Ergebnisse und Empfehlungen

1. Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse

Im Folgenden sind die wesentlichen Ergebnisse dieser Studie in einzelnen Punkten zusammengefaßt:


2. Charakterisierung der Gruppen

Angesichts der Antworten, die die Frauen zu den verschiedenen Lebensbereichen gaben, lassen sich bestimmte typische Lebenssituationen herausarbeiten:

Einige Frauen erleben kaum Einschränkungen durch die Behinderung, sie sind tatsächlich nur in Randbereichen eingeschränkt ("kann keinen Hochleistungssport treiben") oder sie empfinden die Einschränkungen als marginal. Einige unter ihnen leben relativ unbeschwert ihr Leben, einige verdrängen die Behinderung bzw. haben wenig Interesse an Kontakt zu anderen Behinderten. Dabei handelt es sich um ein knappes Drittel der befragten Frauen (ein Indiz ist ein Grad der Behinderung von 50% - das wären 26,5% der Frauen; allerdings fühlen sich manche Frauen mit 50% GdB durchaus eingeschränkt, während andere mit höherem GdB eher zu dieser Gruppe zu rechnen sind - so hat eine Frau zwar 50% GdB, aber Rheuma und häufige Schmerzen).

Bei anderen ist dieser Anschein äußerlich, denn sie verstecken ihre Einschränkungen und leben in ständiger Angst, diese Handicaps könnten entdeckt werden. Ein typisches Beispiel ist Inkontinenz - es ist ein Tabu, wenn eine junge Frau Windeln trägt. Aus dieser Angst leben solche Frauen distanziert oder völlig zurückgezogen, auf jeden Fall meiden sie allzu engen Kontakt - und zwar sowohl zu Nichtbehinderten wie auch zu anderen Behinderten in einer ähnlichen Situation. Offener oder gar offensiver Umgang mit ihrer Behinderung bzw. mit den Reaktionen der Gesellschaft auf ihre Eigenschaften ist für sie undenkbar. Gelegentlich haben sie auch mehr oder weniger begründete Angst, daß ihre Umwelt mit sporadisch auftretenden Problemen nicht umgehen kann (z.B. Diabetikerinnen), oder sie sind es leid, immer wieder auf ihr Merkmal angesprochen zu werden (Dialysepatientinnen, die ihren 'Shuntarm' unter langärmliger Kleidung verstecken). Aber auch die Angst vor einer spontanen und nicht vorhersehbaren Veränderung der Behinderung gehört hierher; am deutlichsten wird dies bei Frauen mit Multipler Sklerose (MS), die täglich einen Schub bekommen können. Diese Gruppe läßt sich nur schwer in unserem Sample quantifizieren, zu ihr gehören etwa ein Viertel des Samples.

Es gibt aber auch eine Gruppe von Frauen, die derzeit ein erfülltes und manchmal geradezu richtig gehend spannendes Leben führen, bei denen aber damit zu rechnen ist, daß die Beeinträchtigungen durch sog. Zweiterkrankungen (vgl. hierzu Kap. 6) zunehmen werden, unter Umständen sogar dramatisch. Für diese Lebensumstände gibt es bisher überhaupt keine adäquaten Strukturen - weder von Seiten der Medizin, noch von Seiten der Pflegedienste noch im Bereich von Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen. Auch bei vorsichtiger Interpretation betrifft dies ein Drittel der befragten Frauen.

Eine ganz andere Entwicklung zeigen Frauen, die schon als Kind bzw. von Geburt an behindert sind - durch lange Krankenhausaufenthalte, Überbehütungstendenzen ihrer Eltern und andere Faktoren kann sich bei ihnen Schul- und Berufsbildung und damit auch eine mögliche finanzielle Autonomie verzögern. Aufgrund dieses Phänomens hatten die AutorInnen auch die Altersgrenzen für diese Untersuchung weiter gezogen als bei der üblichen Definition von 'Adoleszenzphase'.

Andererseits gibt es Frauen, die ohne Behinderung aufgewachsen sind, dann aber (durch Unfall oder Ausbruch einer chronischen Krankheit) eine Behinderung erfuhren und dadurch in ihrer Entwicklung zurückgeworfen wurden. Kommt dann Hilfe- oder Pflegeabhängigkeit hinzu, so ist die Gefahr groß, wieder zurückgeworfen zu werden auf die Rolle der Tochter. Diese Gefahr wird größer, als es offensichtlich in viel zu geringem Umfang Pflegedienste gibt, die ein wirklich selbständiges Leben unabhängig von den Eltern ermöglichen könnten.

Besonders wichtig ist uns, auf die Gruppe der behinderten ausländischen Frauen hinzuweisen. Sie erhalten schwerer Unterstützung, da sprachliche Barrieren den Umgang mit Behörden erschweren, ebenso wie den Zugang zu Selbsthilfegruppen. Die mehrfach verschärften Bestimmungen des Ausländer-Rechts führen zu weiteren Einschränkungen, Komplikationen und Ängsten. Hinzu kommt, daß diese Frauen vielfach größere ökonomische Probleme haben und der Wohnungsmarkt nicht auf ihre manchmal umfangreichen Familienzusammenhänge (mit Partner, Eltern und Kindern bis zu 8 Personen) eingestellt ist - in der Regel sind 5 - 6 Zimmer-Wohnungen im sozialen Wohnungsbau sehr selten, und die Schwierigkeiten werden eher noch größer, wenn diese Wohnung auch noch behindertenfreundlich sein muß. Andererseits ist dieser enge Familienzusammenhang auch existentiell notwendig, da allgemeine Unterstützungs- und Pflegestrukturen ausländische behinderte Frauen noch weniger berücksichtigen als deutsche behinderte Frauen. Wir hatten zwar nicht ausdrücklich nach der Nationalität gefragt, doch zeigen die Antworten, daß mindestens 5% der Frauen im Zusammenhang mit ihrer Nationalität, Sprache oder Kultur ernsthafte Schwierigkeiten haben.

Die Situation von Frauen im Rollstuhl ist vielleicht am häufigsten bisher in der Literatur geschildert worden, das hat aber nicht dazu geführt, daß die Probleme viel geringer geworden oder gar beseitigt worden sind. Vielfach haben Rollstuhlfahrerinnen durchaus die Möglichkeit, allein zu leben, doch hierzu müssen vielerlei Hindernisse und Barrieren beseitigt werden, und zwar in allen Lebensbereichen: in der eigenen Wohnung, bei den Verkehrsmitteln, öffentlichen Gebäuden und an Arbeitsstellen. Dies ist zwar allgemein bekannt, aber noch längst nicht in ausreichendem Maß umgesetzt. In unserem Sample haben knapp 12% der Frauen angegeben, daß sie im Schwerbehindertenausweis das Merkmal "aG" haben, das dürfte der Zahl der Rollstuhlfahrerinnen unter den befragten jungen Frauen in Wiesbaden entsprechen.

Antworten von geistig behinderten Frauen liegen erfreulicherweise ebenfalls vor. Die Befürchtungen einiger Frauen, diese Untersuchung sei wie viele andere zu sehr auf körperbehinderte Frauen ausgerichtet, trat insofern nicht ein. Allerdings ist festzuhalten, daß die geistig behinderten Frauen, die geantwortet haben (bzw. für die der Fragebogen von Angehörigen ausgefüllt wurde), entweder bei den Eltern oder in einer Einrichtung leben. Wir haben allerdings auch nicht erwartet, daß geistig behinderte Frauen genauso oft in einer eigenen Wohnung (allein oder mit Partner) leben wie körper- oder sinnesbehinderte Frauen. In Kombination mit dem Problem, angemessene Arbeit zu finden, statt automatisch am Ende der Schulzeit in die Werkstatt für Behinderte wechseln zu müssen, sehen wir hier die größten Schwierigkeiten geistig behinderter Frauen.

Zwar sind nur 14 Prozent von den 162, die geantwortet haben, geistig behindert, doch zeigte der Vergleich mit der Gesamtheit der angeschriebenen Frauen, daß diese Gruppe wesentlich größer ist und tatsächlich 40% der behinderten jungen Frauen ausmacht.

Schließlich haben wir die Selbsteinschätzung der Frauen verglichen mit ihren Angaben zu den anderen Fragen. Einige Frauen fielen auf durch eine sehr selbstbewußte Art, wie sie mit ihrer Umwelt umgehen und wie sie ihre Wünsche und Möglichkeiten formulieren. Rund ein Viertel der Frauen haben in diesem Sinne ein sehr gutes Selbstvertrauen. Allerdings ist es nicht möglich, eindeutige Zusammenhänge zu objektiven Kriterien zu finden - es gibt eben gerade keinen direkten Zusammenhang zwischen derartigem Selbstvertrauen und dem Behinderungsgrad, dem Einkommen oder ähnlichen Faktoren.

Unauffällig und von durchschnittlichem Selbstvertrauen sind etwas mehr als 40% der Frauen. Bei rund einem Drittel ist festzuhalten, daß sie nur ein geringes Selbstvertrauen besitzen. Sie haben große Schwierigkeiten, auf andere Menschen zuzugehen, sich selbst zu akzeptieren oder Aktivitäten zu entwickeln. Diese Gruppe ist auch auffallend selten organisiert (weder in Frauen- noch in Behindertengruppen), und auch bei den äußeren Lebensumständen (eigene Wohnung, Einkommen) sind sie schlechter gestellt.

3. Maßnahmen für die Kommune

Die Befragung wurde darauf angelegt, Informationen über die persönliche Situation der Frauen zu bestimmten Lebensbereichen zu erhalten. Angesichts des kommunalen Rahmens liegt bei den Forderungen und Konsequenzen der Schwerpunkt ebenfalls auf den kommunalen Möglichkeiten. Viele Rahmenbedingungen - insbesondere was materielle Lebensbedingungen (soziale Leistungsgesetze wie Sozialhilfe, Pflegeversicherung und Arbeitsförderung) angeht, werden auf Bundesebene festgelegt und müßten dort verbessert werden.

Wohnsituation

Hier zeigten sich in unerwarteter Schärfe Defizite. Insbesondere beim Wohnraum wurde von vielen Frauen kritisiert, daß es zu wenig Wohnungen in Wiesbaden gibt, die wenigstens behindertenfreundlich sind, verkehrstechnisch gut genug erschlossen und nicht zuletzt auch bezahlbar sind. Die Antworten zur Ausstattung der derzeitigen Wohnung und zu den Anforderungen an eine angemessene Wohnung zeigen deutlich, daß es selten um eine standardisierte 'behindertengerechte' Wohnung geht, vielmehr muß die Wohnung behindertenfreundlich sein und die Möglichkeit bieten, sie der jeweiligen Bewohnerin und ihren Bedürfnissen anzupassen. Mindestens genauso wichtig wie die Bedingungen innerhalb der Wohnung ist das Wohnumfeld und ihre verkehrstechnische Lage: Was nützt eine vollkommen DIN-gerechte Wohnung, wenn sie in einer Neubausiedlung weit draußen ohne Infrastruktur liegt, wo nur einmal pro Stunde ein Bus fährt?

Erfahrungen andernorts (z.B. in Frankfurt am Main) zeigen, daß das Potential behindertenfreundlicher Wohnungen größer ist als die Statistiken ausweisen; es gibt immer wieder Wohnungen, die nicht entsprechend ausgewiesen sind, aber doch (spätestens nach wenigen Umbauten) behindertenfreundlich sind. Dieses Potential zu erkennen und zu nutzen könnte eine deutliche Entspannung bewirken, wenn auch in Wiesbaden aus dem vorhandenen Bestand an Sozialwohnungen weitere behindertenfreundliche Wohnungen erschlossen werden können. Die konkreten Wünsche der befragten Frauen zeigen, daß es sehr unterschiedliche Anforderungen an eine angepaßte Wohnung gibt, die in vielen Fällen individuell berücksichtigt werden können und müssen.

Sehr unbefriedigend ist die Situation der Frauen, die geistige Behinderungen haben. In der Regel leben und wohnen sie so lange wie möglich bei den Eltern. Wenn sie nicht mehr bei den Eltern leben wollen / können, gilt offensichtlich der Automatismus: Unterbringung in einem entsprechenden Wohnheim und Beschäftigung in einer Werkstatt für Behinderte. Es gibt zwar zaghafte Ansätze unter dem Titel "Betreutes Wohnen" und einzelne Projekte zur Öffnung der WfBs in den allgemeinen Arbeitsmarkt, die unter dem Stichwort Arbeitssituation aufgegriffen werden.

Arbeitssituation

Hier fällt auf, daß sich einerseits in der Gruppe der Befragten einige hoch qualifizierte und finanziell gut gestellte Frauen befinden, es aber andererseits große Probleme für behinderte Frauen gibt, eine angemessene Arbeit zu finden, selbst in einer Stadt wie Wiesbaden mit einem großen Verwaltungs- und Dienstleistungssektor. Auffallend ist auch der Anteil der sehr schlecht bezahlten Frauen.

Die Kommune selbst hat auf die allgemeine Arbeitsmarktsituation wenig Einfluß, denkbar sind aber Förderungs- und Vermittlungsinitiativen in Kooperation mit Arbeitsverwaltung und den Medien, beispielsweise spezielle Radiosendungen, die Menschen mit Behinderung vorstellen und geeignete Arbeitsplätze suchen helfen.

Immerhin sind gerade Beschäftigungsprogramme für junge Menschen angelaufen, um Jugendarbeitslosigkeit und Sozialhilfebezug zu vermeiden. Derartige Programme bieten durchaus Chancen, gerade auch für junge Frauen mit Behinderungen adäquate Arbeit zu finden. Allerdings muß dies bei der Konstruktion solcher Programme auch berücksichtigt und konzeptionell eingebaut werden, daß ganz selbstverständlich auch (schwer)behinderte Arbeitssuchende auf diesem Weg eine adäquate Arbeit bekommen.

Auch für geistig behinderte Frauen würden wir uns eine Integration in solche Programme wünschen (ggf. mit flankierender Unterstützung). Ansätze dazu zeigen Initiativen mit sog. Integrationsfachdiensten, wie sie zur Vermeidung von Unterbringung in der Werkstatt für Behinderte praktiziert werden. Beispiele für solche Initiativen sind u.a. das Projekt Berufliche Integration von Menschen mit Behinderungen (PBI) in Hessen, 'Hamburger Arbeitsassistenz' oder 'Eingliederungsinitiativen Donaueschingen / Pforzheim'.

Nur so kann die Selbstverständlichkeit, mit der insbesondere. geistig behinderte Frauen in der Werkstatt für Behinderte (WfB) beschäftigt werden, durchbrochen werden. In der WfB haben sie nur Beschäftigtenstatus, keinen Arbeitnehmerstatus - mit allen Konsequenzen: Sie haben keinen Arbeitsvertrag, keinen vertraglich fixierten Lohn, keine Mitbestimmung.

Mobilität

Ein Teil der behinderten Frauen verfügt über einen eigenen Pkw und nutzt diesen intensiv. Ein größerer Teil in der befragten Gruppe hat jedoch kein eigenes Fahrzeug, so daß sie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. Das bestätigt die Tendenz, daß behinderte Männer häufiger über ein eigenes Fahrzeug verfügen können als Frauen.

Derzeit setzt Wiesbaden im öffentlichen Nahverkehr ausschließlich Busse ein. Ein Teil dieser Busse ist bereits als Niederflur-Fahrzeuge ausgelegt, doch zeigen die Antworten vieler Frauen, daß durch den Einsatz von Niederflurbussen noch längst nicht alle Probleme beseitigt sind. Vielmehr sind für Rollstuhlfahrerinnen fahrzeuggebundene Einstiegshilfen (Hublift oder Rampe) erforderlich, stark sehbehinderte und blinde Frauen sind auf akustische Hinweise angewiesen, während schwerhörige und gehörlose Frauen schriftliche Informationen benötigen. Dies bezieht sich auf regelmäßige Haltestellen-Informationen, aber fast noch wichtiger sind die Informationen über Änderungen, Betriebsstörungen etc.

Neben dem noch nicht ausreichend behindertengerechten öffentlichen Nahverkehr ist auf nicht absehbare Zeit auch ein Sonder- Fahrdienst notwendig, der in Wiesbaden sehr restriktive Bedingungen hat. Es ist nicht einsehbar, daß lediglich 10 Fahrten pro Monat und das auch noch einkommensabhängig 'gewährt' werden, zumal es bei Einführung dieses Fahrdienstes in Wiesbaden wesentlich günstigere Bedingungen gegeben hat.

Hilfe und Pflege

Für hilfe- und pflegeabhängige Frauen gibt es neben Familie und stationärer Unterbringung nur unzureichende Pflegedienste bzw. bezahlte Pflegekräfte. Sie reichen vom Umfang bei weitem nicht aus, und es ist eher die Ausnahme, daß bei hilfeabhängigen Frauen weibliche Pflegekräfte eingesetzt werden. Dies stand auch bei den Wünschen nach qualitativen Verbesserungen an erster Stelle. Wenn nur eine einzige Frau unter den Befragten allein lebt und Hilfe ausschließlich von einem Pflegedienst erhält, so stellt sich die bange Frage, wie es anderen Frauen ergehen mag, die in größerem Umfang auf Hilfe angewiesen sind und diese ggf. schnell erhalten müssen.

Neben den qualitativen und quantitativen Defiziten auf Seiten der verfügbaren Pflegekräfte äußerten die Frauen bemerkenswert oft Kritik an den Reaktionen der zuständigen Stellen (v. a. Sozialamt) auf den Wunsch nach Hilfestellungen. Wenn Pflegedienste nur die Qualität 'familienentlastender' Dienste haben und Kostenträger derart zurückhaltend bei der Finanzierung von Hilfe sind, so sind dies Indizien für eine Haltung, relativ früh aus reinen Kostenüberlegungen eine Heimunterbringung einzukalkulieren. Unter dem Gesichtspunkt, daß Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen wollen, ist eine solche Haltung nicht zu akzeptieren. Da gerade stärker eingeschränkte Frauen manchmal selbst unsicher sind und sich ein selbstbestimmtes Leben mit Pflegekräften schwer vorstellen können, ist zu diesem Bereich offensive Aufklärungsarbeit und Information, aber auch ein Überdenken städtischer Sozialpolitik dingend angeraten.

Interessenvertretung

Der Bereich der Behindertenverbände, Initiativen und Selbsthilfegruppen ist in geringem Maß bekannt. Viele Frauen haben mehr oder weniger konkrete Interessen, doch entweder finden sie keinen Zugang zu den Gruppen, es fehlt ihnen die Information, oder sie haben nach einem Versuch frustriert aufgegeben.

Hier bietet es sich an, entsprechende Informationen gebündelt anzubieten, sei es in Form von Broschüren, entsprechenden Darstellungen in Medien o.ä. Derartige Informationen haben erfahrungsgemäß eine größere Reichweite als punktuelle Veranstaltungen wie 'Selbsthilfetage' - dorthin kommen eher diejenigen, die schon relativ genaue Vorstellungen haben (Unterschied zwischen Komm- und Bring-Struktur).

Gute Erfahrungen gibt es auch mit Kontakt- und Informationsstellen für Selbsthilfegruppen, die einen möglichst umfassenden Überblick über bestehende Gruppen und Vereine haben, aber auch ggf. neue Gruppen initiieren können.

Gerade angesichts der manchmal massiven Unsicherheiten und Probleme gegenüber Behörden sind unabhängige Beratung und Informationsmaterial, das die örtlichen Bedingungen berücksichtigt, notwendig. Auch in Bezug auf materielle Fragen können Informationsbroschüren und Leitfäden, unabhängige Beratung und offene Treffpunkte bzw. Selbsthilfegruppen hilfreich sein.

Frauenprojekte

Die Distanz behinderter Frauen zu Frauenprojekten ist eher noch größer als zu Behindertenvereinen und -initiativen. Zum einen zeigen entsprechende Untersuchungen, daß bestehende Frauenprojekte baulich selten zugänglich sind. Hier ist vordringlich zu prüfen, ob nicht einerseits die Förderung von Frauenprojekten so gestaltet werden muß, daß die Zugänglichkeit für behinderte Frauen gewährleistet wird. Andererseits ist dann auch die Finanzierung an die Bedingung zu knüpfen, daß öffentlich geförderte Frauenprojekte zugänglich sein müssen. Entsprechende Literatur gibt es in hinreichender Menge, und einschlägige Vorschriften (DIN-Normen, Hessische Bauordnung) sehen die Zugänglichkeit von Einrichtungen mit Publikumsverkehr längst vor.

Doch mit der baulichen Zugänglichkeit ist das Problem nicht gelöst, die wechselseitige Distanz bzw. Berührungsangst zwischen aktiven Projektfrauen und Frauen mit Behinderung ist damit nicht aufgehoben. Was viele Frauen in ihren Wünschen formulieren, nämlich die Aufklärung von Nichtbehinderten, bleibt eine Aufgabe insbesondere auch in Frauenzusammenhängen.

Andererseits muß respektiert werden, daß behinderte Frauen genauso unterschiedliche Einstellungen haben wie nichtbehinderte Frauen. Manche haben sich gegenüber Frauengruppen und -projekten sehr skeptisch geäußert. Die von vielen Frauen gewünschten Gruppen speziell für behinderte

Frauen sollten also nicht unbedingt in bestehenden Frauenprojekten angesiedelt werden.

Selbstbewußtsein

Viele Anworten der Frauen zeigen, daß neben materiellen und organisatorischen Bedingungen auch subjektive Faktoren bedeutenden Einfluß auf die Lebensqualität haben. Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein helfen, Schwierigkeiten zu meistern, während Angst vielfach hemmt oder gar ganz scheitern läßt.

Es gibt inzwischen vielfach Selbstverteidigungskurse, die neben der praktischen Ebene von Techniken auch das Selbstbewußtsein stärken. Darüber hinaus wünschen sich viele der jungen Frauen, selbstbewußter und schlagfertiger zu sein, um dem Unverständnis und den Kränkungen, die sie im Kontakt mit fremden Menschen häufig erleben, etwas entgegensetzen zu können.

Freizeit

Um Veranstaltungen zu besuchen oder auch nur einen Bummel in der Stadt zu unternehmen, sind viele Frauen mit Behinderung auf Begleitung angewiesen. Analog den 'Mitfahrzentralen' könnte hier eine 'Aktivitätenbörse' hilfreich sein. Interessentinnen (für die Begleitung) und die unternehmungslustigen Frauen mit Behinderung sind auf diese Weise zusammenzubringen. Es läßt sich vorstellen, daß damit auch eine Abstimmung unter behinderten Frauen erleichtert wird, gemeinsam und zusammen mit Nichtbehinderten Aktivitäten zu planen und zu organisieren.

Viele Antworten der Wiesbadener Frauen lassen den Schluß zu, daß grundsätzlich das Bild der "doppelten Diskriminierung" sinnvoll und notwendig ist. Sie zeigen sehr deutlich, daß auf der konkreten Ebene - im Alltag - viele Frauen allein dastehen bzw. sich allein fühlen. Selbsthilfe und gegenseitige Unterstützung in dieser Hinsicht sind bestenfalls ansatzweise vorhanden. Je weniger behinderte Frauen in der Adoleszenz-Phase Kontakt zu gleichaltrigen Peer-Gruppen herstellen können, desto schwerer fällt ihnen auch später der Aufbau sozialer Kontakte. Es gibt bei manchen Frauen zwar ein erfreulich stabiles privates, nicht-öffentliches soziales Umfeld. Doch wenn eine Verschlechterung der gesundheitlichen Situation eintritt oder sonst etwas Unvorhergesehenes passiert, das auf dieser Ebene nicht aufgefangen werden kann, dann wissen sie nicht, wo sie Hilfe und Unterstützung finden können. Der Schritt, aus solchen Gründen in eine Behinderten- oder Frauengruppe zu gehen, erscheint vielen zu groß. Zwischen diesem privaten Umfeld und den Strukturen der Behinderten- und Frauengruppen klafft eine Lücke, die Anstoß für die Kommunalpolitik sein könnte, über 'niedrigschwellige' Beratungs- und Informationsangebote für diese Zielgruppe nachzudenken.