Fast alle, die sich öffentlich über behinderte Menschen äußern, sagen, behinderte Menschen würden als asexuelle Wesen, als Neutren behandelt. Sexualität oder gar Lust wird uns abgesprochen.
Unsere Körper werden von Medizinern und verwandten
Berufen immer wieder auf die Behinderung reduziert und schließlich
insgesamt als minderwertige Objekte betrachtet, die es zu reparieren
gilt. Durch solche Entfremdung haben etliche Menschen ein gleichgültiges
oder sogar ablehnendes Verhältnis zu ihrem Körper -
und trotzdem leugnet fast niemand den Wunsch nach Nähe und
Wärme, das Interesse, sexuelles Subjekt zu sein. Natürlich
ist der Frust groß, wenn alle bisherigen Versuche scheiterten,
einen Lebens- oder auch nur "Lebensabschnittspartner"
(wie es neudeutsch heißt) zu finden.
Auf der anderen Seite erlebe ich sehr viele behinderte
Menschen, die in lockeren Verhältnissen, festen Partnerschaften
oder Ehen leben. Sicher ist es kein einfaches Unterfangen, eine
Partnerschaft als Lebensmodell zu verwirklichen, von der frau
träumt.
Aber seien wir ehrlich: das hat nicht in erster Linie
mit der Behinderung zu tun, das Problem haben alle Menschen. Wir
wollen heute zwar auch über unsere Schwierigkeiten reden,
aber in erster Linie über unsere Möglichkeiten.
Fünf Sinne hat der Mensch, und alle sind sehr gut geeignet, erotische Signale aufzunehmen und auszusenden.
Ich kenne keinen behinderten Menschen, dem alle Sinne fehlen, der keine Möglichkeit hätte, erotische Signale auszusenden.
Wenn aber die biologischen Möglichkeiten vorhanden sind, was behindert unsere Sinnlichkeit so, daß wir unsere Sexualität nicht oder nur beschränkt ausleben?
Ich denke, es sind zu einem Teil die Urteile und Vorurteile, die andere über uns haben. Ich denke aber, die Urteile und Vorurteile, die wir über uns selber haben, sind oft viel entscheidender.
Auf jeden Fall kommt es darauf an, daß nicht
"die Gesellschaft" über uns redet, sondern wir
über uns.
Es ist ja auch nicht so, daß die gesamte Öffentlichkeit behinderte Menschen als Neutren behandelt. Es gibt behinderte Fotomodelle, und vor einigen Jahren bewarb sich eine amerikanische Rollstuhlfahrerin beim Playboy und wurde "Playmate des Monats".
Das zeigt auch das doppelte Gesicht von Integration - wollen wir wirklich überall mittendrin beteiligt sein? Oder können wir uns die Sparten herauspicken, an denen wir selbstverständlich beteiligt sein wollen und diejenigen, wo wir unsere Ruhe haben wollen? Gibt es dieses "Wir" überhaupt? Will nicht jede von uns ein bißchen was anderes??
Es ist höchste Zeit, die Themen Liebe, Lust und Leidenschaft zu trennen von Zeugung, Schwangerschaft, Elternschaft sowie den gesellschaftlichen Problemen, die dabei auftauchen. Das sind medizinische Fragen, das hat mit Verantwortung und Pädagogik zu tun.
Was haben Liebe, Lust und Leidenschaft mit Heiraten
und Kinderkriegen zu tun?
Manche behaupten sogar (und ich gehöre dazu), daß die Ehe der Tod jeder Leidenschaft ist.
Ich will auch nicht wissenschaftlich referieren oder mit medizinisch-psychologischen Statistiken langweilen, sondern von mir selbst ausgehen.
Seh- und Hörbehinderte kenne ich nicht so intensiv, und über
die Sexualität geistig behinderter Frauen will ich mich überhaupt
nicht äußern, da in unserem Kreis keine betroffene
Frau ist.
Nur eine Bemerkung gestatte ich mir: viele Pädagogen und
Eltern plädieren für eine Sterilisierung geistig behindeter
Frauen, und ich habe sehr stark das Gefühl, daß sie
ihnen eigentlich schon sexuelle Aktivitäten zugestehen möchten
- aber sie können das leichter tolerieren, wenn jegliche
Schwangerschaft ausgeschlossen ist.
Ich möchte von meiner eigenen Geschichte ausgehen, denn ich
glaube, dem Thema behinderte Sinnlichkeit können wir nur
durch große Offenheit beikommen, also versuche ich, den
ersten Schritt zu machen.
Als Kind war ich weitgehend integriert, ich besuchte die Regelschule, spielte mit den Nachbarskindern. Doch dann, in der Pubertät, wurde ich einsam, isoliert. Klassenkameradinnen erzählten mir ihren Liebeskummer, und wenn ich Pech hatte, dann hatten sie diesen Kummer gerade mit dem Jungen, an dem ich selbst interessiert war. In meinem Kopf muß um diese Zeit das Vorurteil entstanden sein: Der Mann, der sich für mich interessiert, der muß selbst ne Macke haben...
Mein Bruder freundete sich mit 15 mit einem behinderten Mädchen an - und unsere Mutter torpedierte das - mit dem Argument, er könne dieses Mädchen ja nicht heiraten! Das war ein deutlicher Seitenhieb.
Für mich selbst erinnere ich mich, daß ich schon als
kleines Mädchen zu hören bekam: Männer sind nichts
für dich, heiraten wirst du sowieso nicht etc. Ich habe dann
beinahe aus Trotz mit gerade mal 18 Jahren doch geheiratet. Beziehungen
waren für mich (wie für viele meiner nichtbehinderten
weiblichen Angehörigen) nichts schönes, sondern vor
allem Mittel zum Zweck.
Ich habe die dunklen Seiten des Themas ausgiebig kennengelernt:
Gewalt, Vergewaltigung, und all das. Doch auf der anderen Seite
war es eben nicht so, daß ich die Schnauze so von Sex und
Liebe vollgehabt hätte, daß ich hätte ganz ohne
leben wollen.
Mein größtes Problem war immer meine Inkontinenz. Als
ich dann ab 1980 zur Dialyse mußte, brachte das zwar eine
Menge zusätzlicher Einschränkungen im sonstigen Leben,
aber die Inkontinenz verschwand, da eine kaputte Niere eben keinen
Urin mehr produziert. Ich fand diesen "Preis" zwar unverschämt
hoch, aber ich akzeptierte ihn - eine Wahl hätte ich eh nicht
gehabt.
Jetzt war ich "nur noch" Rollifahrerin, und das konnte jeder sehen, und wer mit so einer Frau nichts zu tun haben wollte, konnte mir eben aus dem Weg gehen. Auf dieser Basis habe ich dann versucht, vieles nachzuholen - immer nach dem Motto "Hannovers Männer und Frauen - wo seid ihr?"
Es war eine sehr chaotische Zeit, und trotzdem hatte ich erst jetzt meine ersten wirklich positiven sexuellen Erlebnisse.
Ich war frei - wenn auch im doppelten Sinn des Wortes - es gab
keine Bindung, aber auch keine Verbindlichkeit. Aber es gab sehr
viel Lust. Sex war einige Zeit das wichtigste Element in meinem
Leben. Ich habe zwei Jahre gebraucht, bis ich zu einer festen
Beziehung fähig war - und diese hält mit allen Höhen
und Tiefen bis heute. Toi, toi, toi...
Wie gravierend die Einschränkungen durch Inkontinenz sind,
wissen viele. Und selbst heute noch, da ich seit einiger Zeit
mit Darminkontinenz zu kämpfen habe, macht mir dies sehr
viel aus - mehr als meinem Partner.
Aber ich bemühe mich mittlerweile, mich von solchen Problemen
nicht völlig blockieren zu lassen. Es zeigt mir nur ganz
deutlich, wenn wir selbst unsere Körper nicht akzeptieren,
wird es auch niemand anderes tun. Wenn wir die Erwartung haben,
daß ein intakter Körper das wichtigste ist, werden
wir auch immer wieder damit konfrontiert.
Viele komplett querschnittgelähmte Frauen sagen: Was solls,
ich spüre ja doch nichts. Aber das ist so nicht wahr! Frau
kann im nicht gelähmten Bereich erogene Zonen ausbauen und
neue entdecken. Und es ist durchaus möglich, im gelähmten
Bereich gestreichelt zu werden, und mit Augen und Händen
zu spüren, was frau mit Beinen und Bauch nicht mehr direkt
spürt, frau kann sich vorstellen, wie sich das früher
anfühlte. Sicher - ein genitaler Orgasmus ist bei einer kompletten
Lähmung nicht möglich, aber Verlangen und das Gefühl
von Befriedigung ist nach wie vor da. Eine querschnittgelähmte
Frau sagte mir: "Es gibt für mich bei der Sexualität
keinen qualitativen Unterschied zwischen den Situationen vor und
nach dem Unfall. Es ist einfach anders... Es gibt nur einen kleinen
Unterschied zu Nichtbehinderten: Im Stehen kann ich es nicht mehr!"
Wer geliebt werden will, muß zuerst sich selbst lieben. Wir müssen uns mit unserer eigenen Körperlichkeit beschäftigen, auch wenn uns so ein Thema noch mehr Herzklopfen macht als das "drüber reden".
Wir brauchen positive Erfahrungen mit uns selbst, mit unseren
Körpern und unseren Sinnen, nicht nur irgendein theoretisches
Bewußtsein im Kopf.
Nicht die objektiven oder subjektiven körperlichen Möglichkeiten sind für eine erfüllte Sexualität verantwortlich, sondern das, was wir und unsere Partner im Kopf haben, ist entscheideend. Ob wir selbst "es" uns vorstellen können, und ob die Menschen es können, denen wir begegnen.
Vorurteile, Vermutungen und Ängste verhindern so viele positive Dinge im Leben. Also laßt uns darüber reden.
Wenn ich nicht darüber reden kann, sind Mißverständnisse
und Verständnislosigkeit vorprogrammiert. Damit hängt
auch die Frage der Erwartungen zusammen: Was will ich von einem
Partner, was will der Partner von mir? Was wünsche ich mir,
was wünscht sich mein Gegenüber? Natürlich werden
Wünsche und Vorstellungen auch von negativen Erlebnissen
und der Angst vor Ablehnung beeinflußt.
Ich persönlich habe viele sogenannte Nichtbehinderte erlebt, die solche Ängste genauso haben und sich dadurch völlig blockieren.
Für sie war ich immer so etwas wie der letzte Versuch, und sie waren zutiefst verletzt, wenn ich, die Krüppelfrau, sie nicht mit offenen Armen empfangen habe.
Ich wollte nicht die Frau zweiter Wahl sein, wie es mal ein Rollstuhlfahrer
zu mir sagte. Aber bis ich das schaffte, war es ein weiter Weg.
Wenn wir "in den Spiegel schauen", dann sollten wir
auch wirklich hingucken. Wir sollten uns selbst erforschen, unsere
Schokoladenseiten sehen und lernen, sie zu betonen und stolz auf
uns zu sein. Wie sollen wir von anderen Befriedigung erwarten,
wenn wir mit uns selber nicht zufrieden sind?
Oft schauen wir bloß in den Spiegel, um zu schauen, ob ein Kleidungsstück richtig sitzt, ganz praktisch und funktional.
Manchmal schauen wir auch in den Spiegel, um unsere Wirkung zu betrachten. Find ich mich hübsch?
Aber schauen wir uns auch mal ungeschminkt und unbekleidet im
Spiegel an? Wie finden wir uns dann?
Ich weiß selbst, wie schwierig das ist und wie viele Jahre
ich gebraucht habe, bis ich mir einen großen Spiegel in
den Flur gestellt habe - und wie lange es dann noch gedauert hat,
bis ich nackt daran vorbeifahren konnte, ohne wegzuschauen.
Wir müssen uns selbst ernst nehmen, uns annehmen, und gleichzeitig
an uns arbeiten, damit wir uns nicht für graue Mäuse
halten (und uns dann auch so benehmen), sondern auf uns selbst
stolz sind, uns attraktiv machen.
Wir entsprechen nicht dem üblichen Schönheitsideal,
aber wir sind ganz besondere Individualistinnen, und damit sind
wir eigentlich viel interessanter als die große, graue Masse.
Wir wollen hier über uns reden, uns über unsere Gefühle
als Frauen austauschen und uns zu entwickeln.
Wir lassen viele wichtigen Elemente lieber unerwähnt, sie sollen im Dunkeln des Privaten bleiben. Wir wählen aus, was und wieviel davon wir - selbst in so einem relativ geschützten Rahmen - ver-öffentlichen. Unsere Fotoausstellung soll einen optischen Rahmen geben - aber auch wir haben keine Fotos von uns an die Wand gehängt! Dabei ist die Abwehr sogar noch schneller als die Frage: wie könnte ein Foto aussehen, auf dem ich mich erotisch finde? Wie sehe ich mich?
Wie sehen andere mich?
Wie möchte ich, daß andere mich sehen??
Diese Frage sollten wir uns immer wieder stellen, in jedem Lebensabschnitt
aufs neue, vielleicht sogar jeden Tag.
Petra Rieth