übernommen
hatten, lebten die Menschen in katastrophalen Massenquartieren,
die auch jetzt, fünf Jahre nach der Wende, noch nicht vollständig
beseitigt werden konnten. Wir konnten dort studieren, was es für
Menschen bedeutet, Tag für Tag in einem Massenquartier zu
leben, ohne ein Fleckchen für sich, außer dem Bett,
ohne eigene Kleidung, ohne Spiegel. Wie soll man in dieser Situation
Identität entwickeln? Behinderte Menschen wurden damals von
vielen als geschlechtslos angesehen. 1975 und 1976 haben wir,
wahrscheinlich als erste im deutschsprachigen Raum, durch eine
direkte Befragung geistig behinderter Menschen erfahren, was sie
selbst über Sexualität wissen. Es war für uns sehr
wichtig, daß wir uns nicht auf unsere Phantasien oder Analogieschlüsse
verlassen haben, sondern fragten: ,,Was wißt ihr denn? Wie
denkt ihr darüber?" Wir konnten im Anschluß daran
auch die ersten Paare, die sich in unserer Einrichtung gefunden
hatten, befragen und aus diesen Befragungen und Gesprächen
sehr viel wichtige Erkenntnisse gewinnen.
Befragungen über Zukunftsvorstellungen folgten.
In diesem Zusammenhang habe ich für mich gelernt, daß
Beobachtungen in diesem Bereich sicher wichtig sind, daß
es aber unverzichtbar ist, daß diejenigen, um die es geht,
selber zu Wort kommen. Das ist für geistig Behinderte
sehr schwierig, aber möglich.
Wir konnten erleben, wie aus scheinbar geschlechtslosen
Wesen Mädchen und Jungen, Männer und Frauen wurden und
welche Schwierigkeiten sie hatten, sich von den ihnen vorher zugeschriebenen
Rollen zu lösen. Aber dies ist ihnen leichter gelungen als
den sie begleitenden Mitarbeitern.
Wir mußten erleben, wie wir als Mitarbeiter
Entwicklungsprozesse immer wieder behinderten. Wir mußten
auch erleben, wie Eltern, alleingelassen mit ihrer schwierigen
Situation, auch erwachsene Behinderte (ich spreche jetzt immer
noch von geistig schwer- und schwerst-, von mehrfach behinderten
Menschen) immer noch als Kinder ansahen, und welche Schwierigkeiten
sie hatten, sie erwachsen, sie Männer und Frauen werden zu
lassen.
Wir mußten in dieser Zeit auch Gewalt in den
unterschiedlichsten Formen kennenlernen. Wir haben allerdings
auch erlebt, daß dort, wo Übergriffe, auch sexuelle
Übergriffe, passiert sind, die damalige Gerichtsbarkeit die
besondere Situation Behinderter erfaßt hat, und die Täter
verurteilt wurden. Von daher habe ich Schwierigkeiten mit den
neuen Erfahrungen, die heute hier berichtet worden sind. Aber
es war auch damals ein sehr komplizierter Prozeß, einen
Heimleiter; der eine gehörlose, geistig behinderte Frau mißbraucht
hatte, zu überführen und vor Gericht zu bringen.
Ich möchte jetzt einige Beobachtungen in der
Frauenliteratur beschreiben. Das Thema ,,Behinderte" kam
in der DDR-Frauenliteratur nicht vor. Dies ist mir damals nicht
aufgefallen. Ich habe jetzt noch einmal bewußt die Interviews
von Maxie Wander gelesen. Es waren keine mit behinderten Frauen
dabei.
In der mir zugänglichen Literatur zu Frauenproblemen
nach der Wende in Sachsen kommt in den ersten Jahren das Wort
,behindert' auch nicht vor. Auch im 1. und 2. Frauenbericht der
Stadt Dresden wird Behinderung nicht reflektiert. Ich denke, das
ist ja heute auch schon gesagt worden, daß die feministische
Bewegung hier einen blinden Fleck hat. Historisch gesehen ist
das auch gar nicht anders zu erwarten. Zum Beispiel hatten die
schwarzen Männer auch Schwierigkeiten, die besondere Unterdrückung
der schwarzen Frauen, die sie selbst praktizierten, zu erkennen.
Jetzt will ich einige Beobachtungen, die ich in Behörden
und bei der Durchsicht der entsprechenden Veröffentlichungen
gemacht habe, schildern. Auch das ist vorhin schon angeklungen.
Behinderte sind erst seit kurzer Zeit eine Gruppe mit Geschlecht.
Das liegt vielleicht daran, daß Statistiken von Männern
gemacht werden. Ich schließe mich da durchaus nicht aus.
Ich kann an einem ganz konkreten Beispiel demonstrieren, wie sich
mein Gesichtsfeld hier verändert hat. Es werden zwar immer
Männer und Frauen befragt, wie z. B. im Bericht vom Bundesministerium
für Familie und Senioren zur Pflegesituation im häuslichen
Bereich oder im Bericht über Behinderte aus Sachsen-Anhalt.
Die Differenzierung der Merkmale erfolgt dann in der Regel für
die gesamte Gruppe, nicht für Frauen und Männer getrennt.
Dadurch können auch keine Unterschiede festgestellt werden.
Und so ist es uns auch gegangen, als wir den Behindertenreport
für Sachsen erarbeitet haben. Wir waren stolz, weil wir bei
der Erarbeitung des Fragenkataloges trotz eines großen Zeitdruckes
behinderte Menschen beteiligt haben, so daß auch wirklich
Fragen gestellt wurden, die für behinderte Menschen bedeutsam
sind. Als dann die Auswertung durch das Sozialwissenschaftliche
Institut und uns erfolgte, ist es uns und auch den dort tätigen
behinderten Wissenschaftlern nicht aufgefallen, daß wir
die Chance, die in diesem Material liegt, gar nicht genutzt haben,
die Situation von Männern und Frauen differenziert zu untersuchen.
Diese unbefriedigende Situation wird sich sicher
erst dann ändern, wenn bei der Untersuchungsplanung, möglichst
auch bei der Untersuchungsdurchführung und bei der Auswertung
behinderte Frauen nicht nur beteiligt werden, sondern die Forschung
eigenverantwortlich durchführen. Diese Erkenntnisse wollen
wir künftig beachten.
Zu unserer großen Freude sind in Sachsen nach
der Wende sehr viele Selbsthilfeverbände und Selbsthilfegruppen
entstanden.
Wenn ich mir aber die Vorstände der Verbände
ansehe oder unseren Sächsischen Landesbeirat für Behindertenfragen
(Auf der 20. Sitzung haben wir gestern endlich den Namen, der
von allen akzeptiert wurde, gefunden.) betrachte, dann sind die
dort anwesenden Behinderten häufig oder ausschließlich
Männer. Interessant ist, daß die Vertreter der Behörden,
die in den Landesbeirat geschickt wurden, in der Regel Frauen
sind.
Welche Beobachtungen habe ich bei Gesprächen
mit behinderten Frauen gemacht?
Ich habe in meinen Gesprächen immer kluge und
engagierte Frauen erlebt, die ihr Schicksal in oft sehr schmerzhaften
Prozessen angenommen haben. Ich mußte auch feststellen,
daß ihnen leider oft durch Gedankenlosigkeit, Herzlosigkeit
und vielleicht auch Unsicherheit zusätzliche Schmerzen zugefügt
werden. Ich habe mich in den Gesprächen oft für Vertreter
von Behörden, Arbeitgebern und auch Ärzten geschämt.
Ich konnte durch diese Gespräche sehr viel lernen. Mein Wissen
über Behinderung habe ich leider nicht an der Hochschule
erworben, sondern durch Begegnung mit behinderten Menschen und
ihren Angehörigen. Vieles, was Sie schmerzhaft bei Begutachtungen
erleben, hängt mit diesem mangelnden Wissen um Behinderung
zusammen. Das hat mir vorhin bei Frau Grabe so gut gefallen, daß
sie auf die Menschen zugeht und ihnen sagt, was sie von ihnen
möchte und wie sie ihr helfen können.
Sie sollten sich die zum Teil entwürdigenden
Behandlungen nicht gefallen lassen. Sicher wird das in der Situation
selbst oft nicht sofort möglich sein. Die meisten Ärzte,
die ich kenne, sind empfindsame Menschen. Man kann vielleicht
hinterher einen Brief schreiben und mitteilen, wie man die Situation
erlebt hat. Und wenn das nicht hilft, dann sollte man einen Brief
an die Ärztekammer schreiben. Das sind kleine Schritte. Aber
ich denke, wenn Sie den Mund nicht aufmachen, wird sich an dieser
Stelle nichts ändern. Vielleicht kann man den jungen Medizinstudenten
heute dadurch helfen, daß man die Professoren anspricht
und sagt: ,,Ich würde gerne über meine Erfahrungen mit
meiner Behinderung in der Vorlesung berichten." Vielleicht
lernen dann auch die Professoren noch dazu.
Im Behindertenreport gab es die Frage: ,,Wen würden
Sie gern um Rat fragen?"
Nur 2 % der Befragten nannten Behörden und Verwaltungsmitarbeiter.
Die meisten wollten sich von erfahrenen Behinderten oder Fachleuten
beraten lassen. Sie können gewiß sein, daß ich
dieses Ergebnis nicht für mich behalte.
Was habe ich in den Gesprächen noch gelernt?
Frauen tragen Lasten, mit denen die Männer längst in
die
Knie gegangen wären oder kapituliert hätten.
Ich denke, das kann ich als Mann beurteilen.
Ich möchte jetzt aus dem Bericht ,,Behinderte
Frauen und Männer in Sachsen" einige Ergebnisse vorstellen.
Ich hatte die Hoffnung, daß der Bericht zum heutigen Tag
schon gedruckt vorliegt. Dies ist nun leider nicht möglich.
Die Untersuchung ,,Behinderte Frauen und Männer
in Sachsen" basiert auf Befragungen, die Ende 1993 durchgeführt
worden sind.
Behinderte Männer sind häufiger verheiratet
als behinderte Frauen. Während fast 7 von 10 bei den Nichtbehinderten
verheiratet sind, sind es bei den Behinderten nur 4 von 10. Hinsichtlich
des Einkommens ist es deutlich, daß Frauen wesentlich weniger
verdienen und selbst unter Berücksichtigung des Haushaltseinkommens
unter den Werten der Männer liegen.
In den höheren Einkommensgruppen sind Tendenzen
des Angleichens zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zu erkennen.
Behinderte Frauen meinen deutlich weniger als die behinderten
Männer und die nichtbehinderten Frauen, daß ihr monatliches
Einkommen im großen und ganzen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse
ermöglicht.
Nur jede zehnte behinderte Frau ist vollzeitbeschäftigt.
Lediglich 22 von 100 behinderten Frauen haben überhaupt eine
Erwerbstätigkeit. Männer sind mit ihrer Wohnung zufriedener
als Frauen. Das hängt damit zusammen, daß Frauen häufiger
mit veralteten Heizungssystemen, mit vielen Treppen, mit zu engen
Türen, mit kalten, feuchten Räumen, mit fehlendem Bad
oder Dusche, mit Außentoiletten konfrontiert sind als Männer.
Behinderte Frauen haben ein niedrigeres Einkommensniveau
als Männer. Umschulungsmaßnahmen wurden in Sachsen
vor allem den Männern angeboten.
Daß sie sich nach der deutschen Einheit völlig
oder teilweise selbstverwirklichen können, meinen trotzdem
58 % der Männer; aber nur 48 % der Frauen. Für Frauen
ist ein Leben in sozialer Sicherheit in der Wichtigkeitsskala
von höherer Bedeutung, als Arbeit zu haben. Das trifft in
besonderem Maße für behinderte Frauen zu. Auch behinderte
Männer messen der sozialen Sicherheit größere
Wichtigkeit zu als der Erwerbstätigkeit.
Die öffentlichen Verkehrsmittel wurden von Männern
und Frauen zur Bewältigung ihres Mobilitätsbedarfes
fast gleich häufig frequentiert. Demgegenüber benutzen
signifikant mehr Männer als Frauen das eigene Auto. Frauen
benutzen dagegen wesentlich häufiger den Behinderten-Fahrdienst.
Männer haben wahrscheinlich häufiger die Möglichkeit,
die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel mit der Nutzung
des eigenen PKW zu kombinieren. Die Vorteile des Behinderten-Fahrdienstes
werden vorrangig von Frauen gesehen.
Nachdenkenswert stimmt, daß nur ein geringer
Teil der Frauen Bildung bzw. Qualifizierung als eine häufige
Freizeitbeschäftigung angeben. Männer liegen hier ebenso
deutlich höher wie auch bei der Vereinsarbeit. Fast jede
zweite Frau verzichtet ganz auf Bildung bzw. Qualifizierung. Das
sind doppelt so viel wie bei den nichtbehinderten Frauen.
Jetzt kommt etwas, was eigentlich merkwürdig
ist, was aber vielleicht doch mit dem, was ich vorhin gesagt habe,
übereinstimmt. Menschen mit Behinderung haben mehrheitlich
positive, dem Leben zugewandte Empfindungen. Das können häufig
Nichtbehinderte überhaupt nicht verstehen, wobei Frauen ihre
eigenen Empfindungen kritischer bewerten. Andererseits geben Frauen
häufiger an, nach der Wende nervöser und empfindlicher
geworden zu sein. Der Anteil der Frauen, die sich in der neuen
Zeit nicht zurechtfinden, ist größer als der der Männer.
Der Bericht schließt mit der Bemerkung: ..Die Lebensbedingungen
der Bürger und damit auch der behinderten Frauen werden stark
geprägt von der Möglichkeit der Teilnahme am
Erwerbsprozeß. Die schon vor 1989 schwierigen Bedingungen
einer gleichberechtigten Teilnahme am Arbeitsleben haben sich
auf Grund der fast ausschließlich an dem Leistungsvermögen
junger und gesunder Arbeitnehmer orientierten Unternehmensphilosophie
verschlechtert. Allein Frau zu sein. ist in vielen Bereichen der
Arbeitswelt ein Hand icap genug. kommt dann noch ein
dauerhaftes Leiden dazu. verschlechtern sich die Erwerbsmöglichkeiten
enorm. Gelingt es der behinderten Frau trotz alledem einen Platz
in der Erwerbswelt zu erlangen. ist dies oft mit einem niedrigen
Lohn- oder Gehaltsniveau verbunden. Schwerer Zugang zum Erwerbsleben
paart sich mit niedrigem Einkommen. kürzerer Verweildauer
in der Arbeitswelt und größerem Risiko bezüglich
des Arbeitsplatzverlustes. Die behinderte Frau ist also doppelt
benachteiligt. Um so beeindruckender sind ihr Optimismus und ihre
Zukunftszuversicht."
Welche Aufgaben sollten wir uns vornehmen?
Ich hoffe, Sie erwarten jetzt nicht von mir; daß
ich Ihnen über neue finanzielle Programme berichte. Das liegt
gar nicht in meiner Kompetenz. Dafür ist der Landtag zuständig.
Ich halte es für möglich und nötig sehr bald mit
Lebenslaufforschungen, möglichst durch behinderte Forscherinnen,
zu beginnen.
Bei den Gesprächen, die ich in der letzten Zeit
hatte, habe ich festgestellt, daß die Lebensläufe sehr
differenziert sind. Die Sozialisation auch behinderter Frauen
ist im Osten anders verlaufen als im Westen. Die Erfahrungswelten
der westlichen Frauen unterscheiden sich doch sehr von denen unserer
Frauen. Ich habe das bestätigt bekommen in dem kürzlich
erschienen Buch ,,Stiefschwestern", in dem dies reflektiert
wird, allerdings
nicht aus der Optik behinderter Menschen. Frau Arnade,
ich habe Ihr Buch interessiert gelesen und ich verrate kein Geheimnis,
daß es Frau Bochmann deswegen leicht gefallen ist, mich
zu diesem Beitrag zu überreden, weil ich Sie kennenlernen
wollte. Die Ostfrau, die Sie in Ihrem Buch zu Wort kommen lassen,
ist nach meinem Empfinden keine typische Ostfrau. Sie hat ihre
Sozialisation ein ganzes Stück im kirchlichen Bereich gehabt.
Ich halte es für wichtig, daß unsere Frauen
ihre Lebenswege aufschreiben, zusammentragen und vielleicht in
so einer einfühlsamen Art, wie Frau Arnade es gemacht hat,
veröffentlichen. Beratung behinderter Frauen durch behinderte
Frauen und der Aufbau eines Netzwerkes haben durchaus Chancen,
gefördert zu werden.
Wir kommen aus einer vormundschaftlich geprägten
Gesellschaft. Die Behindertenpolitik ist, wenn ich auch hier wieder
ein Bild gebrauchen kann, zunächst davon ausgegangen, daß
der Helfer die erste Geige spielt: ,,Ich weiß, was für
Sie gut ist" - Dann lernten wir, uns mit der zweiten Stimme
zufriedenzugeben: ,,Ich will Sie begleiten, aber das Ziel und
das Tempo bestimmen Sie". Die Aufgabe für uns Nichtbehinderte
könnte den behinderten Menschen gegenüber so etwas wie
die eines Orchesterwartes sein: Stühle und Notenständer
aufstellen, die Beleuchtung richten, während des Spiels im
Hintergrund sein, nicht zu stören, ein guter Geist, den man
nur bemerkt, wenn er fehlt.
Ich sehe eine weitere Aufgabe. Dazu ist diese Veranstaltung
sehr gut geeignet: Tatsachen wahrnehmen. Uns gegenseitig bei der
Beseitigung von blinden Flecken helfen und die Gesichtsfelder
erweitern. Ich weiß, daß durch Gemeinsamkeit immer
das Gesichtsfeld weiter wird, auch für unsere verschiedenen
Wirklichkeiten. Wenn wir sie aber gemeinsam wahrnehmen, dann haben
wir eben nicht, wie das zum Frauentag üblich war, einen roten
Nelkenstrauß, sondern solch bunten Blumenstrauß wie
hier auf dem Tisch, wo jede Pflanze ihren Wert hat und keine von
der anderen sagt, ich bin wichtiger als du. Zu ,,gemeinsam"
gibt es zwei Alternativen. Sie stecken im Wort: einsam + gemein.
So erlebe ich's auch für mich. Wenn ich mich nicht auf Gemeinsamkeit
einlasse, dann bin ich entweder gemein oder ich bin einsam.
Sie merken, daß ich gern Bilder verwende. Da
ist noch ein Bild, das den Geist dieser Tagung sehr gut trifft.
Ich verdanke es Martin Buber. Wenn sich zwei Menschen begegnen,
entsteht immer zwischen ihnen ein ,,Zwischen-menschlein".
Es ist immer eine Neuschöpfung, die nicht so wiederholbar
ist. In jeder Begegnung entsteht ein Zwischenmenschlein. Nur sind
es manchmal - wenn ich an Ihre Erlebnisse in Behörden denke
oder an meine früheren Verhaltensweisen als Arzt gegenüber
Patienten - Fehl- oder gar Totgeburten. Ich denke, daß es
Frauen leichter fällt, wohlgeratene Zwischenmenschlein entstehen
zu lassen. Ich möchte mit einem Satz schließen, den
ich bei Maxie Wander in den Tagebüchern gefunden habe. Sie
zitiert den amerikanischen Dichter Saul Bellow. ,,Leiden ist ungefähr
das einzige zuverlässige Sprengmittel für den Schlaf
des Geistes - und die Liebe". Ich glaube, Sie sind nicht
nur geschulte Lastenträger. Ich glaube, Sie sind auch alle
miteinander gute Sprengmeister.
Literatur:
Arnade, Sigrid: Weder Küsse noch Karriere, Frankfurt
am Main, 1992
Reimann, H. u. J. Trogisch: Zur Sexualität Imbeziller;
Z. ärztl. Fortbild. H. 4 (1977), S.183-194
Reimann, H. u. J. Trogisch: Zur Problematik der Partnerbeziehung
bei imbezillen Jugendlichen und Erwachsenen. X. Tagung der Medizinischen
Gesellschaft der DDR zum Studium der Lebensbedingungen und der
Gesundheit, 24.-26. 11.1977 in Berlin
Reimann, H., J. Trogisch u. U. Trogisch: Der Imbezille
im Erwachsenenalter; Z. ärztliche Fortbild., H. 19 (1980),
S.889-895
Rohnstock, Katrin: Stiefschwestern, Frankfurt a.
M., 1994
Wander; Maxie: Guten Morgen, du Schöne, Berlin,
1978
Wander; Maxie: Tagebücher und Briefe, Berlin,
1979
Hilfe- und Pflegebedarf in Deutschland 1991, München,
1992
Behindertenreport Sachsen-Anhalt 1993, 0. J., Magdeburg
Menschen mit Behinderung - Bericht zur Lage im Freistaat
Sachsen, Dresden, 1994
Behindertenreport Sachsen 1993, in: Menschen mit
Behinderung
Behinderte Frauen und Männer in Sachsen (in
Vorbereitung zum Druck)