Behinderte Frauen benötigen mehr Information und Beratung
Engagement in SchwerbehindertenVertretungen muß
größer werden / MARION LIENIG
Anfang November 1996 fand im Dienstgebäude
des Landschaftsverbands Rheinland in Köln eine Tagung ,,Mittendrin?
Frauen und Mädchen mit Behinderungen in der Arbeitswelt"
statt, die vom Ministerium für die Gleichstellung von Frau
und Mann des Landes Nordrhein-Westfalen und vom Netzwerk von Frauen
und Mädchen mit Behinderungen veranstaltet wurde. In fünf
Arbeitsgruppen und im Plenum diskutierten rund hundert behinderte
Frauen und auch Männer aus Selbsthilfegruppen, Verbänden,
Schwerbehindertenvertretungen und Vertreter der Hauptfürsorgestellen
und formulierten Forderungen an Politik und Gesellschaft.
Hausherr Ferdinand Esser, Landesdirektor des Landschaftsverbands Rheinland, sagte in seinem Grußwort, daß es zwar ein umfangreiches Netz an Hilfen für behinderte Menschen gebe, aber die Belange behinderter Frauen dabei zu kurz kämen. Vielfach sei aber auch der Informationsstand zu gering, sowohl über die Situation behinderter Frauen als auch bei den Betroffenen selbst über die Hilfsmöglichkeiten. Man habe das Problem erkannt und wolle dem durch bessere Information und eine stärkere Berücksichtigung von Frauen bei Förderprogrammen abhelfen.
Auf der Tagung wurde auch das vom Gleichstellungsministerium in Auftrag gegebene und von Dr. Mathilde Niehaus erstellte wissenschaftliche Gutachten zur Lebenssituation behinderter Frauen in Nordrhein-Westfalen vorgestellt. Bislang lagen zu diesem Thema nur wenig gesicherte Daten vor. Ergebnis der jetzt vorgelegten Studie: Die soziale Lage behinderter Frauen und Mädchen ist bedrückend.
Zur Zeit leben in Nordrhein-Westfalen 1,9 Millionen amtlich anerkannte Schwerbehinderte, 900 000 davon sind Frauen. Es ist zu vermuten, daß noch mehr Frauen behindert sind, aber bei den Versorgungsämtern keinen Schwerbehindertenausweis beantragt haben und so nicht in der Statistik auftauchen. Viele behinderte Frauen (rund 40 Prozent) leben allein, viele sind arbeitslos oder haben nur ein geringes Einkommen. Behinderte Frauen sind deutlich seltener verheiratet und öfter geschieden als behinderte Männer. Fast 18 000 schwerbehinderte Frauen sind in Nordrhein-Westfalen arbeitslos gemeldet, über die Hälfte ist langzeitarbeitslos. Die Mehrzahl der behinderten Frauen (58 Prozent) hat keine abgeschlossene Berufsausbildung. Frauen haben bei der beruflichen Rehabilitation nur einen Anteil von einem Drittel, obwohl sie 47 Prozent der Behinderten stellen.
Haben schwerbehinderte Frauen Arbeit, verdienen sie zum überwiegenden Teil lediglich zwischen 1000 und 1400 Mark netto und liegen damit am unteren Ende der Einkommensskala. Der grüßte Teil der behinderten Männer verdient zwischen 2200 und 3000 Mark netto. Weniger Einkommen bedeutet - darauf wies Gertrud Servos vom Netzwerk hin - aber auch weniger Möglichkeiten, sich Hilfe und Assistenz zu verschaffen.
Gleichstellungsministerin Ilse Ridder-Melchers kündigte an, daß das Beratungsangebot für Behinderte auf Landesebene so aufgearbeitet und koordiniert werden soll, daß Frauen qualifizierte Ansprechpartnerinnen in Wohnortnähe finden. Die Frauenbesuftragten müssen für die Situation behinderter Frauen und Mädchen sensibilisiert werden, Schwerbehindertenvertretungen und Frauenbesuftragte stärker als bisher miteinander kooperieren. Die Geschäftsstelle des Netzwerks in Münster und einige Modellprojekte werden vom Gleichstellungsministerium bereits unterstützt.
Diese Forderungen und Maßnahmen fanden Zustimmung bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die aber ihrerseits in der Diskussion und in den Arbeitsgruppen ,,Übergang von Schule in Ausbildung und Beruf", ,,Beruflicher Wiedereinstieg nach Rehabilitation und/oder Familienphase", ,,Werkstätten und neue Arbeitsformen", ,,Möglichkeiten der Teilhabe in Politik und Wirtschaft" und ,,Lesben mit Behinderungen in der Arbeitswelt" weitere Forderungen aus der Sicht der Betroffenen aufstellten.
Durchgängig war zu hören, daß die Bereitschaft, sich in Schwerbehindertenvertretungen zu engagieren, größer werden müsse.
Zustimmung fand auch Ferdinand Esser, der forderte, daß die Ausgleichsabgabe für nicht besetzte Schwerbehindertenpflichtarbeitsplätze endlich deutlich erhöht, am besten verdoppelt werden müsse. Kritik verschiedenster Art - Ablehnung von Anträgen, Qualifikation der Arbeitsberater, mangelnde Information etc. - ging auch an die Hauptfürsorgestellen, Versorgungsämter und Fachberater der Arbeitsämter. Das Berufsangebot in der Rehabilitation sei zu männerorientiert.
Ein erheblicher Kritikpunkt waren auch die Pflegekriterien der Pflegeversicherung. Bestimmte Pflegeleistungen wie Monatshygiene seien nicht vorgesehen, andere Leistungen nicht ausreichend. Einmal in der Woche Haarewaschen sei einfach zu wenig. Größtes Problem aller Frauen, die Assistenz benötigen: Sie können sich die Pflegekräfte in der Regel nicht selbst aussuchen und wählen, ob sie von einem Mann oder einer Frau gepflegt werden wollen.
Die Diskussionen machten auch deutlich, wie groß
der lnformationsbedarf ist und wie wenig die einzelnen Angebote
für Frauen und Behinderte koordiniert und kombiniert sind.
Kann eine behinderte Frau und Mutter, wenn sie in den Beruf zurückkehren
möchte, die Wiedereinstiegsprograrnme für Frauen nach
der Familienphase in Anspruch nehmen? Wer gibt ihr darüber
Auskunft? Wie sieht es aus, wenn sich behinderte Frauen selbständig
machen wollen? Welche Hilfen können sie von den Hauptfürsorgestellen
erwarten, welche von den Sonderprogrammen für Existenzgründer?
Teilzeitarbeit in Werkstätten
Die in den Arbeitsgruppen formulierten Forderungen lauteten dann auch immer wieder: mehr Information und Vernetzung, integrative Schulen und Ausbildung, besserer Informationsfluß zwischen Hauptfürsorgestelle, Arbeitsamt und Arbeitgeber, qualifizierte Fachberatung von, für und mit behinderten Frauen, Frauenfördermaßnahmen für behinderte Frauen bekanntmachen, Berufsberatung nach Fähigkeiten, nicht nach Behinderung, neue Arbeitsformen ausprobieren, Teilzeitarbeit auch in Werkstätten, mehr Beteiligung von Frauen bei der Schwerbehindertenvertretung, betriebliche Entscheidungen nur mit der Schwerbehindertenvertretung, mehr Mitbestimmung in Werkstätten und Schulen etc.
Besonders schwierig ist die Situation für Frauen
in den Werkstätten für Behinderte. Hier fehlen oft eigene
Räume für die Frauen, die Beratung ist unzureichend,
es gibt kaum berufliche Perspektiven, Teilzeitarbeit ist kaum
möglich. Die Arbeitsgruppe mahnte an, die behinderten Frauen
in den Werkstätten auf solchen Tagungen nicht zu vergessen.
Lesbische behinderte Frauen erleben oft zusätzliche subtile
Diskriminierung oder offene Anmache am Arbeitsplatz. Sie fordern
das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität und darauf,
daß ihre Lebensweise ernstgenommen wird.
VdK Zeitung - Februar 1997