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Überblick: geschlechtsspezifische Assistenz



Bundesweite Umfrage zur geschlechtsspezifischen Assistenz bei behinderten Frauen

Viele Menschen, die schwerbehindert sind, benötigen im Alltag Unterstützung in verschiedenen Lebensbereichen, wie bei der Körperpflege, beim An- und Ausziehen, bei der Erledigung des Haushaltes, bei der Mobilität und bei der aktiven Teilhabe am Leben der Gemeinschaft. Während der Begriff der Pflege nur einen Teilbereich der benötigten Hilfen, nämlich die Leistungen die in der Pflegeversicherung festgelegt werden (§14 8GB XI) umfasst, beinhaltet der Begriff der Assistenz alle Handlungen, für die ein behinderter Mensch in seinem Alltag persönliche Hilfe benötigt, um selbstbestimmt leben zu können. Assistenz umfasst sowohl die persönliche Grundpflege, die Haushaltshilfe, wie auch die Hilfe zur Anteilnahme am Leben der Gemeinschaft. Die Begriffe Pflege und Assistenz werden im folgenden Text entsprechend dieser Definition verwendet.

In den letzten Jahren wiesen körperbehinderte Frauen immer wieder darauf hin, dass sie ein ausdrücklich gesetzlich verankertes Recht auf Assistenz durch eine Frau wünschen. Bislang hängt es in der Praxis häufig von der Flexibilität des anbietenden Pflegedienstes ab, ob den berechtigten Wünschen nach Frauenpflege entsprochen wird, und in einigen Fällen lehnten auch die Pflegeversicherung oder Sozialämter diesen Wunsch aus Kostengründen ab.

Neben der Forderung nach dem ausdrücklichen Wahlrecht der Assistenzperson ist wenig Konkretes über die Situation, die Erfahrungen und die Wünsche assistenzbedürftiger Frauen bekannt. Um grundlegende Einblicke in diesen Bereich zu erhalten, führte die "bundesorganisationsstelle behinderte frauen" im Frühjahr dieses Jahres eine bundesweite Umfrage bei behinderten Frauen mit Assistenzbedarf durch.

Uns interessierte vor allem, welche Erfahrungen behinderte Frauen mit Assistenz gemacht haben, wie zufrieden sie mit ihrer Assistenzsituation sind, ob und warum sie eher männliche oder weibliche Assistenzkräfte bevorzugen und ob behinderte Frauen, die den Wunsch nach Assistenz durch eine Frau haben, diesen durchsetzen konnten.

Allgemeine Angaben

Die bundesorganisationsstelle behinderte frauen verschickte ca. 780 Fragebögen an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie an Einzelfrauen. Bis zum Ende der dreimonatigen Laufzeit der Umfrage wurden insgesamt 100 beantwortete Fragebögen zurückgeschickt. Das ergibt eine Rücklaufquote von 12,8%. Diese Zahl erscheint auf den ersten Blick sehr gering, ist jedoch aufgrund der schwierigen Erreichbarkeit behinderter Frauen durchaus zufriedenstellend. Mit den Ergebnissen der Umfrage, die im folgenden dargestellt werden, können lediglich Tendenzen aufgezeigt werden.

Von den 100 zurückgesendeten konnten 96 Fragebögen ausgewertet werden. Am seltensten geantwortet haben Frauen unter 20 Jahren und am häufigsten wurde der Fragebogen von Frauen zurückgeschickt, die 50 Jahre oder älter sind.

Der überwiegende Teil der befragten Frauen hat eine Körperbehinderung (90%). Als weitere Einschränkungen werden Sinnes- und Mehrfachbehinderungen genannt. 53% der Frauen leben alleine, ca. ein Viertel der Frauen lebt mit einem Partner oder einer Partnerin, und ein geringerer Teil mit Familienangehörigen in einer Wohnung. Frauen, die in einer Pflegeeinrichtung leben (8%), wurden mit der Umfrage kaum erreicht, d.h. die folgenden Aussagen betreffen in erster Linie die ambulante Assistenzsituation von behinderten Frauen.

Die Assistenzsituation Am häufigsten antworteten zwei Gruppen von Frauen: Diejenigen, die sehr wenig Assistenzstunden benötigen, und Frauen, die extrem viel Unterstützung im Alltag benötigen. Fast ein Drittel (33%) aller Frauen, die auf die Umfrage antworteten, benötigt Hilfe rund um die Uhr. Eine etwa gleich große Anzahl von Frauen (34%) gibt an, täglich lediglich bis zu 5 Stunden Assistenz in Anspruch zu nehmen.

Innerhalb der drei anderen möglichen Kategorien zeigt sich eine etwa gleich starke Verteilung. 8 % der Frauen greift bis zu 10 Stunden täglich auf Assistenz zurück. Je 10 % der Frauen geben an, dass sie bis zu 15 und bis zu 20 Stunden täglich Hilfe brauchen.

Am häufigsten benötigen die befragten Frauen Hilfen bei der Mobilität innerhalb und außerhalb des Hauses (91%). Ein großer Teil der Frauen (88%) benötigt Hilfe bei der Körper- und Intimpflege, und zwei Drittel der Frauen (75%) sind auf Hilfe bei der Ernährung angewiesen. Nach der Organisation ihrer Assistenz befragt, gibt die Hälfte der Frauen (50%) an, dass sie ihre Helferinnen und Helfer über einen ambulanten Dienst erhalten. Ein Drittel dieser Frauen organisiert zusätzliche Assistenzkräfte, um die benötigte Unterstützung abzudecken. Die große Mehrheit der Frauen, die ihre Assistenzkräfte über einen ambulanten Dienst erhalten (73%) berichtet, dass der Hilfsdienst ihre Wünsche nach dem Geschlecht der Assistenzkraft abfragt und diese bei der Auswahl der Personen berücksichtigt.

Etwas mehr als ein Drittel der Frauen (37%) gibt an, die Assistenz selbst zu organisieren, ohne einen Hilfsdienst einzuschalten. Ein großer Teil dieser Frauen erhält Unterstützung von Angehörigen und/oder Freunden. Je mehr Hilfe benötigt wird, desto häufiger werden jedoch bezahlte Assistenzkräfte eingesetzt, die nicht zur Familie oder zum Freundeskreis gehören. Die zeitintensive Assistenz eines behinderten Menschen kann vermutlich nicht vollständig durch die Familie abgedeckt werden.

Das Geschlecht der Assistenzkräfte Etwas weniger als die Hälfte der befragten Frauen (45%) hat ausschließlich weibliche Assistenzkräfte, und ein fast ebenso großer Anteil der Frauen arbeitet mit einem gemischt geschlechtlichen Assistenzteam (42%). In diesen Teams wiederum überwiegt meistens die Anzahl der weiblichen Kräfte. Demnach haben insgesamt 87% der befragten Frauen ausschließßlich oder auch weibliche Assistenzkräfte.

13% der befragten Frauen gibt an, ausschließlich mit männlichen Kräften zu arbeiten. Wie bereits dargestellt, haben 42% der Frauen gemischte Assistenzteams, die sowohl aus Männern wie auch aus Frauen bestehen. Demnach arbeiten insgesamt 55% der befragten Frauen ausschließlich oder auch mit männlichen Assistenzkräften. Die Zahl der Frauen, die mit weiblichen Assistenzkräften zusammen arbeitet, ist wesentlich höher als die Zahl der Frauen, die männliche Assistenten einsetzt.

Erfahrungen mit Assistenz Die überwiegende Mehrheit der Frauen (72%) berichtet, dass sie in erster Linie positive Erfahrungen mit weiblichen Assistenzkräften gemacht hat. Ein geringerer Teil der befragten Frauen (19%) erlebte auch negative Situationen mit Assistentinnen. Als negative Erfahrungen werden beschrieben:

* Bevormundung durch Assistentinnen
* Unvermögen, sich in die spezielle Situation einer behinderten Frau hineinzuversetzen
* schlechte Arbeitsmoral (Unzuverlässigkeit)
* Fehlende pflegerische Grundkenntnisse
* Mangelnde körperliche und physische Belastbarkeit
* Konkurrenzsituationen mit Assistentinnen
* Verbale Diskriminierung durch Assistentinnen

Fast die Hälfte der Frauen (47%) gibt an, dass sie überwiegend gute Erfahrungen mit männlichen Assistenten gemacht hat. Ein Viertel der Frauen (25%) machte in der Vergangenheit auch negative Erfahrungen mit männlichen Kräften. Folgende negative Erfahrungen wurden beschrieben:

* Schlechte Qualität der Arbeit (Haushaltsführung, körperliche Verletzungen durch grobe Behandlung)
* Bevormundung durch Assistenten
* Schwierigkeiten, Männer anzuleiten
* Sexuelle Missbrauchserfahrungen
* Verbale Diskriminierung lesbischer Frauen

Als ein Vorteil der Assistenz durch Zivildienstleistende wird beschrieben, dass die jungen Männer leichter anzuleiten seien. Als Nachteile werden aufgeführt, dass die Zivildienstleistenden oft eine schlechte Arbeitsmotivation hätten, die Zivildienstzeit viel zu kurz und der Altersunterschied zu den behinderten Frauen zu groß sei.

Mehrere Frauen, die mit gemischten Assistenzteams arbeiten, sind der Ansicht, dass eine gute Assistenz nicht vom Geschlecht der Assistenzkräfte sondern in erster Linie von der zwischenmenschlichen Beziehung abhängt. Eine Frau drückt ihre Erfahrung folgendermaßen aus: "Negative Erfahrungen haben nicht immer was mit dem Geschlecht zu tun, sondern meist, weil es menschlich nicht passt."

Assistenzwünsche

Durch Fragen nach den Assistenzwünschen der behinderten Frauen sollte herausgefunden werden, ob und wie weit Realität und Wunsch nach geschlechtsspezifischer Assistenz voneinander entfernt liegen. Fast die Hälfte der befragten Frauen (46%) möchte nur mit weiblichen Kräften arbeiten. Da 45% der Frauen angeben, dass sie derzeit rein weibliche Assistenz haben, ergibt sich, dass nur 1% der befragten Frauen das Bedürfnis nach Unterstützung ausschließlich durch Frauen bisher nicht verwirklichen konnte.
Viele der Frauen erläuterten, warum sie männliches Personal grundsätzlich ablehnen. Als Gründe werden vor allem genannt:

* Schlechte Arbeitsqualität bei männlichen Assistenten
* Unangenehmer Eingriff in die Intimsphäre
* Angst vor sexuellem Missbrauch

26% aller befragten Frauen möchten gerne mit einem gemischten Team arbeiten, in dem jedoch die Körperpflege von einer weiblichen Kraft durchgeführt wird, und ca. ein Fünftel der Frauen gibt an, dass ihnen das Geschlecht ihrer Assistenzkraft egal ist, bzw., dass durch ein gemischtes Team männliche und weibliche Aspekte in das Leben der behinderten Frau gebracht werden.

Nur ein sehr geringer Teil der Frauen (4%) wünscht sich, ausschließlich mit männlichen Kräften zu arbeiten. Diese Frauen können sich ihren Wunsch bereits erfüllen. Als Hauptargumente für den Wunsch nach männlicher Assistenz werden die Körperkraft und dadurch bessere Mobilität der Frauen, sowie das handwerkliche Geschick von Männern angeführt. Festgestellt werden kann, dass 13% der Frauen angibt, derzeit nur von männlichen Assistenten unterstützt zu werden, aber nur 4% der Frauen dieses ausdrücklich wünscht. Es bleiben demnach 9% Frauen, die ausschließlich männliche Assistenten haben, dieses aber nicht wünschen. Diese Frauen möchten teilweise oder ganz mit weiblichen Assistenzkräften arbeiten. Im Fragebogen konnte angekreuzt werden, ob weibliche Assistenz nur bei bestimmten Verrichtungen gewünscht wird und welche Verrichtung gemeint ist. Bei der Hilfe zur Ernährung (Kochen/Essen) und bei der Mobilität ist den meisten Frauen das Geschlecht ihrer Assistenzkraft egal. Insgesamt gaben jedoch 72% aller Frauen an, dass die Körper- und lntimpflege ausschließlich von weiblichen Kräften durchgeführt werden soll. Im Vergleich mit der Gesamtzahl der Frauen, die auf Hilfe bei der Körperpflege angewiesen sind (88%) zeigt sich eine Differenz von 16% Frauen, denen es gleichgültig ist, ob Frauen oder Männer ihre Körperpflege durchführen oder die eine rein männliche Assistenz wünschen. Deutlich wird an dieser Stelle jedoch, dass eine übergroße Mehrheit der Frauen ausdrücklich wünscht, dass ihre Körperpflege ausschließlich von Frauen durchgeführt wird.

Bei der Realisierung geschlechtsspezifischer Assistenz liegen Wunsch und Wirklichkeit nicht sehr weit auseinander. Lediglich 1% der befragten Frauen konnte ihren Wunsch nach rein weiblicher Assistenz bisher nicht realisieren und 9% Frauen, die bisher nur mit männlichen Kräften arbeiten, wünschen sich auch weibliche Assistenzkräfte.

Zufriedenheit mit der Assistenzsituation

Etwas weniger als die Hälfte der befragten Frauen (46%) ist mit ihrer jetzigen Assistenzsituation sehr zufrieden. Als Gründe für die Zufriedenheit werden angeführt:

* Eine selbstbestimmte Lebensführung
* Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
* Gute Qualität der Assistenz (Zuverlässigkeit, Kontinuität, Selbstbestimmung der Arbeiten)
* Gute finanzielle Absicherung

46% der Frauen sind mit ihrer Situation nur einigermaßen oder gar nicht zufrieden. Als häufigster Grund für Unzufriedenheit werden fehlende Finanzmittel genannt. Fehlende Gelder haben zur Folge, dass auf ausreichende und qualitativ gute Assistenz verzichtet werden muss. Teilweise müssen behinderte Frauen mit Zivildienstleistenden arbeiten, weil weibliche Kräfte zu teuer sind. Auch der kostenlose Einsatz von Familienangehörigen ist keine Seltenheit. Einige Frauen geben an, dass ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung nicht möglich ist, weil sie mit den vorhandenen Mitteln lediglich ihre Grundpflege abdecken, aber nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Bemängelt wird von einer behinderten Frau, dass die Hilfen zur Pflege einkommensabhängig sind und der Verdienst des Ehemannes in die Berechnung einbezogen wird: "Ich finde es nicht okay, dass das Einkommen des Ehemannes bei der Hilfe zur Pflege berücksichtigt wird. Dies belastet die Ehe sehr. Bei volljährigen Kindern (behindert) wird auch auf eine Unterhaltsprüfung der Eltern verzichtet.

Bei unserer jetzigen Gesetzgebung kann man nur von einer Heirat abraten, wenn man pflegebedürftig ist." Als weiterer häufiger Grund für die Unzufriedenheit mit der Assistensituation wird fehlendes geeignetes Personal genannt. Aufgrund der geringen Entlohnungsmöglichkeiten muss teilweise auf wenig qualifizierte und schlecht motivierte Personen zurückgegriffen werden. Es wird beschrieben, dass geeignete Kräfte auf dem Land schwerer zu finden sind als in der stadt. Eine Frau sieht deshalb sogar einen Ortswechsel in Betracht: "Da mein Assistenzbedarf in den letzten Jahren gestiegen ist und es auf dem Land sehr schwer ist, unabhängige Assistenzgeberinnen zu finden, befürchte ich, später wieder in eine größere Stadt ziehen zu müssen." Auch die Arbeitsqualität der ambulanten Dienste wird häufig kritisiert. Bemängelt wird, dass Urlaubs- und Krankheitsvertretungen häufig fehlen, die Assistenzkräfte schlecht ausgebildet sind und teilweise ein sehr geringes Engagement zeigen. Einige der behinderten Frauen beschreiben, dass sie wenig Einfluss auf Dienstpläne haben, Aktivitäten lange im Voraus planen müssen und sehr unflexibel sind. Sie fühlen sich dadurch in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt.

Alle Frauen, die in einem Wohn- oder Pflegeheim leben, kritisieren die unpersönliche und fremdbestimmte Pflege.

Einige der befragten Frauen äußern grundsätzliche persönliche Schwierigkeiten mit der Assistenzsituation. Das Formulieren eigener Bedürfnisse sowie die übergroße Nähe in der Assistenzsituation werden als problematisch beschrieben. Andere Frauen wiederum beschreiben ein Burn-out Syndrom in Bezug auf persönliche Assistenz, da sie durch ständiges Kämpfen, Organisieren und das Anleiten häufig wechseln der Assistenzkräfte zutiefst erschöpft sind.

Zwischen der Organisationsform der Assistenz und der Zufriedenheit der befragten Frauen besteht kein erkennbarer Zusammenhang . Auffällig ist jedoch, dass von den 12 Frauen, die vom ambulanten Dienst nicht nach ihren Wünschen bezuglich des Geschlechts ihrer Assistenzkräfte gefragt werden, 11 Frauen unzufrieden sind. Je geringer die Mitbestimmungsmöglichkeiten behindeter Frauen bei der Wahl der Assistenzkräfte ist, desto größer ist ihre Unzufriedenheit.

Finanzierung der Assistenz

Fast alle Frauen (91%) erhalten eine Unterstützung zur Finanzierung ihrer Assistenz. Die meisten der Frauen, die eine finanzielle Unterstützung erhalten (67%), halten die bewilligten Mittel zwar für grundsätzlich ausreichend, wünschen sich jedoch mehr Geld, um bessere Löhne zahlen zu können. Eine bessere Finanzierung würde ihnen, wie bereits näher dargelegt, die Beschäftigung besser qualifizierter Kräfte ermöglichen.

Mehr als ein Fünftel der Frauen (24%) erlebt im Alltag, dass die bewilligten Mittel nicht ausreichen, um ihren realen Bedarf an Assistenz abdecken zu können. Lediglich 5 Frauen geben an, dass sie gar keinen Antrag auf Finanzierung gestellt haben, da sie u.a. die Einkommensgrenze überschreiten und damit rechnen, eine Ablehnung zu erhalten.

Zusammenfassung und Ausblick

Die Umfrage macht deutlich, dass die meisten Frauen, die sich weibliche Assistenzkräfte wünschen, ihren Wunsch auch verwirklichen konnten. Nur wenige der assistenzbedürftigen Frauen arbeiten mit männlichen Kräften, obwohl sie ausschließlich weibliche Assistenz oder gemischte Teams wünschen. Einige Frauen wünschen sogar ausdrücklich, auch mit männlichen Assistenten zu arbeiten. Weibliche Assistenz wird von behinderten Frauen vor allem dann gewünscht, wenn sie Körper- und Intimpflege benötigen. Die Arbeit mit weiblichen Kräften wird von einigen Frauen auch als Schutz vor sexueller Gewalt und als Garant für eine bessere Arbeitsqualität gesehen. Männliche Assistenten werden häufig aufgrund ihrer Körperkraft und ihres handwerklichen Geschickes ausgewählt.

Behinderte Frauen mit Assistenzbedarf kritisieren vor allem, dass Gelder zur Finanzierung einer bedarfsgerechten Unterstützung fehlen. Die Knappheit der Finanzmittel hat weitreichende Auswirkungen auf den Alltag. Manche Frauen erhalten so wenig Assistenzstunden, dass sie nur grundlegend versorgt werden, aber nicht am Leben der Gemeinschaft teilnehmen können. Sind die Finanzmittel knapp, so können nur niedrige Löhne gezahlt werden, was zur Folge hat, dass die Auswahl an motivierten, qualifizierten Arbeitskräften nicht groß ist. Aus Geldmangel müssen manche Frauen kostengünstige Zivildienstleistende einsetzen, obwohl sie lieber Assistenz durch Frauen hätten.

Assistenzbedürftige behinderte Frauen, die mit einem ambulanten Dienst arbeiten, wünschen sich, dass sie an der Gestaltung der Dienstpläne und der Auswahl der Assistenzkräfte beteiligt werden, um ihren Alltag selbstbestimmt gestalten zu können. Besonders zufrieden mit ihrer Situation sind jene behinderten Frauen, die eine gute finanzielle Absicherung haben, um eine ausreichende Zahl und geeignete Assistenzkräfte anstellen zu können. Die selbstbestimmte Auswahl der Assistenzkräfte und die Mitgestaltung der Dienstpläne werden als Grundlage für eine selbstbestimmte Lebensführung beschrieben.

Um die Situation vieler assistenzbedürftiger Frauen (und Männer) grundlegend zu verbessern, ist eine ausreichende finanzielle Absicherung notwendig. In einem Interview mit der lnternetzeitschrift KOBINET (vom 15. April 2002) formuliert Elke Bartz vom Forum für selbstbestimmte Assistenz treffend: "Der schönste barrierefreie Zugang, der beste barrierefreie öffentliche Personenverkehr nutzen nichts, wenn die betroffenen Menschen mangels ausreichender Assistenz erst gar nicht aus dem Bett oder aus dem Haus kommen. (...) Jede/r muss selbst entscheiden können, wie sie/er die notwendigen Hilfen organisieren will."

Ebenso wäre eine deutlichere gesetzliche Verankerung des Rechtes, sich bei Bedarf nur von Personen des eigenen Geschlechts pflegen zu lassen, sehr zu begrüßen. Eine solche Regelung würde die Position assistenzabhängiger Frauen in Einrichtungen und gegenüber ambulanten Diensten enorm stärken. Diese müssten dann die Wünsche behinderter Frauen bei der Auswahl einer Assistenzkraft abfragen und berücksichtigen.

info - informationsblatt bundes organisationsstelle behinderte frauen
nr. 11 september 2002
seite 1 bis 6


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