Vorwort

Behinderte Menschen haben es schwerer im Leben als nichtbehinderte. Deshalb ist es gesellschaftllche Aufgabe, ihr Los lindern zu helfen. Diese Binsenweisheit schien mir geschlechtsneutral zu stimmen - bis 1992 die damalige Hessische Ministerin für Frauen, Arbeit und Sozialordnung, Prof Dr Heide Pfarr, zu einem Werkstattgespräch mit dem Titel einlud "Frauen und Behinderung - eine doppelte Benachteiligung?". Das Ergebnis war, daß sich das Fragezeichen im Titel zum Ausrufezeichen wandelte. Als Konsequenz aus der Erkenntnis, daß behinderte Frauen doppelt benachteiligt sind - nämlich als Behinderte und als Frauen - bildeten wir im Frauenreferat einen Schwerpunkt "behinderte Frauen", den Dagmar Stuckmann federführend bearbeitete.

Als erste Kommune in Hessen richteten wir im Frauenreferat einen Arbeitskreis für behinderte Frauen ein. Titel: ,,Selbstbestimmt Leben". Zentrales Anliegen war es, Frauen mit unterschiedlichen Behinderungen zusammenzuführen, damit sie gemeinsam ihre Interessen, ihre Stärken und ihre Probleme besprechen und sich gegenseitig Hilfestellung geben können. Bald aber stellte sich heraus, daß die individuelle Betroffenheit und Wahrnehmung einzelner nicht genügt, um breite Sensibilisierung und damit Veränderungsmöglichkeiten zu erreichen. Um das Thema auf die politische Tagesordnung zu setzen aber fehlte es an gesicherten verallgemeinerbaren Daten über die Situation von Frauen und Mädchen mit Behinderung in unserer Stadt Die Lücke mußte geschlossen werden.

Dank der Bereitstellung von Forschungsmitteln für das Referat Frauenbeau ftra gte durch Stadtparlament und Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden waren wir in der Lage, diese Studie beim ,,Feministischen lnterdisziplinären Forschungsinstitut (FIF)", Frankfurt, in Auftrag zu geben. Mit Hilfe des Landesversorgungsamts konnten alle 390 in Wiesbaden lebende Frauen zwischen 18 und 30 Jahren, denen ein Grad der Behinderung von mindestens 50 % zuerkannt ist, als Expertinnen ihrer eigenen Situation befragt werden. Dabei bestätigte sich als verallgemeinerbar, was uns bisher nur als individuelle Aussage aus dem Arbeitskreis bekannt war:

- Frauen werden zuerst als ,,Behinderte" wahrgenommen, die von einer wie auch immer gearteten Norm abweichen, und nicht als Frauen oder Mädchen,

- die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wirkt sich auf behinderte Frauen noch verheerender aus als auf nichtbehinderte,

- es gibt Informationsdefizite über Beratungs- und Hilfsangebote,

- es gibt Hindernisse, die abgebaut werden können, wenn sie von der Allgemeinheit wahrgenommen werden und wenn der politische Wille zur Veränderung vorhanden ist

Letzteren soll diese Studie befördern helfen.

Obwohl die Aussagen der Betroffenen zeigen, daß sie darunter leiden, daß sie als ,,defizitäre Wesen" angesehen werden, zeigen die Antworten der befragten Frauen aber auch, daß sie trotz aller Widernisse ein hohes Maß an Selbstbewußtsein entwickelt haben. Ganz gleich, wie schwer die Behinderung ist - hinter den Fragebögen stehen Frauen mit Wünschen, Phantasien und Vorstellungen über die Gestaltung ihres Lebens, über Selbstbestimmung. Viele leisten trotz Behinderung einen aktiven Beitrag zur Gestaltung unseres Gemeinwesens.

Neben den befragten Frauen und den Vertreterinnen der Wiesbadener Institutionen, die diese Studie unterstützt haben, danke ich Frau Dr Britta Dollinger, Leiterin des Amtes für Wahlen, Statistik und Stadtforschung und Frau Dr Jutta Brennecke vom gleichen Amt für ihren wissenschaftlichen Rat.

Insbesondere danke ich dem Landesversorgungsamt, ohne dessen Unterstützung bei der Datenbeschaffung die Studie nicht möglich gewesen wäre.

Wenn es gelingt, neben konkreten kommunalpolitischen Maßnahmen zum Abbau von Einschränkungen von Frauen mit Behinderungen in Wiesbaden, einen Anstoß zum sensibleren Umgang mit behinderten Frauen und Mädchen zu geben, wird die Studie dazu beitragen, das Leben aller behinderten Menschen zu erleichtern, auf daß Artikel 3/III unserer Verfassung seiner Verwirklichung näher kommt:

"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden".

Margot Brunner (Frauenbeauftragte)