Sie leben wie andere in ihrem Alter auch

Dennoch ist die Situation behinderter junger Frauen durch Armut und Ausgrenzung belastet

Behinderte haben mit vielen Widernissen zu kämpfen, schon gar, wenn sie auch noch Frauen sind. ,,Eine doppelte Benachteiligung?« fragte bereits 1992 die damalige Hessische Frauenministerin Heide Pfarr und ein Werkstattgespräch zum Thema ließ aus dem Frage- gar ein Ausrufezeichen werden. Im Wiesbadener Frauenreferat übernahm Dagmar Stuckmann einen neuen Schwerpunkt ,,behinderte Frauen", 1997 wurde vom Referat eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die jetzt in gebundener Form vorliegt. ,,Der etwas andere Alltag« heißt die repräsentative Studie über die Situation junger behinderter Frauen, die erste Totalerhebung in der Bundesrepublik. Die Ergebnisse wurden jetzt dem Magistrat vorgestellt der auch dem Vorschlag zustimmte, dass zwei Arbeitsgruppen sich mit den Konsequenzen aus den Ergebnissen beschäftigen sollen.

Wie Dagmar Stuckmann, deren ,,Abschlussarbeit" kurz vor dem Ruhestand diese Studie nun geworden ist sagte, leben in Wiesbaden rund 18000 Frauen mit einer schweren Behinderung, 6,7 Prozent der Einwohnerschaft. Mit Hilfe des Landesversorgungsamtes wurden alle 390 Wiesbadenerinnen zwischen 18 und 30 Jahre, die eine Behinderung von mindestens 50 Prozent haben, ausfindig gemacht. Den ausgefüllten Fragebogen schickten 42 Prozent zurück. Sieben Lebensbereiche wurden beleuchtet: Familien- und Wohnsituation, Ausbildung, Beruf und Lebensunterhalt, Hilfeleistungen, Arzt-Patientinnen-Verhältnis, Mobilität und Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, Interessenvertretung und Selbsthilfe sowie persönliche Zufriedenheit und Selbstbewusstsein. Einige Klischees wurden beiseite geräumt: Die jungen Frauen, die geantwortet haben, zeigen das Bild einer selbstbewussten Generation, die ihre Vorstellungen und Wünsche deutlich artikuliert und ihre Kritik an Strukturen vorträgt. Auch sind es keineswegs isolierte, partnerlose, nur im Schoße der Familie oder von Betreuungsinstanzen lebende Frauen: Ihre Beziehungen und Lebensformen sind so vielfältig wie die junger Frauen im vergleichbaren Alten Zwar lebt eine relativ große Anzahl (34 0/o) zusammen mit ihren Eltern, aber auch das ist in dieser Alters- und Ausbildungssituation nicht ungewöhnlich. Bei manchen spielt auch die Pflegebedürftigkeit eine Rolle. Eigenständigkeit und Wünsche nach behindertengerechten Wohnungen werden betont.

Bedrückend ist oft der Alltag:

Trotz relativ guter Ausbildung (63 % mit Abschluss) leben die meisten in Armut, auf staatliche Unterstützung angewiesen, auch ist das Ausmaß der ,,Ausgrenzung und Diskriminierung erschreckend. Diese Erfahrung machen die jungen Frauen in Bussen, auf Straßen, bei Veranstaltungen oder auf Ämtern. Deutlich wird außerdem, dass die jungen Frauen mit Behinderung nicht als geschlechtslose Wesen, sondern als Menschen mit weiblicher Identität wahrgenommen werden wollen. In diesem Zusammenhang wird auch das ansonsten eher positiv gewertete Arzt-Patientinnenverhältnis kritisiert. Bei einer schwangeren Behinderten beispielsweise wird in der Regel zur Abtreibung geraten. be

Wiesbadener Kurier 4.8.99