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Klassenzugehörigkeit und Gesundheit


Ungesunde Ungleichheiten

Warum soziale Hierarchien krank machen
Von Vicente Navarro

Gesundheit ist nicht nur eine Überschrift für neue Lebensstile, Marketing- und Normalisierungsstrategien. Gesundheit entscheidet auch über Lebensqualität und Lebensdauer. Nicht nur materielle Ungleichheit, auch der individuelle Abstand zur realen oder imaginären gesellschaftlichen Mitte beeinflusst die Lebenserwartung. Warum die Schere zwischen denen, die früher und denen die später sterben, auch im globalen Norden immer weiter auseinander klafft, zeigt der Beitrag von Vicente Navarro.

Die wachsenden Ungleichheiten, die wir heute in der Welt beobachten, haben äußerst negative Auswirkungen auf die Gesundheit und Lebensqualität der Bevölkerungen. Zwar stimmt, wie viele neoliberale und konservative Autoren nicht müde werden zu betonen, dass Gesundheitsindikatoren ( 1 ) in vielen Teilen der Welt steigen, sogar in manchen Ländern des Südens. Leider wird aber meist vergessen zu erwähnen, dass sich die Steigerung in fast allen Ländern verlangsamte, in denen soziale Ungleichheit zunahm. In vielen Staaten, einschließlich der USA, hat sich die seit 1953 beobachtete positive Entwicklung dieser Indikatoren sogar umgekehrt. Laut dem letzten Bericht des National Center for Health and Vital Statistics steigt die Kindersterblichkeit in den USA an. ( 2 ) Die Verschärfung von Ungleichheit ist also schlecht für die Gesundheit. Aber warum?

Sterben nach Gehaltsstufen

Eine mögliche Antwort auf diese Frage ist, dass Zunahme von Ungleichheit immer auch Zunahme von Armut bedeutet. Der Lebensstandard von bestimmten Menschen wird sehr viel besser und der von anderen sehr viel schlechter. Und innerhalb der letztgenannten Gruppe sinken die Gesundheitsindikatoren. Auch wenn dies nicht ganz falsch ist, so ist es doch nicht die ganze Wahrheit. Was aber ist die Wahrheit? Ungleichheit ist als solche schlecht—was heißt, dass die Distanz zwischen sozialen Gruppen und Individuen und der mangelnde soziale Zusammenhalt, den diese Distanz hervorruft, schlecht für die Gesundheit und Lebens-qualität von Menschen ist. Studien unter britischen Verwaltungsangestellten ergaben, dass die Lebenserwartung unter den Top-Angestellten auf Gehaltsstufe 32 höher liegt als die der Angestellten auf Stufe 31, die wiederum eine höhere Lebenserwartung haben als Verwaltungsangestellte auf der Stufe 30 und so weiter, bis sich schließlich die niedrigste Lebenserwartung auf Stufe 1 findet.

Es gibt keine Armut unter britischen Verwaltungsangestellten, aber es gibt signifikante Differenzen in ihren Lebenserwartungen. Dasselbe Ergebnis fand man in anderen Ländern, zum Beispiel in Spanien: Wir untersuchten Lebenserwartung entlang der Kategorie soziale Klasse und fanden heraus, dass Mitglieder des Großbürgertums im Durchschnitt zwei Jahre länger leben als Mitglieder der höheren Mittelklasse, die wiederum zwei Jahre länger leben als Mittelklasse-Angehörige, die wiederum zwei Jahre länger leben als Facharbeiterlnnen, die wiederum zwei Jahre länger leben als ungelernte ArbeiterInnen, die ihrerseits zwei Jahre länger leben als Langzeitarbeitslose. Die Differenz zwischen den beiden äußeren Polen —Großbürgertum und Langzeitsarbeitslose —beträgt zehn Jahre. Durchschnittlich liegt diese Distanz in Europa bei sieben, in den USA bei vierzehn Jahren. ( 3 )

Woher kommen diese Unterschiede in der Lebenserwartung? Viele Studien haben versucht, diese Frage zu beantworten. Und das Ergebnis ist offenkundig: Soziale Distanz und das Ausmaß, in dem diese Distanz von Menschen wahrgenommen wird, ist — zusammen mit dem Mangel an sozialem Zusammenhalt, den diese Distanz hervorruft — die Ursache des Problems. Was das heißt, wird deutlich, wenn wir die Lebenserwartung einer armen Person in den USA (mit 12.000 Dollar im Jahr) vergleichen mit der Lebenserwartung eines Mittel klasse-Angehörigen in Ghana (mit ungefähr 9.000 Dollar jährlich). Die arme Person aus den USA hat vermutlich mehr materielle Ressourcen als die Mittelklasse-Person aus Ghana. Der/die US-Bürgerln hat vielleicht ein Auto, einen Fernseher, eine größere Wohnung und andere Annehmlichkeiten, die die Beispiel-Person aus Ghana nicht hat, obwohl sie der Mittelklasse angehört. Wäre die Welt eine einzige Gesellschaft, dann wäre der/die Arme aus den USA Teil der weltweiten Mittelklasse und die Mittel-klasse-Person aus Ghana wäre Teil der globalen Armen und sicherlich ärmer als die Armen in den USA. Und doch hat die arme Person aus den USA eine kürzere Lebenserwartung als der/die Bürgerin in Ghana, nämlich zwei Jahre weniger, um genau zu sein.

Warum? Die Antwort ist einfach. Es ist schwieriger, eine arme Person in den USA zu sein, als eine Mittelklasse-Person in Ghana. Für die arme Person in den USA ist die schlimmste Komponente ihrer Existenz nicht unbedingt die Abwesenheit materieller Ressourcen, sondern vor allem ihr oder sein sozialer Abstand zum Rest der Gesellschaft. Sie fühlt sich frustriert, als Versagerln, unfähig, die Erwartung zu erfüllen, ein erfolgreiches Mitglied des Mainstream zu werden und dessen Lebensstandard zu erreichen.

Mainstream, der keiner ist

Dabei liegt der Lebensstandard derjenigen, die vor allem in den Medien als Mainstream repräsentiert werden, weit höher als der reale durchschnittliche Lebensstandard. Tatsächlich korrespondiert das Image des Mainstream nicht mit der Realität der durchschnittlichen Person in unseren Gesellschaften. Die meisten TV-Charaktere sind Berufstätige aus der höheren Mittelklasse. Sehr selten sind beispielsweise Arbeiterinnen, Krankenpfleger, Tischler oder Taxifahrerinnen als Hauptfiguren in TV-Filmen zu sehen. Die Medien des Establishment vermitteln normalerweise ein falsches Bild davon, wie der/die durchschnittliche US-Bürgerln lebt und arbeitet. Der „American Dream“ schließt eine idealisierte Vision davon ein, was US-Amerikanerinnen mehrheitlich sind. Und die Frustration derjenigen, die sich selbst nicht als Teil dieses Mainstream begreifen können, produziert Pathologien. Es ist sowohl in materieller wie in emotioneller Hinsicht sehr schwierig, sich außerhalb dessen zu befinden, was das US-Establishment als Mainstream definiert. Darüber hinaus erklärt der brutale Mangel an politischen oder kollektiven Ressourcen, die zur Verteidigung der Interessen der arbeitenden Menschen in den USA dienen könnten, das enorme Gefühl von Ohnmacht und mangelnder sozialer Einbindung, das die Mehrheit dieser Menschen empfindet. Und diese Gefühle machen krank.

Wir haben herausgefunden, dass Länder mit starken Arbeiterbewegungen und Gewerkschaften, in denen sozialdemokratische und sozialistische Parteien über längere Zeit regierten, stärkere VerteiIungspolitiken und Ungleichheit reduzierende Maßnahmen des universalistischen Typs entwickelt haben. Dabei handelt es sich um Maßnahmen, die im Unterschied zu Armutsbekämpfungs- oder einkommensbezogenen Hilfsprogrammen alle Menschen einbeziehen. Diese arbeiterfreundlichen Länder haben durchgängig bessere Gesundheitsindikatoren als Länder mit schwachen Arbeiterbewegungen. Der Grund für diesen Unterschied liegt darin, dass das Gefühl für das soziale Eingebundensein, von Handlungsfähigkeit und Partizipation in den arbeiterfreundlichen Ländern größer und das Gefühl der sozialen Distanz kleiner ist als in bourgeoisie-freundlichen Ländern wie den USA. Und die empirische Evidenz für diese These ist nahezu überwältigend. ( 4 ) Doch man würde das nicht bemerken, wenn man allein die medizinische Literatur in den USA zu Rate zöge. Diese konzentriert sich praktisch ausschließlich auf biologische, genetische und Verhaltens-Aspekte von Gesundheit und nur sehr selten auf soziale und politische Determinanten — was wiederum die ideologische Agenda der wissenschaftlichen, medizinischen und Public Health-Forschung offen legt.

Größtes Gesundheitsrisiko: Unterklassenzugehörigkeit

Forscher in Großbritannien haben festgestellt, dass die Periode mit dem auffälligsten Anstieg der Lebenserwartung in Großbritannien paradoxerweise die Jahre des Zweiten Weltkrieges umfasst. Und obwohl sicher auch die Verbesserung der Ernährungssituation durch staatliche Rationierungsprogramme zu dieser Situation beitrug, steht fest, dass der wichtigste Grund für dieses Phänomen die Reduktion der sozialen Distanz war. Menschen aller Klassen folgten demselben Projekt, nämlich dem Krieg gegen die Nazis und brachten Opfer für eine Sache, an die sie glaubten. Zeitzeugen berichten, dass sie niemals zuvor eine solche Solidarität untereinander erlebt hatten. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl wurde ergänzt durch öffentliche Maßnahmen, die manche Privilegien des Establishment beschnitten; Maßnahmen, die die Unterstützung der Bevölkerung für die Kriegsanstrengungen sichern sollten und die Ungleichheiten reduzierten. Klassen und Klassendifferenzen existierten nach wie vor, aber die sozialen Abstände waren merklich reduziert, was sich in einem Anstieg der Lebenserwartung innerhalb der meisten sozialen Gruppen niederschlug.

Als ein Beispiel für das andere Extrem können wir uns Großbritannien in der Thatcher-Ära ansehen: Neoliberale Politiken wurden implementiert und produzierten höhere soziale Ungleichheiten. In der Folge verlangsamte sich die Senkung der Sterblichkeitsrate gegenüber den vorausgegangenen 20 Jahren in allen Altersgruppen und in fast allen sozialen Klassen signifikant. Das Gefühl der Unsicherheit, der größere Mangel an sozialem Zusammenhalt und der Darwinsche Wettbewerb, den die Thatcher-Politiken ausriefen, beeinflusste die Gesundheit der Mehrheit der britischen Bevölkerung merklich negativ. Es ist anzunehmen, dass in den USA während der 1980er Jahre dasselbe passierte. Unglücklicherweise gibt es keine Auflistung von Sterblichkeitsraten nach sozialer Klasse in den USA. Damit sind die USA eines der ganz wenigen Länder, die den Faktor Klasse in den nationalen Gesundheits- und Bevölkerungsstatistiken nicht berücksichtigen. Man entwickelt Statistiken entlang der Faktoren Gender und „Rasse“, aber nicht nach Klasse — und das, obwohl die Klassenunterschiede in Bezug auf die Sterblichkeit sehr viel größer sind als „Rassen“- oder Geschlechterunterschiede. Klassendiskriminierung ist der häufigste und zugleich der am wenigsten diskutierte Typ von Diskriminierung in den USA — und das, obwohl Klasse die wichtigste Variable für die Vorhersage von Leben und Sterben in diesem Land ist. ( 5 ) Das ist die Realität hinter den Sterblichkeitsstatistiken, auf die man acht geben sollte, aber nicht acht gibt.

Vicente Navarro ist Professor für Politik und Soziologie an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, USA und an der Pompeii Fabra University, Barcelona sowie Chefredakteur des International Journal of Health Services.

Der hier veröffentlichte Artikel ist die übersetzte und redaktionell bearbeitete Fassung eines Vortrags, den Vicente Navarro 2003 an der Johns Hopkins Medical School gehalten hat und der im Juni 2004 in der Monthly Review, (Jg. 56, Heft 2) veröffentlicht wurde:

www.monthlyreview.org

Übersetzung: Stefanie Graefe

Anmerkungen:

1) Gesundheitsindikatoren sind — laut Definition der WHO — u.a. Säuglingssterblichkeit, Kindersterblichkeit, Geburtenziffer, Lebenserwartung bei Geburt, Müttersterblichkeit, Geburtsgewichtsverteilung, Verteilung von Infektionskrankheiten. zurück zum Text
2) Infant Mortality Tables 1946—2002, National Center for Health Statistics, U.S. Department of Health and Human Resources, Washington, DC., 2004 zurück zum Text
3) Vicente Navarro, ed., The Political Economy of Social lnequalities: Consequences for Health and Quality of Life (Amityville, N.Y.: Baywood, 2002) zurück zum Text
4) Vicente Navarro, ed., The Political and Social Context of Health (Amityville, N.Y.: Baywood, 2004) zurück zum Text
5) Vicente Navarro, Race or Class versus Race and Class: Mortality Differentials in the U.S., Lancet 336 (1990): 1238—1240 zurück zum Text

Aus: Fantomas. Sonderbeilage zu ak – analyse und kritik, Nr. 7, Sommer 2005, S. 34-35


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