Ergebnisse und Empfehlungen
1. Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
Im Folgenden sind die wesentlichen Ergebnisse
dieser Studie in einzelnen Punkten zusammengefaßt:
2. Charakterisierung der Gruppen
Angesichts der Antworten, die die Frauen zu
den verschiedenen Lebensbereichen gaben, lassen sich bestimmte
typische Lebenssituationen herausarbeiten:
Einige Frauen erleben kaum Einschränkungen
durch die Behinderung, sie sind tatsächlich nur in Randbereichen
eingeschränkt ("kann keinen Hochleistungssport treiben")
oder sie empfinden die Einschränkungen als marginal. Einige
unter ihnen leben relativ unbeschwert ihr Leben, einige verdrängen
die Behinderung bzw. haben wenig Interesse an Kontakt zu anderen
Behinderten. Dabei handelt es sich um ein knappes Drittel der
befragten Frauen (ein Indiz ist ein Grad der Behinderung von 50%
- das wären 26,5% der Frauen; allerdings fühlen sich
manche Frauen mit 50% GdB durchaus eingeschränkt, während
andere mit höherem GdB eher zu dieser Gruppe zu rechnen sind
- so hat eine Frau zwar 50% GdB, aber Rheuma und häufige
Schmerzen).
Bei anderen ist dieser Anschein äußerlich,
denn sie verstecken ihre Einschränkungen und leben in ständiger
Angst, diese Handicaps könnten entdeckt werden. Ein typisches
Beispiel ist Inkontinenz - es ist ein Tabu, wenn eine junge Frau
Windeln trägt. Aus dieser Angst leben solche Frauen distanziert
oder völlig zurückgezogen, auf jeden Fall meiden sie
allzu engen Kontakt - und zwar sowohl zu Nichtbehinderten wie
auch zu anderen Behinderten in einer ähnlichen Situation.
Offener oder gar offensiver Umgang mit ihrer Behinderung bzw.
mit den Reaktionen der Gesellschaft auf ihre Eigenschaften ist
für sie undenkbar. Gelegentlich haben sie auch mehr oder
weniger begründete Angst, daß ihre Umwelt mit sporadisch
auftretenden Problemen nicht umgehen kann (z.B. Diabetikerinnen),
oder sie sind es leid, immer wieder auf ihr Merkmal angesprochen
zu werden (Dialysepatientinnen, die ihren 'Shuntarm' unter langärmliger
Kleidung verstecken). Aber auch die Angst vor einer spontanen
und nicht vorhersehbaren Veränderung der Behinderung gehört
hierher; am deutlichsten wird dies bei Frauen mit Multipler Sklerose
(MS), die täglich einen Schub bekommen können. Diese
Gruppe läßt sich nur schwer in unserem Sample quantifizieren,
zu ihr gehören etwa ein Viertel des Samples.
Es gibt aber auch eine Gruppe von Frauen, die
derzeit ein erfülltes und manchmal geradezu richtig gehend
spannendes Leben führen, bei denen aber damit zu rechnen
ist, daß die Beeinträchtigungen durch sog. Zweiterkrankungen
(vgl. hierzu Kap. 6) zunehmen werden, unter Umständen sogar
dramatisch. Für diese Lebensumstände gibt es bisher
überhaupt keine adäquaten Strukturen - weder von Seiten
der Medizin, noch von Seiten der Pflegedienste noch im Bereich
von Selbsthilfegruppen oder Beratungsstellen. Auch bei vorsichtiger
Interpretation betrifft dies ein Drittel der befragten Frauen.
Eine ganz andere Entwicklung zeigen Frauen,
die schon als Kind bzw. von Geburt an behindert sind - durch lange
Krankenhausaufenthalte, Überbehütungstendenzen ihrer
Eltern und andere Faktoren kann sich bei ihnen Schul- und Berufsbildung
und damit auch eine mögliche finanzielle Autonomie verzögern.
Aufgrund dieses Phänomens hatten die AutorInnen auch die
Altersgrenzen für diese Untersuchung weiter gezogen als bei
der üblichen Definition von 'Adoleszenzphase'.
Andererseits gibt es Frauen, die ohne Behinderung
aufgewachsen sind, dann aber (durch Unfall oder Ausbruch einer
chronischen Krankheit) eine Behinderung erfuhren und dadurch in
ihrer Entwicklung zurückgeworfen wurden. Kommt dann Hilfe-
oder Pflegeabhängigkeit hinzu, so ist die Gefahr groß,
wieder zurückgeworfen zu werden auf die Rolle der Tochter.
Diese Gefahr wird größer, als es offensichtlich in
viel zu geringem Umfang Pflegedienste gibt, die ein wirklich selbständiges
Leben unabhängig von den Eltern ermöglichen könnten.
Besonders wichtig ist uns, auf die Gruppe der
behinderten ausländischen Frauen hinzuweisen. Sie erhalten
schwerer Unterstützung, da sprachliche Barrieren den Umgang
mit Behörden erschweren, ebenso wie den Zugang zu Selbsthilfegruppen.
Die mehrfach verschärften Bestimmungen des Ausländer-Rechts
führen zu weiteren Einschränkungen, Komplikationen und
Ängsten. Hinzu kommt, daß diese Frauen vielfach größere
ökonomische Probleme haben und der Wohnungsmarkt nicht auf
ihre manchmal umfangreichen Familienzusammenhänge (mit Partner,
Eltern und Kindern bis zu 8 Personen) eingestellt ist - in der
Regel sind 5 - 6 Zimmer-Wohnungen im sozialen Wohnungsbau sehr
selten, und die Schwierigkeiten werden eher noch größer,
wenn diese Wohnung auch noch behindertenfreundlich sein muß.
Andererseits ist dieser enge Familienzusammenhang auch existentiell
notwendig, da allgemeine Unterstützungs- und Pflegestrukturen
ausländische behinderte Frauen noch weniger berücksichtigen
als deutsche behinderte Frauen. Wir hatten zwar nicht ausdrücklich
nach der Nationalität gefragt, doch zeigen die Antworten,
daß mindestens 5% der Frauen im Zusammenhang mit ihrer Nationalität,
Sprache oder Kultur ernsthafte Schwierigkeiten haben.
Die Situation von Frauen im Rollstuhl ist vielleicht
am häufigsten bisher in der Literatur geschildert worden,
das hat aber nicht dazu geführt, daß die Probleme viel
geringer geworden oder gar beseitigt worden sind. Vielfach haben
Rollstuhlfahrerinnen durchaus die Möglichkeit, allein zu
leben, doch hierzu müssen vielerlei Hindernisse und Barrieren
beseitigt werden, und zwar in allen Lebensbereichen: in der eigenen
Wohnung, bei den Verkehrsmitteln, öffentlichen Gebäuden
und an Arbeitsstellen. Dies ist zwar allgemein bekannt, aber noch
längst nicht in ausreichendem Maß umgesetzt. In unserem
Sample haben knapp 12% der Frauen angegeben, daß sie im
Schwerbehindertenausweis das Merkmal "aG" haben, das
dürfte der Zahl der Rollstuhlfahrerinnen unter den befragten
jungen Frauen in Wiesbaden entsprechen.
Antworten von geistig behinderten Frauen liegen
erfreulicherweise ebenfalls vor. Die Befürchtungen einiger
Frauen, diese Untersuchung sei wie viele andere zu sehr auf körperbehinderte
Frauen ausgerichtet, trat insofern nicht ein. Allerdings ist festzuhalten,
daß die geistig behinderten Frauen, die geantwortet haben
(bzw. für die der Fragebogen von Angehörigen ausgefüllt
wurde), entweder bei den Eltern oder in einer Einrichtung leben.
Wir haben allerdings auch nicht erwartet, daß geistig behinderte
Frauen genauso oft in einer eigenen Wohnung (allein oder mit Partner)
leben wie körper- oder sinnesbehinderte Frauen. In Kombination
mit dem Problem, angemessene Arbeit zu finden, statt automatisch
am Ende der Schulzeit in die Werkstatt für Behinderte wechseln
zu müssen, sehen wir hier die größten Schwierigkeiten
geistig behinderter Frauen.
Zwar sind nur 14 Prozent von den 162, die geantwortet
haben, geistig behindert, doch zeigte der Vergleich mit der Gesamtheit
der angeschriebenen Frauen, daß diese Gruppe wesentlich
größer ist und tatsächlich 40% der behinderten
jungen Frauen ausmacht.
Schließlich haben wir die Selbsteinschätzung
der Frauen verglichen mit ihren Angaben zu den anderen Fragen.
Einige Frauen fielen auf durch eine sehr selbstbewußte Art,
wie sie mit ihrer Umwelt umgehen und wie sie ihre Wünsche
und Möglichkeiten formulieren. Rund ein Viertel der Frauen
haben in diesem Sinne ein sehr gutes Selbstvertrauen. Allerdings
ist es nicht möglich, eindeutige Zusammenhänge zu objektiven
Kriterien zu finden - es gibt eben gerade keinen direkten Zusammenhang
zwischen derartigem Selbstvertrauen und dem Behinderungsgrad,
dem Einkommen oder ähnlichen Faktoren.
Unauffällig und von durchschnittlichem
Selbstvertrauen sind etwas mehr als 40% der Frauen. Bei rund einem
Drittel ist festzuhalten, daß sie nur ein geringes Selbstvertrauen
besitzen. Sie haben große Schwierigkeiten, auf andere Menschen
zuzugehen, sich selbst zu akzeptieren oder Aktivitäten zu
entwickeln. Diese Gruppe ist auch auffallend selten organisiert
(weder in Frauen- noch in Behindertengruppen), und auch bei den
äußeren Lebensumständen (eigene Wohnung, Einkommen)
sind sie schlechter gestellt.
3. Maßnahmen für die Kommune
Die Befragung wurde darauf angelegt, Informationen
über die persönliche Situation der Frauen zu bestimmten
Lebensbereichen zu erhalten. Angesichts des kommunalen Rahmens
liegt bei den Forderungen und Konsequenzen der Schwerpunkt ebenfalls
auf den kommunalen Möglichkeiten. Viele Rahmenbedingungen
- insbesondere was materielle Lebensbedingungen (soziale Leistungsgesetze
wie Sozialhilfe, Pflegeversicherung und Arbeitsförderung)
angeht, werden auf Bundesebene festgelegt und müßten
dort verbessert werden.
Wohnsituation
Hier zeigten sich in unerwarteter Schärfe
Defizite. Insbesondere beim Wohnraum wurde von vielen Frauen kritisiert,
daß es zu wenig Wohnungen in Wiesbaden gibt, die wenigstens
behindertenfreundlich sind, verkehrstechnisch gut genug erschlossen
und nicht zuletzt auch bezahlbar sind. Die Antworten zur Ausstattung
der derzeitigen Wohnung und zu den Anforderungen an eine angemessene
Wohnung zeigen deutlich, daß es selten um eine standardisierte
'behindertengerechte' Wohnung geht, vielmehr muß die Wohnung
behindertenfreundlich sein und die Möglichkeit bieten, sie
der jeweiligen Bewohnerin und ihren Bedürfnissen anzupassen.
Mindestens genauso wichtig wie die Bedingungen innerhalb der Wohnung
ist das Wohnumfeld und ihre verkehrstechnische Lage: Was nützt
eine vollkommen DIN-gerechte Wohnung, wenn sie in einer Neubausiedlung
weit draußen ohne Infrastruktur liegt, wo nur einmal pro
Stunde ein Bus fährt?
Erfahrungen andernorts (z.B. in Frankfurt am
Main) zeigen, daß das Potential behindertenfreundlicher
Wohnungen größer ist als die Statistiken ausweisen;
es gibt immer wieder Wohnungen, die nicht entsprechend ausgewiesen
sind, aber doch (spätestens nach wenigen Umbauten) behindertenfreundlich
sind. Dieses Potential zu erkennen und zu nutzen könnte eine
deutliche Entspannung bewirken, wenn auch in Wiesbaden aus dem
vorhandenen Bestand an Sozialwohnungen weitere behindertenfreundliche
Wohnungen erschlossen werden können. Die konkreten Wünsche
der befragten Frauen zeigen, daß es sehr unterschiedliche
Anforderungen an eine angepaßte Wohnung gibt, die in vielen
Fällen individuell berücksichtigt werden können
und müssen.
Sehr unbefriedigend ist die Situation der Frauen,
die geistige Behinderungen haben. In der Regel leben und wohnen
sie so lange wie möglich bei den Eltern. Wenn sie nicht mehr
bei den Eltern leben wollen / können, gilt offensichtlich
der Automatismus: Unterbringung in einem entsprechenden Wohnheim
und Beschäftigung in einer Werkstatt für Behinderte.
Es gibt zwar zaghafte Ansätze unter dem Titel "Betreutes
Wohnen" und einzelne Projekte zur Öffnung der WfBs in
den allgemeinen Arbeitsmarkt, die unter dem Stichwort Arbeitssituation
aufgegriffen werden.
Arbeitssituation
Hier fällt auf, daß sich einerseits
in der Gruppe der Befragten einige hoch qualifizierte und finanziell
gut gestellte Frauen befinden, es aber andererseits große
Probleme für behinderte Frauen gibt, eine angemessene Arbeit
zu finden, selbst in einer Stadt wie Wiesbaden mit einem großen
Verwaltungs- und Dienstleistungssektor. Auffallend ist auch der
Anteil der sehr schlecht bezahlten Frauen.
Die Kommune selbst hat auf die allgemeine Arbeitsmarktsituation
wenig Einfluß, denkbar sind aber Förderungs- und Vermittlungsinitiativen
in Kooperation mit Arbeitsverwaltung und den Medien, beispielsweise
spezielle Radiosendungen, die Menschen mit Behinderung vorstellen
und geeignete Arbeitsplätze suchen helfen.
Immerhin sind gerade Beschäftigungsprogramme
für junge Menschen angelaufen, um Jugendarbeitslosigkeit
und Sozialhilfebezug zu vermeiden. Derartige Programme bieten
durchaus Chancen, gerade auch für junge Frauen mit Behinderungen
adäquate Arbeit zu finden. Allerdings muß dies bei
der Konstruktion solcher Programme auch berücksichtigt und
konzeptionell eingebaut werden, daß ganz selbstverständlich
auch (schwer)behinderte Arbeitssuchende auf diesem Weg eine adäquate
Arbeit bekommen.
Auch für geistig behinderte Frauen würden
wir uns eine Integration in solche Programme wünschen (ggf.
mit flankierender Unterstützung). Ansätze dazu zeigen
Initiativen mit sog. Integrationsfachdiensten, wie sie zur Vermeidung
von Unterbringung in der Werkstatt für Behinderte praktiziert
werden. Beispiele für solche Initiativen sind u.a. das Projekt
Berufliche Integration von Menschen mit Behinderungen (PBI) in
Hessen, 'Hamburger Arbeitsassistenz' oder 'Eingliederungsinitiativen
Donaueschingen / Pforzheim'.
Nur so kann die Selbstverständlichkeit,
mit der insbesondere. geistig behinderte Frauen in der Werkstatt
für Behinderte (WfB) beschäftigt werden, durchbrochen
werden. In der WfB haben sie nur Beschäftigtenstatus, keinen
Arbeitnehmerstatus - mit allen Konsequenzen: Sie haben keinen
Arbeitsvertrag, keinen vertraglich fixierten Lohn, keine Mitbestimmung.
Ein Teil der behinderten Frauen verfügt
über einen eigenen Pkw und nutzt diesen intensiv. Ein größerer
Teil in der befragten Gruppe hat jedoch kein eigenes Fahrzeug,
so daß sie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen
sind. Das bestätigt die Tendenz, daß behinderte Männer
häufiger über ein eigenes Fahrzeug verfügen können
als Frauen.
Derzeit setzt Wiesbaden im öffentlichen
Nahverkehr ausschließlich Busse ein. Ein Teil dieser Busse
ist bereits als Niederflur-Fahrzeuge ausgelegt, doch zeigen die
Antworten vieler Frauen, daß durch den Einsatz von Niederflurbussen
noch längst nicht alle Probleme beseitigt sind. Vielmehr
sind für Rollstuhlfahrerinnen fahrzeuggebundene Einstiegshilfen
(Hublift oder Rampe) erforderlich, stark sehbehinderte und blinde
Frauen sind auf akustische Hinweise angewiesen, während schwerhörige
und gehörlose Frauen schriftliche Informationen benötigen.
Dies bezieht sich auf regelmäßige Haltestellen-Informationen,
aber fast noch wichtiger sind die Informationen über Änderungen,
Betriebsstörungen etc.
Neben dem noch nicht ausreichend behindertengerechten
öffentlichen Nahverkehr ist auf nicht absehbare Zeit auch
ein Sonder- Fahrdienst notwendig, der in Wiesbaden sehr restriktive
Bedingungen hat. Es ist nicht einsehbar, daß lediglich 10
Fahrten pro Monat und das auch noch einkommensabhängig 'gewährt'
werden, zumal es bei Einführung dieses Fahrdienstes in Wiesbaden
wesentlich günstigere Bedingungen gegeben hat.
Für hilfe- und pflegeabhängige Frauen
gibt es neben Familie und stationärer Unterbringung nur unzureichende
Pflegedienste bzw. bezahlte Pflegekräfte. Sie reichen vom
Umfang bei weitem nicht aus, und es ist eher die Ausnahme, daß
bei hilfeabhängigen Frauen weibliche Pflegekräfte eingesetzt
werden. Dies stand auch bei den Wünschen nach qualitativen
Verbesserungen an erster Stelle. Wenn nur eine einzige Frau unter
den Befragten allein lebt und Hilfe ausschließlich von einem
Pflegedienst erhält, so stellt sich die bange Frage, wie
es anderen Frauen ergehen mag, die in größerem Umfang
auf Hilfe angewiesen sind und diese ggf. schnell erhalten müssen.
Neben den qualitativen und quantitativen Defiziten
auf Seiten der verfügbaren Pflegekräfte äußerten
die Frauen bemerkenswert oft Kritik an den Reaktionen der zuständigen
Stellen (v. a. Sozialamt) auf den Wunsch nach Hilfestellungen.
Wenn Pflegedienste nur die Qualität 'familienentlastender'
Dienste haben und Kostenträger derart zurückhaltend
bei der Finanzierung von Hilfe sind, so sind dies Indizien für
eine Haltung, relativ früh aus reinen Kostenüberlegungen
eine Heimunterbringung einzukalkulieren. Unter dem Gesichtspunkt,
daß Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen wollen,
ist eine solche Haltung nicht zu akzeptieren. Da gerade stärker
eingeschränkte Frauen manchmal selbst unsicher sind und sich
ein selbstbestimmtes Leben mit Pflegekräften schwer vorstellen
können, ist zu diesem Bereich offensive Aufklärungsarbeit
und Information, aber auch ein Überdenken städtischer
Sozialpolitik dingend angeraten.
Der Bereich der Behindertenverbände, Initiativen
und Selbsthilfegruppen ist in geringem Maß bekannt. Viele
Frauen haben mehr oder weniger konkrete Interessen, doch entweder
finden sie keinen Zugang zu den Gruppen, es fehlt ihnen die Information,
oder sie haben nach einem Versuch frustriert aufgegeben.
Hier bietet es sich an, entsprechende Informationen
gebündelt anzubieten, sei es in Form von Broschüren,
entsprechenden Darstellungen in Medien o.ä. Derartige Informationen
haben erfahrungsgemäß eine größere Reichweite
als punktuelle Veranstaltungen wie 'Selbsthilfetage' - dorthin
kommen eher diejenigen, die schon relativ genaue Vorstellungen
haben (Unterschied zwischen Komm- und Bring-Struktur).
Gute Erfahrungen gibt es auch mit Kontakt-
und Informationsstellen für Selbsthilfegruppen, die einen
möglichst umfassenden Überblick über bestehende
Gruppen und Vereine haben, aber auch ggf. neue Gruppen initiieren
können.
Gerade angesichts der manchmal massiven Unsicherheiten
und Probleme gegenüber Behörden sind unabhängige
Beratung und Informationsmaterial, das die örtlichen Bedingungen
berücksichtigt, notwendig. Auch in Bezug auf materielle Fragen
können Informationsbroschüren und Leitfäden, unabhängige
Beratung und offene Treffpunkte bzw. Selbsthilfegruppen hilfreich
sein.
Die Distanz behinderter Frauen zu Frauenprojekten
ist eher noch größer als zu Behindertenvereinen und
-initiativen. Zum einen zeigen entsprechende Untersuchungen, daß
bestehende Frauenprojekte baulich selten zugänglich sind.
Hier ist vordringlich zu prüfen, ob nicht einerseits die
Förderung von Frauenprojekten so gestaltet werden muß,
daß die Zugänglichkeit für behinderte Frauen gewährleistet
wird. Andererseits ist dann auch die Finanzierung an die Bedingung
zu knüpfen, daß öffentlich geförderte Frauenprojekte
zugänglich sein müssen. Entsprechende Literatur gibt
es in hinreichender Menge, und einschlägige Vorschriften
(DIN-Normen, Hessische Bauordnung) sehen die Zugänglichkeit
von Einrichtungen mit Publikumsverkehr längst vor.
Doch mit der baulichen Zugänglichkeit
ist das Problem nicht gelöst, die wechselseitige Distanz
bzw. Berührungsangst zwischen aktiven Projektfrauen und Frauen
mit Behinderung ist damit nicht aufgehoben. Was viele Frauen in
ihren Wünschen formulieren, nämlich die Aufklärung
von Nichtbehinderten, bleibt eine Aufgabe insbesondere auch in
Frauenzusammenhängen.
Andererseits muß respektiert werden,
daß behinderte Frauen genauso unterschiedliche Einstellungen
haben wie nichtbehinderte Frauen. Manche haben sich gegenüber
Frauengruppen und -projekten sehr skeptisch geäußert.
Die von vielen Frauen gewünschten Gruppen speziell für
behinderte
Viele Anworten der Frauen zeigen, daß
neben materiellen und organisatorischen Bedingungen auch subjektive
Faktoren bedeutenden Einfluß auf die Lebensqualität
haben. Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein helfen,
Schwierigkeiten zu meistern, während Angst vielfach hemmt
oder gar ganz scheitern läßt.
Es gibt inzwischen vielfach Selbstverteidigungskurse,
die neben der praktischen Ebene von Techniken auch das Selbstbewußtsein
stärken. Darüber hinaus wünschen sich viele der
jungen Frauen, selbstbewußter und schlagfertiger zu sein,
um dem Unverständnis und den Kränkungen, die sie im
Kontakt mit fremden Menschen häufig erleben, etwas entgegensetzen
zu können.
Um Veranstaltungen zu besuchen oder auch nur
einen Bummel in der Stadt zu unternehmen, sind viele Frauen mit
Behinderung auf Begleitung angewiesen. Analog den 'Mitfahrzentralen'
könnte hier eine 'Aktivitätenbörse' hilfreich sein.
Interessentinnen (für die Begleitung) und die unternehmungslustigen
Frauen mit Behinderung sind auf diese Weise zusammenzubringen.
Es läßt sich vorstellen, daß damit auch eine
Abstimmung unter behinderten Frauen erleichtert wird, gemeinsam
und zusammen mit Nichtbehinderten Aktivitäten zu planen und
zu organisieren.
Viele Antworten der Wiesbadener Frauen lassen
den Schluß zu, daß grundsätzlich das Bild der
"doppelten Diskriminierung" sinnvoll und notwendig ist.
Sie zeigen sehr deutlich, daß auf der konkreten Ebene -
im Alltag - viele Frauen allein dastehen bzw. sich allein fühlen.
Selbsthilfe und gegenseitige Unterstützung in dieser Hinsicht
sind bestenfalls ansatzweise vorhanden. Je weniger behinderte
Frauen in der Adoleszenz-Phase Kontakt zu gleichaltrigen Peer-Gruppen
herstellen können, desto schwerer fällt ihnen auch später
der Aufbau sozialer Kontakte. Es gibt bei manchen Frauen zwar
ein erfreulich stabiles privates, nicht-öffentliches soziales
Umfeld. Doch wenn eine Verschlechterung der gesundheitlichen Situation
eintritt oder sonst etwas Unvorhergesehenes passiert, das auf
dieser Ebene nicht aufgefangen werden kann, dann wissen sie nicht,
wo sie Hilfe und Unterstützung finden können. Der Schritt,
aus solchen Gründen in eine Behinderten- oder Frauengruppe
zu gehen, erscheint vielen zu groß. Zwischen diesem privaten
Umfeld und den Strukturen der Behinderten- und Frauengruppen klafft
eine Lücke, die Anstoß für die Kommunalpolitik
sein könnte, über 'niedrigschwellige' Beratungs- und
Informationsangebote für diese Zielgruppe nachzudenken.
Mobilität
Hilfe und Pflege
Interessenvertretung
Frauenprojekte
Frauen sollten also nicht unbedingt in bestehenden Frauenprojekten
angesiedelt werden.
Selbstbewußtsein
Freizeit