4 Zusammenfassung der Gruppenarbeit

Danuta Bochmann, Dresden

Nach Beratung in Gruppen füllten die Teilnehmerinnen der Tagung ihren ,,Wunschzettel" aus.

Es wurde gebeten, sich zu folgenden Problemkreisen zu äußern:

- Ich bin behindert. Das würde mein Leben erleichtern

- Ich arbeite für Behinderte. Das würde meine Arbeit verbessern

- Wenn ich Stadträtin wäre, würde ich für Behinderte folgendes durchsetzen

Nachfolgend haben wir das Ergebnis der Diskussion als Gruppenreflexion zusammengestellt. Forderungen wie die Bereitstellung von behindertengerechtem, bezahlbarem Wohnraum, Sicherung der Mobilität und Barrierenfreiheit, Schaffung von Teilzeitarbeitsplätzen, Durchsetzung der Pflichtquotenerfüllung nach dem Schwerbehindertengesetz, insbesondere im öffentlichen Dienst, und WiederhoIung solcher Veranstaltungen, wie der Tagung am 21. April 1995 im Dresdner Rathaus, spielten in allen Gruppengesprächen eine große Rolle.

,,Das Rathaus sollte für alle Bürger zugänglich sein" forderten die Frauen. Eine Beschilderung außen am Gebäude mit dem Hinweis auf den behindertengerechten Eingang und auf Parkplätze für Behinderte ist erforderlich. Die Eingangstür muß sich auch vom Rollstuhl aus öffnen lassen. Der Treppenlift ist für schwere Rollstühle unbrauchbar. An die Tür gehört eine Klingel bzw. eine Wechselsprechanlage, damit der Schlüssel zum Treppenlift beim Empfang angefordert werden kann. Bisherige diesbezügliche Eingaben seitens der Behinderten haben trotz Zusagen nicht zum Erfolg geführt. Als eine der Teilnehmerinnen forderte: ,,Setzen Sie doch Ihren Oberbürgermeister mal in einen Rollstuhl und lassen Sie ihn von draußen, von der Straße, in sein Arbeitszimmer kommen", erhielt sie regen Applaus.

Anschließend haben wir die Forderungen des Verbandes der Körperbehinderten der Stadt Dresden e.V., anläßlich des europaweiten Protesttages für die Gleichstellung behinderter Menschen am 5.5.1995, abgedruckt, um deutlich zu machen, daß dringender HandIungsbedarf besteht.

Das würde mein Leben erleichtern:

- leichte Beschäftigung im Rahmen der 470,- DM Hinzuverdienstgrenze

- straffe Maßnahmen zur Durchsetzung der Beschäftigungsquote (6 %), insbesondere im öffentlichen Dienst (Vorbildwirkung)

- Bau von bezahlbaren, behindertengerechten Wohnräumen

- Barrierenfreiheit: abgesenkte Bordsteinkanten, Geländer an öffentlichen Treppen in der Stadt, rollstuhl-freundliche, behindertengerechte Eingänge an allen öffentlichen Gebäuden (z. B. im Rathaus ist das Telefon viel zu hoch, der Treppenlift ist nur für leichte Rollstühle gedacht, die Bilder hängen zu hoch)

- akustische Signalampeln, tastbare Markierungen in öffentlichen Einrichtungen, bessere Absperrung von Baustellen, keine Behinderung durch Autos u. ä. auf Fußwegen

- in den Kaufhallen: Wenn man doch endlich einsehen würde, daß die Gänge an der Kasse und zwischen den Regalen zu schmal sind, daß die Höhe, in der die Waren angeboten werden, auch für Behinderte erreichbar ist.

- höhere Bordsteinkanten im Haltestellenbereich von Straßenbahn und Bus zum Einsteigen

- Stühle bzw. Sitzgelegenheiten in allen öffentlichen Einrichtungen, auch in Geschäften

- angemessenere Preise bei Hilfen im Haushalt und für sonstige notwendige Hilfeleistungen

- wenn die Versicherung akzeptieren würde, daß bei epileptischen Anfällen die Verletzungsgefahr größer ist als im Allgemeinen

- wenn immer Gehörlosensprachmittler (Dolmetscher) zur Verfügung stehen würden, ohne daß es vorher Probleme mit der Bezahlung gibt

- es ist unbedingt erforderlich, daß den Gehörlosen ohne Probleme Schreibtelefone durch die Krankenkassen oder Ämter finanziert werden

- mehr Telefon-Fax-Geräte für Hörgeschädigte in öffentlichen Telefonzellen, auf Arbeitsstellen und in Rettungsdiensten

- mehr Freundlichkeit und Verständnis bei Behörden, mehr Behindertenparkplätze in Dresden

- Kontrolle durch Politessen, daß die Behindertenparkplätze nicht verstellt werden

- falls Aufzüge vorhanden, müssen sie von allen genutzt werden können

- die Gewißheit, daß Behinderte und Nichtbehinderte nicht um gegenseitige Anerkennung ringen müßten und nicht kategorisiert bzw. klassifiziert würden

- Gasträume und Toiletten müßten für alle zugänglich sein

- Offenheit zur Problematik gegenüber Behinderten von Seiten des Arbeitgebers (Verständnis, Entgegenkommen)

Ich arbeite für Behinderte.

Das würde meine Arbeit verbessern:

- Informationsmaterial für Behinderte zum Zusammenwirken einzelner Behörden (Krankenkassen, Rententräger, Arbeitsamt etc.), weil dadurch unnötige Wege wegfallen könnten

- mehr Zeit für die Beratungsgespräche

- gesetzlich eindeutige Regelungen für Zuständigkeiten von Kostenträgern

- Mitarbeiter, die mit Behinderten arbeiten, sollten sich sachkundiges Wissen zu den einzelnen Behinderungen aneignen

- das Betriebsklima müßte sich verbessern insofern, daß die Behinderten besser akzeptiert werden und ihre Meinung sagen können und nicht unter Druck gesetzt werden nach dem Motto: ,,Sie haben Arbeit und nun halten Sie den Mund!"

- mehr Toleranz in den Betrieben und Einrichtungen gegenüber Behindertenarbeit und Schwerbeschädigtenvertrauensleuten

- der ,Titel" eines Menschen darf nicht ausschlaggebend in der Arbeit sein, sondern die echte Arbeit muß mehr Anerkennung finden

- effektivere und sensiblere Zusammenarbeit mit den Leitungen der Einrichtungen

- mehr Information über das Inkrafttreten (Durchsetzung) des Vorausgesagten, z. B. über die Schaffung von Arbeitsplätzen für Behinderte

- Finanzierung von Gebärdendolmetschern/Kontaktpersonen für Frauenseminare/-veranstaltungen

- Herausgabe eines ,,Stadtführers für Behinderte" und für Blinde (war schon für 1994 angekündigt)

- mehr Einsatz von technischen, akustischen, visuellen und taktilen Hilfsmitteln

- Schulungen in der Gebärdensprache

- statistische Erfassung der Krankheitsausfälle berufstätiger Behinderten, damit die Meinung bei den Arbeitgebern abgebaut werden kann, daß Behinderte aufgrund der Behinderung mehr ausfallen als Nichtbehinderte

- ABM-Maßnahme -> Öffentlichkeitsarbeit zum Thema ,,Schwerbehinderung' ist nicht ausschlaggebend bei einer leistungsgerechten Arbeit"

- Referatsleitungen bzw. Führungsebenen, die Entscheidungen für Behinderte treffen, sollten durch Behinderte besetzt werden - besonders durch Frauen

- Wiederholungsanträge/ zweite Feststellung der Behinderung bzw. Rentenweiterbewilligung etc. sollten gesetzlich anders geregelt werden

- Überarbeitung des Rehabilitationsrechts

- Ausbau des sozialen Netzes speziell für Behinderte, die keinen Zugang zur Werkstatt für Behinderte haben und die für den allgemeinen Arbeitsmarkt im Moment nicht verfügbar sind (d.h. für die EU-Rente noch keinen gesetzl. Zugang haben), Schaffung geschützter Arbeitsplätze

- Führungskräfte sollten fachübergreifende Kenntnisse zur Behindertenproblematik haben

- mehr Einsatz von technischen Hilfsmitteln für alle Behindertengruppen (Hörgeschädigte, Rollstuhlfahrer; Sehgeschädigte usw.)

- bessere Information betreffs behindertengerechter Veranstaltungen (vom Zugang her)

- solche Tagung wie heute (21.4.1995) wiederholen!

- mehr Öffentlichkeitsarbeit!

- als ,,Arbeiter" für Menschen mit Behinderungen erlebe ich und bekomme in der Beratung fast wöchentlich zu wissen, wie die Angehörigen zeitlebens mit benachteiligt und diskriminiert werden

- weniger Bürokratie - Zugehen auf Betreuer und ihnen damit die Arbeit erleichtern

- Deutsches Sozialwerk e.V (zur Zeit in der KISS): ein eigenes, bezahlbares Büro, der Kontakt zwischen den verschiedenen Gruppen sollte kontinuierlich sein

- Abbau von Bürokratie und Dienstwegen

Wenn ich Stadträtin wäre, würde ich für Behinderte folgendes durchsetzen:

- daß die Behinderten auch ihre Meinung sagen dürfen

- daß die Rechte der Behinderten auch akzeptiert werden

- bessere bauliche Maßnahmen in Straßen und öffentliche Einrichtungen für Geh behinderte, die nicht Rollstuhlfahrer sind

- mehr Erleichterungen für Gehörlose, die ohne einen Gebärdendolmetscher keine Chance haben, sich verständlich zu machen

- größere Erleichterungen für Behinderte, die es schwer haben, behindertengerechte Wohnungen zu erhalten

- die Gleichstellung

- Maßnahmen gegen Diskriminierung

- Pflegeversicherung, die die Behinderten absichert

- Arbeitsbeschaffung

- abgeflachte Bordkanten

- Autoproblem, insbesondere für behinderte Frauen

- Nachteilsausgleich für Gehörlose

- daß Vergewaltigungen an Behinderten härter bestraft werden

- Einflußnahme auf Stadträte und Mitarbeiter der Stadtverwaltung, daß in allen Beschlüssen, Festlegungen, Verträgen und Vereinbarungen die Erfordernisse behinderter Menschen Berücksichtigung finden und Barrierenfreiheit in allen Lebensbereichen durchgesetzt wird

- öfter Treffen dieser Art wie heute (21.4.1995) veranstalten

- daß Mitarbeiter; die mit Behinderten arbeiten, sachkundiger sind und sich mehr Wissen zu den einzelnen Behinderungen aneignen

- Schulungen in der Gebärdensprache

- weniger Bürokratie bei Antragstellungen, z. B. jährlich wiederkehrenden Antragstellungen

- höhere Sanktionen (z. B. 5 000,- DM Geldstrafe statt 200,- DM für jeden nichtbesetzten Behindertenarbeitsplatz [6 %] lt. Beschäftigungsquote für Schwerbehinderte)

- Durchsetzen des Kündigungsschutzes für schwerbehinderte Arbeitnehmer (außer bei grober; selbstverschuldeter Arbeitspflichtverletzung)

- mehr Parkplätze für Behinderte (nicht nur für Rollstuhlfahrer), sondern auch für Schwerbehinderte mit Grad B von50%

- Abschaffung der Zuzahlung zu Heil- und Rehabilitationsmaßnahmen für chronisch kranke Menschen

- eine Teilnahme an einer Sitzung der Stadtverwaltung würde ich begrüßen

- daß u. a. im öffentlichen Dienst 6 % der Arbeitsplätze den Behinderten vorbehalten bleiben, das Rathaus sollte Vorbild sein

- mehr Behindertenparkplätze direkt vor öffentlichen Gebäuden (z. B. vor dem Rathaus)

Wo ist im Rathaus ein Geländer am Haupteingang?

- zuverlässige Kontrolle und Sicherung der Freihaltung der Behindertenparkplätze (durch das Ordnungsamt)

- einen Behindertenausgleich (gestaffelt nach dem Grad der Behinderung) sollte auch das Land Sachsen zahlen (nicht nur den Blinden + Tauben)

- daß auch Menschen Stadträte werden, die selbst unter solchen Benachteiligungen leben bzw. leiden wie wir und etwas verändern wollen und können

- staatliche Einrichtungen sollten den Behinderten zeigen, wie sie zu Rechten kommen und ihnen dabei helfen, statt zu warten; bis Behinderte Ansprüche stellen

- daß im Arbeitsamt - Rehabilitationsabteilung, Behinderte die Beratungen durchführen

- Begegnungsstätte schaffen

- schrittweise Erfassung der Behinderten

- Kontaktaufnahme zu den verschiedenen Gruppen

- Erkennen der verschiedenen Probleme und dann deren Lösung unterstützen, lieber mit wenigen Punkten die Arbeit beginnen und dann intensiv und kontrollierend daran bleiben

- daß die Integration von Behinderten/Nichtbehinderten so früh wie möglich begonnen wird (theoretisch und praktisch)

- Einführung einer Grundrente

- generelle Barrierenfreiheit

- Niederflurstraßenbahnen, -busse


Stadtverwaltung Dresden

Gleichstellungsstelle/Frauenbüro

PF 120020

01001 Dresden

Dresden, den 21.4.1995

Dresdner Frauen mit Behinderung - Ihre Meinung ist gefragt!

1. Ich bin behindert:

JA O NEIN O *)

a.) Das würde mein Leben erleichtern:

b.) Ich arbeite für Behinderte:

JA O NElN O *)

Das würde meine Arbeit verbessern:

2. Wenn ich Stadträtin wäre, würde ich für Behinderte folgendes durchsetzen:


*) Zutreffendes bitte ankreuzen