3.6 Lebenssituation behinderter Frauen in Sachsen

Dr. Jürgen Trogisch, Sächsisches Staatsministerium für Soziales, Gesundheit und Familie - Referat Rehabilitation Behinderter

Sehr geehrte Damen und Herren, ich kann es mir jetzt einfach machen. Mein Referat ist eigentlich nicht mehr nötig. Alles, was heute gesagt wurde, stimmt und beschreibt die Situation auch nach meinem Kenntnisstand richtig.

Eine zweite kurze Vorbemerkung. Als ich gestern ganz verzweifelt einer Kollegin erzählte, was ich heute vorhabe und wie mein Vorbereitungsstand dafür ist, hat sie mir Mut gemacht. Sie sagte: ,,Erzählen Sie doch einfach, was sie erlebt haben." Das will ich nun tun.

Ich weiß nicht, ob Sie sich schon einmal beim Augenarzt einer Gesichtsfelduntersuchung unterziehen mußten. Man bekommt dabei eindrucksvoll demonstriert, daß man hinten und rechts und links keine Augen hat, nur über einen bestimmten Blickwinkel verfügt. Ich möchte Ihnen jetzt erzählen, wie sich in vielen Jahren mein Gesichtsfeld - auf das Thema bezogen - verändert hat. Ich habe deshalb auch das Thema etwas verändert:

Situation behinderter Frauen in Sachsen - wie ich sie erlebte und erlebe

Damit Sie meine Ausführungen verstehen, etwas zu meinem persönlichen Weg.

Sie werden merken, an welchen Stellen sich mein Gesichtsfeld erweitert hat, und Sie werden vielleicht am Ende auch erkennen können, wo ich heute noch blinde Flecken habe. Diese können Sie mir ja dann auch sagen. Sie merken, ich habe nicht die Absicht, hier ausschließlich als Vertreter des Ministeriums zu sprechen. Ich bin von einer Mutter und von einer Großmutter erzogen worden. Sie haben mir und meinem Bruder sehr viel abgenommen. Der Vater ging jeden Tag auf Arbeit. Das ist die ,,Erblast". Nach dem Medizinstudium wurde ich Kinderarzt und zwar gemeinsam mit meiner Frau. Wir haben drei Kinder; zwei Töchter und einen Sohn. Sie sind inzwischen erwachsen. Wir sammeln heute die ersten Erfahrungen mit einer neuen Rolle als Großeltern. Wir können etwas zur Sozialisation von Mädchen und Jungen sagen, was wir dazu beigetragen und was wir vielleicht falsch gemacht haben. Mein ältester Neffe ist geistig behindert und lebt in einem Wohnheim hier in Dresden. Gemeinsam mit meiner Frau habe ich über 20 Jahre im Katharinenhof Großhennersdorf gearbeitet. Für die, die nicht aus Sachsen kommen: Der Katharinenhof ist die größte Einrichtung für geistig schwerst- und mehrfach behinderte Menschen in Sachsen. Nach dieser Zeit war meine Frau arbeitslos, hatte dann eine ABM im Frauenbildungszentrum auf der Naumannstraße und leitet jetzt die Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle der Diakonie in der Kreuzstraße. Das erzähle ich mit Absicht, weil dieser Umweg, den meine Frau machen mußte, mein Leben bereichert hat. Zum einen habe ich erlebt, was es heißt, arbeitslos zu sein, und zum anderen bin ich über das Frauenbildungszentrum auch mit den Problemen von Frauen stärker konfrontiert worden, als es mir bis dahin möglich war. Ich bin seit 1991 im Sozialministerium zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen für die Belange behinderter Menschen zuständig.

Ich habe meinen Vortrag nach folgenden Gesichtspunkten gegliedert:

- Beobachtungen in einem Heim

- Beobachtungen in der Frauenliteratur

- Beobachtungen in der staatlichen Behindertenpolitik

- Beobachtungen an den Behindertenverbänden in Sachsen

- Beobachtungen in Gesprächen mit behinderten Frauen

Dann möchte ich Ihnen einige Ergebnisse vortragen, die aus einer Befragung in Sachsen hervorgegangen sind, die im September 1993 stattgefunden hat und die im Behindertenreport veröffentlicht wurden. Wir haben sie durch die Zusatzuntersuchung ,,Männer und Frauen in Sachsen" ergänzt. Anschließend möchte ich etwas zu künftigen Aufgaben sagen, und vielleicht ist dann noch Zeit für einige Schlußgedanken.

In dem Heim, das wir als Ärzte übernommen hatten, lebten die Menschen in katastrophalen Massenquartieren, die auch jetzt, fünf Jahre nach der Wende, noch nicht vollständig beseitigt werden konnten. Wir konnten dort studieren, was es für Menschen bedeutet, Tag für Tag in einem Massenquartier zu leben, ohne ein Fleckchen für sich, außer dem Bett, ohne eigene Kleidung, ohne Spiegel. Wie soll man in dieser Situation Identität entwickeln? Behinderte Menschen wurden damals von vielen als geschlechtslos angesehen. 1975 und 1976 haben wir, wahrscheinlich als erste im deutschsprachigen Raum, durch eine direkte Befragung geistig behinderter Menschen erfahren, was sie selbst über Sexualität wissen. Es war für uns sehr wichtig, daß wir uns nicht auf unsere Phantasien oder Analogieschlüsse verlassen haben, sondern fragten: ,,Was wißt ihr denn? Wie denkt ihr darüber?" Wir konnten im Anschluß daran auch die ersten Paare, die sich in unserer Einrichtung gefunden hatten, befragen und aus diesen Befragungen und Gesprächen sehr viel wichtige Erkenntnisse gewinnen.

Befragungen über Zukunftsvorstellungen folgten. In diesem Zusammenhang habe ich für mich gelernt, daß Beobachtungen in diesem Bereich sicher wichtig sind, daß es aber unverzichtbar ist, daß diejenigen, um die es geht, selber zu Wort kommen. Das ist für geistig Behinderte sehr schwierig, aber möglich.

Wir konnten erleben, wie aus scheinbar geschlechtslosen Wesen Mädchen und Jungen, Männer und Frauen wurden und welche Schwierigkeiten sie hatten, sich von den ihnen vorher zugeschriebenen Rollen zu lösen. Aber dies ist ihnen leichter gelungen als den sie begleitenden Mitarbeitern.

Wir mußten erleben, wie wir als Mitarbeiter Entwicklungsprozesse immer wieder behinderten. Wir mußten auch erleben, wie Eltern, alleingelassen mit ihrer schwierigen Situation, auch erwachsene Behinderte (ich spreche jetzt immer noch von geistig schwer- und schwerst-, von mehrfach behinderten Menschen) immer noch als Kinder ansahen, und welche Schwierigkeiten sie hatten, sie erwachsen, sie Männer und Frauen werden zu lassen.

Wir mußten in dieser Zeit auch Gewalt in den unterschiedlichsten Formen kennenlernen. Wir haben allerdings auch erlebt, daß dort, wo Übergriffe, auch sexuelle Übergriffe, passiert sind, die damalige Gerichtsbarkeit die besondere Situation Behinderter erfaßt hat, und die Täter verurteilt wurden. Von daher habe ich Schwierigkeiten mit den neuen Erfahrungen, die heute hier berichtet worden sind. Aber es war auch damals ein sehr komplizierter Prozeß, einen Heimleiter; der eine gehörlose, geistig behinderte Frau mißbraucht hatte, zu überführen und vor Gericht zu bringen.

Ich möchte jetzt einige Beobachtungen in der Frauenliteratur beschreiben. Das Thema ,,Behinderte" kam in der DDR-Frauenliteratur nicht vor. Dies ist mir damals nicht aufgefallen. Ich habe jetzt noch einmal bewußt die Interviews von Maxie Wander gelesen. Es waren keine mit behinderten Frauen dabei.

In der mir zugänglichen Literatur zu Frauenproblemen nach der Wende in Sachsen kommt in den ersten Jahren das Wort ,behindert' auch nicht vor. Auch im 1. und 2. Frauenbericht der Stadt Dresden wird Behinderung nicht reflektiert. Ich denke, das ist ja heute auch schon gesagt worden, daß die feministische Bewegung hier einen blinden Fleck hat. Historisch gesehen ist das auch gar nicht anders zu erwarten. Zum Beispiel hatten die schwarzen Männer auch Schwierigkeiten, die besondere Unterdrückung der schwarzen Frauen, die sie selbst praktizierten, zu erkennen.

Jetzt will ich einige Beobachtungen, die ich in Behörden und bei der Durchsicht der entsprechenden Veröffentlichungen gemacht habe, schildern. Auch das ist vorhin schon angeklungen. Behinderte sind erst seit kurzer Zeit eine Gruppe mit Geschlecht. Das liegt vielleicht daran, daß Statistiken von Männern gemacht werden. Ich schließe mich da durchaus nicht aus. Ich kann an einem ganz konkreten Beispiel demonstrieren, wie sich mein Gesichtsfeld hier verändert hat. Es werden zwar immer Männer und Frauen befragt, wie z. B. im Bericht vom Bundesministerium für Familie und Senioren zur Pflegesituation im häuslichen Bereich oder im Bericht über Behinderte aus Sachsen-Anhalt. Die Differenzierung der Merkmale erfolgt dann in der Regel für die gesamte Gruppe, nicht für Frauen und Männer getrennt. Dadurch können auch keine Unterschiede festgestellt werden. Und so ist es uns auch gegangen, als wir den Behindertenreport für Sachsen erarbeitet haben. Wir waren stolz, weil wir bei der Erarbeitung des Fragenkataloges trotz eines großen Zeitdruckes behinderte Menschen beteiligt haben, so daß auch wirklich Fragen gestellt wurden, die für behinderte Menschen bedeutsam sind. Als dann die Auswertung durch das Sozialwissenschaftliche Institut und uns erfolgte, ist es uns und auch den dort tätigen behinderten Wissenschaftlern nicht aufgefallen, daß wir die Chance, die in diesem Material liegt, gar nicht genutzt haben, die Situation von Männern und Frauen differenziert zu untersuchen.

Diese unbefriedigende Situation wird sich sicher erst dann ändern, wenn bei der Untersuchungsplanung, möglichst auch bei der Untersuchungsdurchführung und bei der Auswertung behinderte Frauen nicht nur beteiligt werden, sondern die Forschung eigenverantwortlich durchführen. Diese Erkenntnisse wollen wir künftig beachten.

Zu unserer großen Freude sind in Sachsen nach der Wende sehr viele Selbsthilfeverbände und Selbsthilfegruppen entstanden.

Wenn ich mir aber die Vorstände der Verbände ansehe oder unseren Sächsischen Landesbeirat für Behindertenfragen (Auf der 20. Sitzung haben wir gestern endlich den Namen, der von allen akzeptiert wurde, gefunden.) betrachte, dann sind die dort anwesenden Behinderten häufig oder ausschließlich Männer. Interessant ist, daß die Vertreter der Behörden, die in den Landesbeirat geschickt wurden, in der Regel Frauen sind.

Welche Beobachtungen habe ich bei Gesprächen mit behinderten Frauen gemacht?

Ich habe in meinen Gesprächen immer kluge und engagierte Frauen erlebt, die ihr Schicksal in oft sehr schmerzhaften Prozessen angenommen haben. Ich mußte auch feststellen, daß ihnen leider oft durch Gedankenlosigkeit, Herzlosigkeit und vielleicht auch Unsicherheit zusätzliche Schmerzen zugefügt werden. Ich habe mich in den Gesprächen oft für Vertreter von Behörden, Arbeitgebern und auch Ärzten geschämt. Ich konnte durch diese Gespräche sehr viel lernen. Mein Wissen über Behinderung habe ich leider nicht an der Hochschule erworben, sondern durch Begegnung mit behinderten Menschen und ihren Angehörigen. Vieles, was Sie schmerzhaft bei Begutachtungen erleben, hängt mit diesem mangelnden Wissen um Behinderung zusammen. Das hat mir vorhin bei Frau Grabe so gut gefallen, daß sie auf die Menschen zugeht und ihnen sagt, was sie von ihnen möchte und wie sie ihr helfen können.

Sie sollten sich die zum Teil entwürdigenden Behandlungen nicht gefallen lassen. Sicher wird das in der Situation selbst oft nicht sofort möglich sein. Die meisten Ärzte, die ich kenne, sind empfindsame Menschen. Man kann vielleicht hinterher einen Brief schreiben und mitteilen, wie man die Situation erlebt hat. Und wenn das nicht hilft, dann sollte man einen Brief an die Ärztekammer schreiben. Das sind kleine Schritte. Aber ich denke, wenn Sie den Mund nicht aufmachen, wird sich an dieser Stelle nichts ändern. Vielleicht kann man den jungen Medizinstudenten heute dadurch helfen, daß man die Professoren anspricht und sagt: ,,Ich würde gerne über meine Erfahrungen mit meiner Behinderung in der Vorlesung berichten." Vielleicht lernen dann auch die Professoren noch dazu.

Im Behindertenreport gab es die Frage: ,,Wen würden Sie gern um Rat fragen?"

Nur 2 % der Befragten nannten Behörden und Verwaltungsmitarbeiter. Die meisten wollten sich von erfahrenen Behinderten oder Fachleuten beraten lassen. Sie können gewiß sein, daß ich dieses Ergebnis nicht für mich behalte.

Was habe ich in den Gesprächen noch gelernt? Frauen tragen Lasten, mit denen die Männer längst in die

Knie gegangen wären oder kapituliert hätten. Ich denke, das kann ich als Mann beurteilen.

Ich möchte jetzt aus dem Bericht ,,Behinderte Frauen und Männer in Sachsen" einige Ergebnisse vorstellen. Ich hatte die Hoffnung, daß der Bericht zum heutigen Tag schon gedruckt vorliegt. Dies ist nun leider nicht möglich.

Die Untersuchung ,,Behinderte Frauen und Männer in Sachsen" basiert auf Befragungen, die Ende 1993 durchgeführt worden sind.

Behinderte Männer sind häufiger verheiratet als behinderte Frauen. Während fast 7 von 10 bei den Nichtbehinderten verheiratet sind, sind es bei den Behinderten nur 4 von 10. Hinsichtlich des Einkommens ist es deutlich, daß Frauen wesentlich weniger verdienen und selbst unter Berücksichtigung des Haushaltseinkommens unter den Werten der Männer liegen.

In den höheren Einkommensgruppen sind Tendenzen des Angleichens zwischen Behinderten und Nichtbehinderten zu erkennen. Behinderte Frauen meinen deutlich weniger als die behinderten Männer und die nichtbehinderten Frauen, daß ihr monatliches Einkommen im großen und ganzen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse ermöglicht.

Nur jede zehnte behinderte Frau ist vollzeitbeschäftigt. Lediglich 22 von 100 behinderten Frauen haben überhaupt eine Erwerbstätigkeit. Männer sind mit ihrer Wohnung zufriedener als Frauen. Das hängt damit zusammen, daß Frauen häufiger mit veralteten Heizungssystemen, mit vielen Treppen, mit zu engen Türen, mit kalten, feuchten Räumen, mit fehlendem Bad oder Dusche, mit Außentoiletten konfrontiert sind als Männer.

Behinderte Frauen haben ein niedrigeres Einkommensniveau als Männer. Umschulungsmaßnahmen wurden in Sachsen vor allem den Männern angeboten.

Daß sie sich nach der deutschen Einheit völlig oder teilweise selbstverwirklichen können, meinen trotzdem 58 % der Männer; aber nur 48 % der Frauen. Für Frauen ist ein Leben in sozialer Sicherheit in der Wichtigkeitsskala von höherer Bedeutung, als Arbeit zu haben. Das trifft in besonderem Maße für behinderte Frauen zu. Auch behinderte Männer messen der sozialen Sicherheit größere Wichtigkeit zu als der Erwerbstätigkeit.

Die öffentlichen Verkehrsmittel wurden von Männern und Frauen zur Bewältigung ihres Mobilitätsbedarfes fast gleich häufig frequentiert. Demgegenüber benutzen signifikant mehr Männer als Frauen das eigene Auto. Frauen benutzen dagegen wesentlich häufiger den Behinderten-Fahrdienst. Männer haben wahrscheinlich häufiger die Möglichkeit, die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel mit der Nutzung des eigenen PKW zu kombinieren. Die Vorteile des Behinderten-Fahrdienstes werden vorrangig von Frauen gesehen.

Nachdenkenswert stimmt, daß nur ein geringer Teil der Frauen Bildung bzw. Qualifizierung als eine häufige Freizeitbeschäftigung angeben. Männer liegen hier ebenso deutlich höher wie auch bei der Vereinsarbeit. Fast jede zweite Frau verzichtet ganz auf Bildung bzw. Qualifizierung. Das sind doppelt so viel wie bei den nichtbehinderten Frauen.

Jetzt kommt etwas, was eigentlich merkwürdig ist, was aber vielleicht doch mit dem, was ich vorhin gesagt habe, übereinstimmt. Menschen mit Behinderung haben mehrheitlich positive, dem Leben zugewandte Empfindungen. Das können häufig Nichtbehinderte überhaupt nicht verstehen, wobei Frauen ihre eigenen Empfindungen kritischer bewerten. Andererseits geben Frauen häufiger an, nach der Wende nervöser und empfindlicher geworden zu sein. Der Anteil der Frauen, die sich in der neuen Zeit nicht zurechtfinden, ist größer als der der Männer. Der Bericht schließt mit der Bemerkung: ..Die Lebensbedingungen der Bürger und damit auch der behinderten Frauen werden stark geprägt von der Möglichkeit der Teilnahme am Erwerbsprozeß. Die schon vor 1989 schwierigen Bedingungen einer gleichberechtigten Teilnahme am Arbeitsleben haben sich auf Grund der fast ausschließlich an dem Leistungsvermögen junger und gesunder Arbeitnehmer orientierten Unternehmensphilosophie verschlechtert. Allein Frau zu sein. ist in vielen Bereichen der Arbeitswelt ein Hand icap genug. kommt dann noch ein dauerhaftes Leiden dazu. verschlechtern sich die Erwerbsmöglichkeiten enorm. Gelingt es der behinderten Frau trotz alledem einen Platz in der Erwerbswelt zu erlangen. ist dies oft mit einem niedrigen Lohn- oder Gehaltsniveau verbunden. Schwerer Zugang zum Erwerbsleben paart sich mit niedrigem Einkommen. kürzerer Verweildauer in der Arbeitswelt und größerem Risiko bezüglich des Arbeitsplatzverlustes. Die behinderte Frau ist also doppelt benachteiligt. Um so beeindruckender sind ihr Optimismus und ihre Zukunftszuversicht."

Welche Aufgaben sollten wir uns vornehmen?

Ich hoffe, Sie erwarten jetzt nicht von mir; daß ich Ihnen über neue finanzielle Programme berichte. Das liegt gar nicht in meiner Kompetenz. Dafür ist der Landtag zuständig. Ich halte es für möglich und nötig sehr bald mit Lebenslaufforschungen, möglichst durch behinderte Forscherinnen, zu beginnen.

Bei den Gesprächen, die ich in der letzten Zeit hatte, habe ich festgestellt, daß die Lebensläufe sehr differenziert sind. Die Sozialisation auch behinderter Frauen ist im Osten anders verlaufen als im Westen. Die Erfahrungswelten der westlichen Frauen unterscheiden sich doch sehr von denen unserer Frauen. Ich habe das bestätigt bekommen in dem kürzlich erschienen Buch ,,Stiefschwestern", in dem dies reflektiert wird, allerdings

nicht aus der Optik behinderter Menschen. Frau Arnade, ich habe Ihr Buch interessiert gelesen und ich verrate kein Geheimnis, daß es Frau Bochmann deswegen leicht gefallen ist, mich zu diesem Beitrag zu überreden, weil ich Sie kennenlernen wollte. Die Ostfrau, die Sie in Ihrem Buch zu Wort kommen lassen, ist nach meinem Empfinden keine typische Ostfrau. Sie hat ihre Sozialisation ein ganzes Stück im kirchlichen Bereich gehabt.

Ich halte es für wichtig, daß unsere Frauen ihre Lebenswege aufschreiben, zusammentragen und vielleicht in so einer einfühlsamen Art, wie Frau Arnade es gemacht hat, veröffentlichen. Beratung behinderter Frauen durch behinderte Frauen und der Aufbau eines Netzwerkes haben durchaus Chancen, gefördert zu werden.

Wir kommen aus einer vormundschaftlich geprägten Gesellschaft. Die Behindertenpolitik ist, wenn ich auch hier wieder ein Bild gebrauchen kann, zunächst davon ausgegangen, daß der Helfer die erste Geige spielt: ,,Ich weiß, was für Sie gut ist" - Dann lernten wir, uns mit der zweiten Stimme zufriedenzugeben: ,,Ich will Sie begleiten, aber das Ziel und das Tempo bestimmen Sie". Die Aufgabe für uns Nichtbehinderte könnte den behinderten Menschen gegenüber so etwas wie die eines Orchesterwartes sein: Stühle und Notenständer aufstellen, die Beleuchtung richten, während des Spiels im Hintergrund sein, nicht zu stören, ein guter Geist, den man nur bemerkt, wenn er fehlt.

Ich sehe eine weitere Aufgabe. Dazu ist diese Veranstaltung sehr gut geeignet: Tatsachen wahrnehmen. Uns gegenseitig bei der Beseitigung von blinden Flecken helfen und die Gesichtsfelder erweitern. Ich weiß, daß durch Gemeinsamkeit immer das Gesichtsfeld weiter wird, auch für unsere verschiedenen Wirklichkeiten. Wenn wir sie aber gemeinsam wahrnehmen, dann haben wir eben nicht, wie das zum Frauentag üblich war, einen roten Nelkenstrauß, sondern solch bunten Blumenstrauß wie hier auf dem Tisch, wo jede Pflanze ihren Wert hat und keine von der anderen sagt, ich bin wichtiger als du. Zu ,,gemeinsam" gibt es zwei Alternativen. Sie stecken im Wort: einsam + gemein. So erlebe ich's auch für mich. Wenn ich mich nicht auf Gemeinsamkeit einlasse, dann bin ich entweder gemein oder ich bin einsam.

Sie merken, daß ich gern Bilder verwende. Da ist noch ein Bild, das den Geist dieser Tagung sehr gut trifft. Ich verdanke es Martin Buber. Wenn sich zwei Menschen begegnen, entsteht immer zwischen ihnen ein ,,Zwischen-menschlein". Es ist immer eine Neuschöpfung, die nicht so wiederholbar ist. In jeder Begegnung entsteht ein Zwischenmenschlein. Nur sind es manchmal - wenn ich an Ihre Erlebnisse in Behörden denke oder an meine früheren Verhaltensweisen als Arzt gegenüber Patienten - Fehl- oder gar Totgeburten. Ich denke, daß es Frauen leichter fällt, wohlgeratene Zwischenmenschlein entstehen zu lassen. Ich möchte mit einem Satz schließen, den ich bei Maxie Wander in den Tagebüchern gefunden habe. Sie zitiert den amerikanischen Dichter Saul Bellow. ,,Leiden ist ungefähr das einzige zuverlässige Sprengmittel für den Schlaf des Geistes - und die Liebe". Ich glaube, Sie sind nicht nur geschulte Lastenträger. Ich glaube, Sie sind auch alle miteinander gute Sprengmeister.

Literatur:

Arnade, Sigrid: Weder Küsse noch Karriere, Frankfurt am Main, 1992

Reimann, H. u. J. Trogisch: Zur Sexualität Imbeziller; Z. ärztl. Fortbild. H. 4 (1977), S.183-194

Reimann, H. u. J. Trogisch: Zur Problematik der Partnerbeziehung bei imbezillen Jugendlichen und Erwachsenen. X. Tagung der Medizinischen Gesellschaft der DDR zum Studium der Lebensbedingungen und der Gesundheit, 24.-26. 11.1977 in Berlin

Reimann, H., J. Trogisch u. U. Trogisch: Der Imbezille im Erwachsenenalter; Z. ärztliche Fortbild., H. 19 (1980), S.889-895

Rohnstock, Katrin: Stiefschwestern, Frankfurt a. M., 1994

Wander; Maxie: Guten Morgen, du Schöne, Berlin, 1978

Wander; Maxie: Tagebücher und Briefe, Berlin, 1979

Hilfe- und Pflegebedarf in Deutschland 1991, München, 1992

Behindertenreport Sachsen-Anhalt 1993, 0. J., Magdeburg

Menschen mit Behinderung - Bericht zur Lage im Freistaat Sachsen, Dresden, 1994

Behindertenreport Sachsen 1993, in: Menschen mit Behinderung

Behinderte Frauen und Männer in Sachsen (in Vorbereitung zum Druck)