Behinderte Frauen brauchen eine Lobby

Stadt will gegen Diskriminierung vorgehen

zel. AKK/WIESBADEN - Information, Beratung, Kampf der Diskriminierung: Das sind die drei Kernforderungen einer im Auftrag des städtischen Frauenreferats verfassten Studie zum Situation behinderter Frauen. Der Magistrat will jetzt einen erneuten Anlauf unternehmen, um die seit Jahrzehnten geführte Diskussion um die Benachteiligung Behinderter aufzugreifen und Abhilfe zu schaffen. Zwei Arbeitsgruppen sollen die Ergebnisse der Studie, die unter dem Titel ,,der etwas andere Alltag" veröffentlicht wurde, in konkretes Verwaltungshandeln umsetzen. Die Veffasserinnen der Ausarbeitung kommen zu erschreckenden Ergebnissen im Zeitalter der Aufklärung. Behinderte Frauen, so fasste Referentin Dagmar Stuckmann die Lage zusammen, müssten noch immer einen erbitterten Kampf führen, um selbstbestimmt und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben sowie an der Arbeitswelt teilnehmen zu können. Der Stadt komme eine wichtige Rolle als Moderatorin zu. Sie müsse zu einem Abbau der Informationsdefizite beitragen, die viele behinderte Frauen bei der Wahrnehmung ihrer Rechte beeinträchtigten.

Kritisch äußern sich die Verfasserinnen der Studie zum Verhältnis zwischen Ärzten und behinderten Frauen. Sie würden auf ihre Rolle als Patientinnen reduziert, im Vordergrund stunde die Krankheit, für den Menschen hätten die Mediziner kaum noch Zeit. Der Wunsch nach Kindern werde zwar wahrgenommen, Nicht-Behinderten würde jedoch zum Austragen und behinderte Frauen zum Schwangerschaftsabbruch geraten. Insgesamt seien die Beziehungen zu den Medizinern von positiven Elementen bestimmt.

Ebenso kritisch äußert sich die Studie zum Aspekt der Mobilität, die Grundvoraussetzung für eine Beteiligung behinderter Frauen am gesellschaftlichen Leben sei. Noch immer würden die Behinderten außerhalb ihrer eigenen vier Wände nicht nur ,,schief angeschaut", sondern häufig auch tätlich angegriffen. Manchmal müssten die Behinderten diskriminierende Bemerkungen wie ,,Was die uns schon wieder kostet" über sich ergehen lassen. Nicht ohne Grund weist die Studie in einer einführenden Darstellung daraufhin, dass schon das ,,nationalsozialistische Regime behinderte Menschen denunzierte und Betreuungskosten gegen die allgemeine Armut aufrechnete."

Mehrfachbehinderte, die nicht nur auf den Rollstuhl angewiesen sind, sondern auch schlecht hören und sehen sowie sich nur schlecht artikulieren könnten, seien ganz besonders hart betroffen. Oft töne ihnen auch in Amtsstuben ein unfreundliches ,,Nun reicht es aber" entgegen, wenn sie drei Mal hintereinander nachfragen müssten, weil sie etwas nicht verstanden hätten. Hier könne die Stadt durch Schulung einen höflichen Umgang einüben.

Auch sollten 30-jährige behinderte Frauen nicht in Heimen, sondern in alternativen Wohnformen leben. Stärken sollten betont, geistige Potenzen gefördert werden: ,,Was kann der behinderte Mensch machen, außer dass er im Heim herumsitzt und nichts macht?" Die vom Frankfurter Institut für Frauenforschung erarbeitete Studie stützt sich auf eine Befragung von 390 behinderten Frauen, die in der Stadt leben. 42 Prozent beteiligten sich an der Aktion. ,,Wenn alle geantwortet hätten, dann würde sich das Bild eher verdüstern", hieß es bei der Vorstellung.

Mainzer Allgemeine Zeitung 11.8.99